bedeckt München

Greuther Fürth:Zurück zur Leichtigkeit

SpVgg Greuther Fürth - Hannover 96

Branimir Hrgota.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Angetrieben vom Schweden Branimir Hrgota beeindruckt Fürth die Konkurrenz in der zweiten Liga: Wo die Spielvereinigung auftritt, ist gerade Spektakel angesagt.

Von Thomas Gröbner

"Wir müssen sehr besonnen damit umgehen", sagte Stefan Leitl am Donnerstag. Der Trainer der SpVgg Greuther Fürth warnte nicht vor dem Pressing des SSV Jahn Regensburg, oder vor den giftigen Grätschen der Gegner. Sondern er sprach vom Lob, das auf seine Mannschaft einprasselt in dieser Zweitligasaison.

Dreimal nacheinander hat die SpVgg den jeweiligen Tabellenzweiten geschlagen. "Gegen Fürth werden noch viele weitere Mannschaften Probleme bekommen", hat Bochums Trainer Thomas Reis orakelt, dessen Team zuletzt beim 0:2 chancenlos war. Bundesliga-Absteiger Hannover 96 kam am Ronhof 1:4 unter die Räder und hätte auch sieben oder acht Gegentore kassieren können. Wo Fürth auftritt, ist im Moment Spektakel angesagt, das zeigen auch die Zahlen: 17 Torschüsse pro Spiel ist der Bestwert der Liga. Mit entfesseltem Angriffsfußball ist das Team von Leitl nach einem rumpeligen Saisonauftakt bis auf Rang drei geklettert.

Wenn man nachfragt bei Kapitän Branimir Hrgota, warum die Mannschaft gerade aufblüht, sagt er: "Es gibt keine richtige Erklärung." Aber es ist natürlich so, dass Hrgota selbst ein Teil der Antwort ist. Zweimal traf der 27-Jährige zuletzt gegen Hannover, dazu hat er bei den anderen Toren den vorletzten Pass gespielt, "Hockey-Assist", so nenne man das in seiner Heimat Schweden, sagt Hrgota. Leitl lasse ihn "zocken". Der Angreifer geistert zwischen den gegnerischen Linien umher und hat überall seine Füße im Spiel: "Ich bin ganz frei, der Trainer hat großes Vertrauen in mich."

Es gibt Fußballer, bei denen die einfachen Dinge schwierig aussehen. Bei Hrgota ist es andersherum. "Fußball ist nicht so schwer", das ist so ein typischer Satz von ihm. Dabei war seine Leichtigkeit zwischendurch abhanden gekommen. "Vergessen Sie Hrgota nicht", hatte Lucien Favre einst bei Borussia Mönchengladbach gesagt, als es darum ging, wie man den Weggang vom Fanliebling Marco Reus auffangen könnte. "In Gladbach war ich sehr, sehr jung", sagt Hrgota heute, ein zweiter Marco Reus wurde er nicht. Er ging nach Frankfurt zur Eintracht, wo Niko Kovac sagte: "Ich weiß, was ich an Brane habe und lasse ihn nicht gehen - es sei denn, es kommt ein Monster-Angebot." Es war dann Kovac, der einem Monster-Angebot des FC Bayern München erlag. Und sein Nachfolger Adi Hütter wusste mit Hrgota nichts anzufangen.

Hoch gelobt und dann fallengelassen, das hat der Fußballer aus Jönköping, dessen Eltern mit ihm vor dem Bosnienkrieg nach Schweden flohen, als er ein Jahr alt war, in seiner Karriere schon häufig erlebt.

Als "Testspielgott" wurde er in Frankfurt verspottet, weil er in einem Freundschaftskick gegen Hanau 1893 mal acht Tore schoss, aber für die Eintracht in der Bundesliga kaum traf. "Das erste Jahr hat gut geklappt, dann ist irgendetwas passiert", sagt Hrgota. Und was? Darauf hat er keine Antwort: "Ich weiß selber nicht genau, was da los war", aber darüber nachdenken möchte er auch nicht mehr. Sein Vertrag lief aus, er war vereinslos, dann kam der Anruf aus Fürth: "Jetzt bin ich hier. Gerade fühle ich mich sehr gut." Dabei hätte nach einer vermasselten Rückrunde, namhaften Weggängen und einem holprigen Saisonstart durchaus Unruhe entstehen können am Ronhof. "Es war wichtig, dass der Trainer gesagt hat: Wir glauben an uns und das, was wir machen", sagt Hrgota. Die Ruhe scheint sich jetzt auszuzahlen.

In Fürth müssen sie versuchen, mit Bedacht ihre Mannschaft besser zu machen als die Summe ihrer Teile; trotzdem ragt Hrgota heraus. So sehr, dass Leitl ihn zum Kapitän der Mannschaft ernannt hat. Hrgota ist auch in dieser Rolle kein Mann der lauten Worte. Er hat es in der Kabine also auf andere Weise versucht - mit Witzen von Will Smith aus der Serie "Der Prinz von Bel-Air". Doch der Plan ging nicht auf. "Die haben mich manchmal schon bisschen schief angeguckt", hat er im Podcast der Nürnberger Nachrichten erzählt. Aber das kümmert ihn nicht. "Es ist wichtiger, was man auf dem Platz zeigt", so versteht Hrgota seine Aufgabe. Dort setzt er die Pointen.

© SZ vom 22.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema