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Gianni Infantino:Zürcher Privatjustiz

Alles im Griff: Gianni Infantino klammert sich trotz eines gegen ihn laufenden Strafverfahrens an seinen Posten als Weltverbandschef.

(Foto: Hector Retamal/AFP)

Der Fußball-Weltverband Fifa versucht, die Strafermittlungen gegen seinen Präsidenten kleinzureden - mit überschaubarem Erfolg.

Von Thomas Kistner

Uff! Das Schlimmste wird nicht eintreten. Der Fußball-Weltverband zieht nicht weg aus der Schweiz, aus seiner Zentrale auf dem Zürichberg, obwohl die dortige Justiz doch ohne Grundlage, ohne jeden erkennbaren Anlass gegen ihren Boss ermittelt, Gianni Infantino. Diese Sichtweise gab am Montag Alaisdar Bell in einer Presserunde zu Protokoll. Erschüttert skizzierte der Fifa-Vizegeneral den Fall, der gerade die Fußballwelt in Atem hält: "Unser Präsident trifft den Chefankläger, und Jahre später steht er unter strafrechtlichen Ermittlungen!" Aber man sei "optimistisch", dass die Schweizer Justiz die Sache einstellen werde. Das Verfahren, verfügte Bell, sei "Zeitverschwendung".

Die Fifa hat offenkundig ein neues Lieblingsspiel, es heißt: Parallele Privatjustiz. Nachdem der Weltverband am Sonntag einen amüsanten Frage-Antwort-Katalog in die Welt verschickt hatte, folgte am Montag die Fortsetzung. Eine Stunde lang durften Sportjournalisten - "Hi, Alasdair!" - Fragen stellen, und Bell hatte auf alles dieselbe Erwiderung parat, die schon im ersten Frage-Antwort-Spiel stand: "Wir sehen keinen Grund für diese Strafermittlung, wir verstehen nicht, worum es geht."

Wirklich nicht?

Am Donnerstag war in der Schweiz ein Strafverfahren gegen Infantino eröffnet worden, er hatte über seinen Schulfreund Rinaldo Arnold, ein Kantonsjurist, privat Treffen mit dem Bundesanwalt Michael Lauber einfädeln lassen. Laut Mailverkehr wollte Infantino bei einem der Treffen sogar seine persönliche Sicht auf ein Strafverfahren darlegen, das Laubers Bundesanwaltschaft (BA) gerade eröffnet hatte - es ging um einen Fernsehvertrag, den er selbst unterschrieben hatte. Einen anderen Aspekt des stillen Zusammenwirkens hielt das Schweizer Bundesverwaltungsgericht soeben in einem Urteil fest: Absprache zu einer Lüge. Das höchstrichterliche Verdikt zielt auf eine weitere Absurdität des Falls: Lauber, Infantino, Arnold und der BA-Behördensprecher wollen einen kollektiven Gedächtnissturz erlitten haben - an ein zweistündiges Treffen am 16. Juni 2017 in einem Nobelhotel, zu dem der Fifa-Boss eigens angereist war, mag sich kein Beteiligter mehr erinnern.

Amtsverletzungen und Anstiftung dazu wirft die Justiz Lauber, Arnold und Infantino vor. Am Montag beim medialen Gegenangriff fehlte Infantino, stattdessen schickte sein General Bell Nebelkerzen in und gleich drei Juristen vor die Presserunde.

Der Ertrag war dünn. Alles ihr Wesentliche hatte die Fifa ja bereits in ihrer Selbstbefragung am Sonntag verstaut - wobei festzuhalten ist, dass der Weltverband gar nichts zu tun hat mit den Vorwürfen gegen Infantino als Person, die sogar dessen früheres Wirken bei der Europa-Union Uefa betreffen. Im Frage-Antwort-Spiel fehlt auch dazu jeder Anhaltspunkt, vielmehr stellen die Fifa-Leute irreführende Fragen: "Ist ein Treffen mit einem Staatsanwalt in der Schweiz illegal?", heißt es arglos und allgemein. Antwort: "Nein, Treffen mit einem Staatsanwalt in der Schweiz sind legitim und legal." Aber das behauptet niemand, es hat nichts mit dem Fall zu tun.

Infantinos Leute begründen die Lauber-Treffen damit, dass die BA mehr als 20 Fälle im Fifa-Kontext untersuche. Aber warum fädelte sie dann der Privatfreund Arnold ein, den Infantino zeitgleich mit Fifa-Gaben überschüttete? Warum legte Infantino diesem Freund ein Vorgehen bei der BA in ureigener Sache zu einem Uefa-Vertrag dar, wenn es angeblich nur um Fifa-Verfahren ging? Warum drängte Arnold im April 2016 bei Laubers Amt auf eine Presseerklärung pro Infantino (was die BA nicht tat)?

Solche Fragen sollten am Montag die juristischen Kombattanten der Fifa verwässern. David Zollinger, ein mit Lauber vertrauter Anwalt und mit pikanter Vergangenheit bei der St. Gallener Wegelin-Bank, die 2012 an ihrer US-Strategie zerbrach, fand es völlig normal, dass Infantino die Lauber-Dates nicht über die Sekretariate von Fifa und BA einfädeln ließ, sondern über den Privatfreund: "Die Schweiz ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. Ist doch klar, dass man einen Freund fragt, wenn man Hilfe benötigt!" Freundschaftsdienste auf Bundesjustizebene. Warum nicht? Ein anderer, Anwalt Jean-Pierre Méan, zog Transparency International (TI) heran, deren Schweizer Sektion er einst leitete. Als TI-Chef habe er auch Bundesanwälte getroffen - dass das illegal gewesen sei, sagte Méan recht naiv, habe er nie gewusst. Aber das ist nicht dasselbe: Vermutlich fädelte kein Kumpel diese Treffen ein, und persönliche Anliegen trug er wohl auch nicht vor. Mit der jüngsten Presseposse betritt die Fifa glattes Geläuf. Infantinos Funktionäre betreiben offen Justizschelte, sie suchen den Konflikt mit Justiz und Politik in der Schweiz, die Laubers Treffen mit dem Fifa-Patron seit einem Jahr Schritt für Schritt abhandeln: Erst wurde Lauber von Fußballprozessen suspendiert, dann ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet; letzte Woche trat der Bundesanwalt zurück. Klare Vorwürfe liegen auf dem Tisch, die Fifa ignoriert sie und versteigt sich gar in die Behauptung, Sonderermittler Stefan Keller habe "weder hinreichende Anhaltspunkte, noch eine klare Rechtsgrundlage zur Eröffnung des Verfahrens" dargelegt.

Allerdings nahm Bell nun auch eine kleine, spannende Änderung an der bisher juristisch beglaubigten Darstellung vor: Infantino wisse bloß nicht mehr, "um welche Details" es bei dem vergessenen Treffen gegangen sei. Hoppla: Fand es nun nach seiner Erinnerung doch statt? Wird allmählich das Gedächtnis hochgefahren, nachdem die Beteiligten über zwei Dates im Jahre 2016 bestens Bescheid wussten, nur nicht über dieses eine im Sommer 2017?

Die Fifa hat eine gewaltige Zitterpartie eröffnet. Sie beteuert Infantinos angebliche Unschuld mit allen Mitteln, weil sie verhindern will, dass ihr Ethikkomitee den Boss jetzt schon sperrt. Das könnte das Gremium nach der Regellage durchaus, nach der gelebten Praxis müsste es das sogar. Stattdessen, erzählte Bell, werde jetzt die Fifa "alles für die Wahrheit tun". Gemeint war damit wohl vor allem die Wahrheit von Infantinos Verband.

© SZ vom 04.08.2020
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