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Gianni Infantino:Die vierte Strafanzeige

Fussball International 29.02.2016 FIFA Praesident Gianni Infantino (Schweiz) erster Tag im Home of Fifa Freundschaftsspi

Mit dabei im "Giannis Game": Der Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold bei einem Freundschaftsspiel, zu dem Fifa-Präsident Gianni Infantino 2016 in seinen Heimatort Brig in der Schweiz eingeladen hatte.

(Foto: Markus Ulmer/imago)

Warum traf sich der Fifa-Chef mehrmals heimlich mit dem Schweizer Chefankläger? Dieser Frage soll nun sogar ein Sonderstaatsanwalt nachgehen.

Von Thomas Kistner

Drei Strafanzeigen zu den anrüchigen Geheimtreffen von Fifa-Chef Gianni Infantino mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber hatte die Berner Kantonsjustiz schon vorliegen, als sie die Berufung eines Sonderstaatsanwalts für die Causa forderte. Am Donnerstag gaben die Präsidien von National- und Ständerat diesem Antrag statt und beauftragten die Justizaufsichtsbehörde AB-BA, einen außerordentlichen Bundesanwalt einzusetzen. Nun gibt es nach SZ-Informationen eine vierte Strafanzeige: Gestellt hat sie Gilbert Truffer, der Chef der Sozialdemokraten im Oberwallis; sie richtet sich gegen den Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold.

Dieser Jugendfreund Infantinos hat die Treffen des Weltverbands-Präsidenten mit dem Schweizer Chefankläger immer wieder eingefädelt - ohne jede Zuständigkeit. Auch nahm er an zwei Dates teil, was laut Truffer den Verdacht auf "Amtsgeheimnisverletzung" begründe. Der SP-Großrat stützt seine Anzeige gegen Arnold auf amtliche Dokumente im Lauber/Infantino-Komplex und auf Medienberichte.

Truffer thematisiert auch, dass Arnold schon im Juli 2015 erstmals bei Lauber vorsprach. Ein interessanter Zeitpunkt: Damals war Infantino noch Generalsekretär der europäischen Fußball-Union Uefa - und sein Chef Michel Platini, der nach einer Fifa-Razzia der US-Justiz in Zürich und der Rücktrittserklärung von Sepp Blatter als designierter Fifa-Präsident galt. Doch dann landete im Herbst 2015 bei Laubers Bundesanwaltschaft (BA) der Beleg für eine fragwürdige Zahlung zwischen Blatter und Platini. Es folgte eine Strafermittlung. Damit waren beide damaligen Toprepräsentanten des Weltfußballs erledigt, das Ethikkomitee suspendierte sie. Infantino marschierte durch auf den Fifa-Thron.

Der Anzeigensteller verweist auf den Widerspruch, dass Lauber und Arnold ihr Treffen 2015 mit dem Austausch juristischer Fachfragen abgetan hatten, so steht es in diversen Untersuchungsberichten. Doch im April 2020 sagte Arnold dem Heimatblatt Walliser Bote, er habe sich damals bei Lauber um einen Job beworben. Das ist eine neue Version, die das Mysterium um die Geheimtreffen nur noch verdichtet.

Wie die AB-BA, geht Truffer davon aus, dass Arnold sich bei Lauber Informationen aus den Fifa-Ermittlungen erhofft habe, was die Anstiftung zur Amtsgeheimnisverletzung begründen würde - ebenso wie im Frühjahr 2016, bei zwei Dates seines Freundes Infantino mit Lauber. Parallel überhäufte Infantino seinen Terminbeschaffer Arnold damals mit geldwerten Einladungen zu Fifa-Events. Vor dem zweiten Date mit Lauber am 22. April 2016 offenbarte der Fifa-Boss sogar seine Furcht, er könne in den Sog einer laufenden BA-Ermittlung geraten. Tage zuvor hatte Laubers Behörde Infantinos früheren Uefa-Arbeitsplatz durchsucht - Verdacht erweckt hatte ein seltsamer TV-Vertrag mit der Offshore-Firma zweier argentinischer Rechtehändler, die bis heute tief in den Fifa-Korruptionsverfahren der US-Justiz stecken. Für die Uefa signiert hatte den Vertrag ihr damalige Rechtsdirektor: Gianni Infantino.

Mails zwischen Infantino und Arnold flogen hin und her. Er wolle der BA die Sache erklären, schrieb der Fifa-Chef, "da es ja auch in meinem Interesse ist (...), dass klar gesagt wird, dass ich damit nichts zu tun habe". Arnold drängte die BA zu einer Erklärung pro Infantino, das lehnte die Behörde ab. "Wichtig ist nun die Sitzung in zwei Wochen", teilte Arnold dann mit. "Wenn du willst, kann ich dich wiederum begleiten."

Nach Aktenlage hat Arnold ein weiteres Infantino-Date mit Lauber eingefädelt, und zwar im Juni 2017. Eines, das alle Beteiligten vergessen haben wollen. Truffer bittet nun um Prüfung dieser konkreten Verdachtsmomente - und auch um die Untersuchung der jüngsten, ungeklärten Privatjet-Affäre Infantinos, in der es um den Verdacht enormer Geldverschwendung geht. Vor allem aber geht es um die Frage, ob die Fifa-Spitze damals ihre eigenen Compliance-Aufpasser mit einer Lüge getäuscht hat

© SZ vom 17.06.2020

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