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Gewalt im Sport:Kontroverse ums "Zentrum für Safe Sport"

Die deutschen Turnerinnen setzten zuletzt bei der EM mit langen Sportanzügen ein Zeichen gegen sexualisierte Gewalt.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Im Sportausschuss des Bundestages wird die Idee einer unabhängigen, nationalen Stelle zur Bekämpfung von Gewalt im Sport diskutiert. Viele Experten unterstützen die Idee - Skepsis kommt vom DOSB.

Von Saskia Aleythe

Die Idee war klar formuliert, also hat sie Maximilian Klein einfach aufgegriffen. "Wo ist eigentlich die nationale Agentur, die für einen sicheren und gewaltfreien Sport eintritt?", fragte Bettina Rulofs, Sportsoziologin an der Bergischen Universität Wuppertal, im vergangenen Oktober bei einer Veranstaltung der Aufarbeitungskommission des Bundes. Klein war damals in Berlin als Diskutant dabei. Betroffene kamen zu Wort, die als Kinder Missbrauch erfahren hatten, im Judo, im Fußball, beim Reiten - immer auf sich allein gestellt. Für Klein, 28, Vertreter des Vereins "Athleten Deutschland", war die Sache klar: So eine Agentur wie von Rulofs vorgeschlagen wäre dringend nötig. Als "unabhängige Anlaufstelle, der Betroffene vertrauen", sagt er, "die Schutz bietet, professionelle Unterstützung vermittelt und gleichzeitig sicherstellt, dass Vorfälle nicht ohne Konsequenzen bleiben".

Diese Ansicht vertreten viele, die sich mit dem Thema physische, psychische und sexualisierte Gewalt im Sport in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Im Februar hatte Klein als Mitautor eines Impulspapiers die Idee der übergeordneten Stelle - ein "Zentrum für Safe Sport" - weiter vorangetrieben, am Mittwoch war sie im Sportausschuss des Bundestages Thema. "In vielen Ländern ist es so, dass das Thema nicht allein von den Sportverbänden bearbeitet wird", sagte Forscherin Rulofs, "daraus kann man lernen, dass wir unabhängige Strukturen brauchen." Zuspruch erfährt die Idee auch aus vielen Ecken des deutschen Sports, nur der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) irritierte mit seiner Stellungnahme: Ein unabhängiges Zentrum sei "nicht der Königsweg". Nanu?

Fälle und Vorwürfe im Schwimmen und Turnen verdeutlichen die Dringlichkeit des Problems

Wie drängend es im Sport eine Verbesserung der bestehenden Strukturen in Sachen Prävention, Intervention und Aufarbeitung von Gewalt braucht, haben allein die vergangenen Monate seit der Veranstaltung der Aufarbeitungskommission wieder gezeigt: Im Schwimmen brachte eine Spiegel-Recherche zahlreiche Vorwürfe der sexualisierten Gewalt gegen einen langjährigen Bundestrainer ans Licht. Im Turnen meldeten sich ehemalige Sportlerinnen zu Wort, die der Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse psychische Gewalt und das Verabreichen von Medikamenten ohne ärztliche Verordnung vorwarfen, am Dienstag trennte sich nun der Olympiastützpunkt Sachsen von Frehse, die alle Vorwürfe bestreitet. "Die jüngsten Fälle im Schwimmen und Turnen sind ein trauriges Beispiel dafür, warum es ein Zentrum für Safe Sport braucht", sagt Klein.

Das grundsätzliche Problem ist an den obersten Stellen des Sports durchaus angekommen: Die Deutsche Sportjugend hat sich einen Stufenplan zur Prävention auferlegt, die auch der DOSB seinen Mitgliedsverbänden zunehmend verpflichtend ans Herz legt - ansonsten können Fördergelder wegfallen. Ein Präventionskonzept haben viele Verbände verabschiedet, auch die Landessportbünde gehen dem Thema sexualisierte Gewalt mit der Besetzung eigener Ansprechstellen nach. "Wir wissen aber gar nicht, ob die Maßnahmen Wirkung zeigen", sagt Forscherin Rulofs. Die praktische Umsetzung ist allein dem Sport überlassen, auch die Qualifikation der jeweiligen Beauftragten unterliegt keiner einheitlichen Richtlinie, genauso die Empfehlung von Beratungsstellen. "Es bringt uns nichts, wenn wir Konzepte haben, aber niemand kontrolliert, ob sie wirklich umgesetzt werden", sagt Klein. Auch der Deutsche Schwimm-Verband hatte im vergangenen Jahr ein Präventionskonzept verabschiedet, der beschuldigte Bundestrainer betreute bis zu seinem Rücktritt im Februar dieses Jahres weiter. Und manche Schwimmerin fasste erst zu den Journalisten das nötige Vertrauen, um über die Vorfälle zu reden.

Prävention müsse weiter Sache der Vereine bleiben, findet aber der DOSB, ein echter Kulturwandel sei nur durch eine Auseinandersetzung innerhalb der Sportorganisationen zu erreichen. Es müsse geprüft werden, ob eine unabhängige Kontrollstelle die Sportler tatsächlich besser schützen könne. Klingt ganz nach: Lasst uns mal machen. Die Skepsis, die vom DOSB kommt, ist für Klein nicht nachvollziehbar, er wünscht sich einen gemeinsamen Weg: "Auch Vereine und Verbände brauchen Unterstützung von außen. Das wäre kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke." Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin des DOSB, betonte am Mittwoch, man sehe durchaus "die Notwendigkeit von unabhängigen Anlaufstellen", pochte aber auf Ansprechpartner innerhalb der Verbände. Irritierend war ihre Anmerkung, sie hätte gerne erst mal belastbare Zahlen dafür, dass im Sport selbst ein Mangel an Vertrauenspersonen bestehe.

Wer würde ein unabhängiges Safe-Sport-Zentrum finanzieren? Das gäbe sicher die nächsten Diskussionen ...

Für die Finanzierung eines "Zentrums für Safe Sport" stehen Bund, Länder und der organisierte Sport zur Diskussion, wobei das mit dem Geld ja immer eine heikle Sache ist. Im Oktober hatte Tzschoppe versprochen, der DOSB werde wieder in das "Ergänzende Hilfesystem" des Bundesfamilienministeriums einzahlen, um Betroffene zu unterstützen. Das wurde aber erst Mitte März bei der Präsidiumssitzung entschieden. Wie hoch die Einzahlungen sein werden? "Wir sind da noch in Gesprächen", sagte Tzschoppe nun.

Belastbare Fakten gibt es auf jeden Fall, das sollte auch ihr klar sein: Die Realität macht nicht halt, nur weil im Sport erst noch Beschlüsse gefasst werden müssen.

© SZ/cca/schm
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