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Schwimmbundestrainer Lurz:Schwerwiegende Verdächtigungen

Stefan Lurz

Stefan Lurz spricht auf einer Pressekonferenz im Jahr 2014.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Nachdem das Magazin "Spiegel" massive Missbrauchsvorwürfe von Schwimmerinnen gegen Bundestrainer Stefan Lurz veröffentlicht, tritt dieser von seinem Amt zurück. Er selbst bestreitet die erhobenen Vorwürfe.

Von Claudio Catuogno

Am Freitagnachmittag um kurz vor halb drei verschickte der Deutsche Schwimm-Verband eine Pressemitteilung, die nur aus einem einzigen Satz bestand: Der Bundestrainer Freiwasserschwimmen im DSV, Stefan Lurz, habe "gegenüber dem amtierenden DSV-Vorstand" den "sofortigen Rücktritt von seinem Amt erklärt", hieß es da, ohne weitere Hintergründe.

Der Zusammenhang zu einem Kommuniqué, welches der DSV gut eine Stunde zuvor versandt hatte, lag trotzdem auf der Hand. "DSV äußert sich zum Spiegel-Bericht über mögliche sexuelle Gewalt", war diese Mitteilung überschrieben gewesen. Der Name des Trainers, gegen den "schwerwiegende Verdächtigungen des sexuellen Missbrauchs" im Raum stünden, wurde in ihr nicht genannt. Der Betroffene sei aber "gemäß unserer Handlungsrichtlinien bei Verdachtsfällen mit sofortiger Wirkung beurlaubt, ohne hiermit eine Vorverurteilung durchzuführen".

Der Spiegel hatte am Freitag mit Verweis auf namentlich nicht genannte Sportlerinnen schwere Vorwürfe gegen Stefan Lurz erhoben. Der 43-Jährige ist nicht irgendwer im Schwimmsport: Am Erfolgs-Standort Würzburg betreute er seit 15 Jahren zahlreiche Medaillengewinner und -gewinnerinnen, nicht zuletzt stand er hinter den Erfolgen seines Bruders Thomas Lurz, Gewinner von zwölf WM-Goldmedaillen - inzwischen Präsident des örtlichen Schwimmvereins. Auf Honorarbasis war Stefan Lurz zudem Bundestrainer der Freiwasserschwimmer, als solcher war er auch zuständig für den 10-Kilometer-Weltmeister von 2019, Florian Wellbrock, und dessen Freundin Sarah Köhler, die im Alltag allerdings in Magdeburg trainieren.

Der Spiegel gibt nun an, er könne mehrere "Fälle dokumentieren, in denen der Bundestrainer Schützlinge bedrängt oder gar sexuell genötigt haben soll". So habe eine ehemalige Schwimmerin dem Magazin SMS-Nachrichten von Lurz vorgelegt, die - ihre Echtheit vorausgesetzt - eindeutige Grenzüberschreitungen belegen würden. Die Sportlerin soll zum betreffenden Zeitraum 16 Jahre alt gewesen sein.

Auch bereits bekannte Vorwürfe aus dem Jahr 2010 rollte das Magazin noch mal auf. Schon damals hatte eine von Lurz betreute Athletin den Trainer angezeigt: Er habe sie im Trainingslager vergewaltigt. Im Laufe der Vernehmungen war die Athletin damals unter Druck geraten, sie nahm den Vorwurf zurück, das Verfahren wurde eingestellt; Stefan Lurz galt im DSV als rehabilitiert. Im Spiegel gab nun die Mutter einer damaligen Teamkollegin an, sie habe damals gelogen, um Lurz zu schützen.

Auf mehrere schriftliche und telefonische Anfragen der SZ zu den Vorwürfen hat Stefan Lurz seit Freitag nicht reagiert, unter anderem auch nicht auf die Frage, ob der dokumentierte SMS-Verkehr tatsächlich von ihm stammt. Im Spiegel hatte Lurz die Vorwürfe bestritten, auch in der Vergangenheit hatte Lurz stets alle Vorwürfe bestritten.

2019 gab es eine Strafanzeige, aber die Ermittlungen wurden rasch eingestellt. Wie schon 2010.

Die Frage ist dennoch: Hätte der Schwimmverband früher und konkreter handeln können? Dokumentiert ist ein Hinweis, der den DSV im März 2019 erreichte. Eine Schwimmerin hatte sich mit Vorwürfen gegen Lurz an Thomas Kurschilgen gewandt, den Direktor Leistungssport, der wiederum hatte - wie es die Richtlinien vorgeben - den damals zuständigen "Beauftragten für die Prävention sexualisierter Gewalt" eingeschaltet, Kai Morgenroth. Eine Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen: Der Dachverband DOSB und weitere Verbände und Vereine wurden informiert, Lurz wurde vorübergehend freigestellt und um Stellungnahme gebeten, auch eine Strafanzeige wurde auf den Weg gebracht. Die Ermittlungen wurden jedoch schon wenige Wochen später eingestellt, weil den Ermittlern ein Anfangsverdacht für eine strafbare Handlung fehlte. Zuständige Stellen im DOSB und DSV prüften weiter - und bald darauf stand Lurz wieder am Beckenrand, auch bei der WM 2019 in Südkorea.

Wie anfällig gerade der Sport für sexuellen Missbrauch ist, wurde in den letzten Jahren durch Fälle in diversen Sportarten dokumentiert. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Trainer und Athlet gilt als besonders sensibel. Zugleich ist es oft schwer, Vorwürfe zu belegen. Auch diesmal steht zunächst Aussage gegen Aussage. Abgesehen von der ehemaligen Athletin, die sich 2019 meldete, sind dem DSV keine Namen von mutmaßlichen Opfern bekannt. Präsident Marco Troll blieb vorerst nur, den Spiegel zu bitten, die Betroffenen "zu ermutigen, sich unverzüglich mit uns oder der zuständigen Staatsanwaltschaft in Verbindung zu setzen". Das wäre tatsächlich die Voraussetzung, um die neuen Vorwürfe aufzuklären. Der am Freitag erfolgte Rücktritt von Stefan Lurz ist beim DSV jedenfalls mit Erleichterung aufgenommen worden.

© SZ/schm
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