Fußball-EM:Die EM wird zum schiefen Turnier

EURO 2016 - Group A Switzerland vs. France

Auf ihn warten harte Duelle: Frankreichs Paul Pogba.

(Foto: dpa)

Durch die Ergebnisse der Vorrunde wird der Weg für die Favoriten schwierig - sie spielen früher als gedacht gegeneinander. Vor allem Gastgeber Frankreich hatte sich etwas anderes ausgerechnet.

Kommentar von Claudio Catuogno

Der Turnierbaum ist bei Fußball-Meisterschaften traditionell ein regionales Gewächs. Er wurzelt im heimischen Mutterboden, dem Gastgeber obliegt seine Auswahl und Pflege. Die Franzosen mögen es zwar nicht so gut hinbekommen, ihre Stadien mit Grashalmen zu bepflanzen, die dann auch grün aussehen, ohne dass man sie mit Farbe besprühen muss. Aber ihren Turnierbaum (von Ziergärtnern auch "Tableau" oder "Spielplan" genannt) haben sie sich so zurechtgeschnitten, dass sie als Sieger der Gruppe A im Achtelfinale nun auf einen Gruppendritten treffen und danach im Viertelfinale auf den Sieger eines Duells zweier Gruppenzweiter. Und sie haben sich einen windgeschützten Standort ausgesucht. Mit Ruhepausen zwischen den Spielen, in denen sie hübsche Blüten austreiben und bei Bedarf ein bisschen nachdüngen können.

Aber jetzt, wo die umfangreichste Vorrunde der EM-Geschichte gespielt ist, steht der Turnierbaum ziemlich schief in der Landschaft, was mal wieder beweist, dass es nicht der Funktionär ist, der die Natur austrickst, sondern umgekehrt. England ist nur Gruppenzweiter, Spanien ist nur Gruppenzweiter, ein Pfostentreffer da, ein abgefälschter Last-Minute-Torschuss dort - und schon krümmt sich der Turnierbaum unter der Last all der Titel, Traditionen und vor allem Ambitionen, die ziemlich ungleich verteilt in seinen Ästen hängen.

Auf der einen Seite des Baums: Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, England. Auf der anderen Seite: die Schweiz, Polen, Kroatien, Wales und ein paar weitere Teams von ähnlich bescheidener Prominenz. Zusammengerechnet: null Titel bei WM- und EM-Turnieren. Ein möglicher Weg der Italiener ins Finale führt über Titelverteidiger Spanien, Weltmeister Deutschland und Gastgeber Frankreich. Ein möglicher Weg der Kroaten ins Finale führt über die Schweiz oder Polen - und dann womöglich über den Gruppensieger Wales.

Wer sich bisher echauffiert hat über diese aufgeblähte 24er-EM, weil all die kleinen Neulinge zwar singende Fans mitbringen, aber leider nicht so viel Niveau, der kann jetzt einfach so tun, als würden in Frankreich gerade zwei Turniere ausgetragen. Eins auf der rechten (oder je nach Standort: linken) Seite des Tableaus, wo sich wie einst zu 16er-EM-Zeiten das alte Fußballeuropa in mutmaßlich kraftzehrenden Traditions- Duellen aufreibt. Und das zweite auf der anderen Seite, eine B-EM, bei der ein paar Alpen- (Schweiz) und Zwerg- (Wales) Staaten sowie ewig unerfüllte Versprechen (Kroatien) unter sich bleiben.

Am 10. Juli treffen sich Vertreter beider Turniere dann zum finalen Showdown im Stade de France. Wer aber die widerborstigen Kroaten gesehen hat oder die Schweizer mit ihrem reifen Passspiel, der ahnt, dass dann noch mal neu darüber befunden wird, welche Seite des Turnierbaums nun eigentlich die Sonnen- und welches die Schattenseite war.

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