Frauenfußball Knapp daneben

Befreiender Schuss: Kheira Hamraoui traf gegen Bayern München erst an die Latte und dann ins Tor. Die größere Chance, erstmals das Finale der Champions League zu erreichen, hat nun der FC Barcelona.

(Foto: Sebastian Widmann / Getty)

Beim 0:1 im Halbfinal-Hinspiel der Champions League wehren sich die Spielerinnen des FC Bayern lange gegen Barcelonas Ballbesitzfußball - und scheitern doch.

Von Anna Dreher

Das Spiel war schon fast vorbei, aber eben nur fast. Sara Däbritz nahm sich also Zeit, ihr war ja bewusst, wie wichtig dieser Freistoß war, den sie gleich schießen würde. In diesem Moment hätte die Nationalspielerin des FC Bayern aus einer schwierigen Ausgangslage eine einfachere machen können. 90 Minuten lang hatten die Fußballerinnen der Bayern im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Barcelona viel Energie in der Defensive liegen gelassen - und in der Offensive Chancen. Däbritz schaute konzentriert aufs Tor, zum Ball, wieder aufs Tor, nahm Anlauf, zog ab und blickte der Flugbahn des präzise und kraftvoll geschossenen Balls nach: Jaaaa, sehr gut! Aber dann, am Ende der Flugbahn: Nein!! Latte.

Vier Minuten Nachspielzeit änderten auch nichts mehr am Ergebnis, Bayern verlor am Ostersonntag im mit 2500 Zuschauern ausverkauften Campus-Stadion 0:1 (0:0). Die Herausforderung, im mit 15 000 Zuschauern ebenfalls ausverkauften Stadion der Katalaninnen erstmals das Endspiel der Champions League zu erreichen, ist nicht gerade einfacher geworden. Die Mannschaft von Trainer Thomas Wörle muss diesen Sonntag (12 Uhr / Sport1) mindestens zwei Tore schießen. Aber wie soll auswärts gelingen, was schon vor heimischer Kulisse nicht klappte? Wenn Barcelona seinen dominanten, den Gegner ermüdenden Ballbesitzfußball nicht auf einmal vergisst?

"Wir wissen, was auf uns zukommen wird", sagte Wörle. "Aber ich habe ein gutes Gefühl" Der 37-Jährige klang nicht wie einer, der Optimismus dauerpredigt, damit seine Spielerinnen an Wunder glauben. Er klang wie einer, dessen Mannschaft zwar verloren hat, aber nicht untergegangen war. Wörle betonte, dass sein Team seine Physis und Schnelligkeit ausspielen müsse, um gegen den FC Barcelona, der auch bei den Frauen die Philosophie der individuellen Stärke pflegt, zu bestehen. Im Hinspiel jedenfalls funktionierte dieser Plan tatsächlich.

Fußballerisch war Barcelona überlegen. Aber Bayern gelang es, die Gäste in ihrem Kurzpassspiel zu stören und sich bei eigenem Ballbesitz von der engen Bewachung nicht irritieren zu lassen. Die Katalaninnen jedenfalls schafften es über weite Strecken nicht, aus ihren fein kombinierten Ballstafetten große Chancen zu erzwingen. Es dauerte 22 Minuten, ehe Kheira Hamraoui aus 18 Metern abzog - und die Latte traf, bei Kapitänin Vicky Losada war es der Pfosten (34.). Glück hatten die Münchnerinnen also schon, aber eben auch Pech.

Bayern war stark mit der Verteidigung beschäftigt, vergaß dabei aber nicht die eigene Offensive. "Wir hatten uns vorgenommen, hoch zu attackieren, nur schaffst du das nicht die ganze Zeit", sagte Wörle. "Aber wir haben es gut gemacht. Wir waren da, wir haben gekämpft, und wir hatten Phasen, in denen wir torgefährlicher waren." Nur halt nicht effizient. Jovana Damnjanovic verfehlte ihr Ziel äußerst knapp (6.), Däbritz' Schuss konnte Sandra Paños gerade so parieren (39.), Damnjanovics Nachschuss ging vorbei. Vergebene Möglichkeiten waren zuletzt auch in der Bundesliga ein Problem, das den Tabellenzweiten entscheidende Punkte im Kampf um die Meisterschaft gekostet hatte.

Bevor Wörle zum Saisonende nach fast einem Jahrzehnt als Bayerntrainer aufhört, bleibt also noch die Chance auf den Titel in der Champions League. Es lag auch an Hamraoui, dass die Münchnerinnen für ihr mutiges Auftreten nicht belohnt wurden. Mariona Caldentey tänzelte mit dem Ball an der Seitenlinie, sah eine Lücke, sah Hamraoui. Bayerns Abwehr kam zu spät, Torhüterin Laura Benkarth nicht mehr dran (63.). Wie lange Hamraoui danach unter ihren Mitspielerinnen begraben war und wie euphorisch das Team von der Bank aufsprang, zeigte die große Erleichterung über dieses 1:0.

Später lagen auch die Katalaninnen erschöpft auf dem Rasen. Müde von der Gegenwehr. Auch das dürfte dem FC Bayern Hoffnung gemacht haben auf eine mögliche Überraschung im Rückspiel.