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Formel 1:Warmfahren für den Neustart

Bahrain Grand Prix

Sebastian Vettel vor dem Grand Prix von Bahrain - drei Rennen fährt er noch für Ferrari, bevor er ins neue Aston-Martin-Team wechselt.

(Foto: Reuters)

Für Racing Point, das künftige Team von Sebastian Vettel, geht es bei drei verbliebenen Rennen noch um wichtige Punkte in der Konstrukteurs-WM - und für den Deutschen um seine Ausgangsposition 2021.

Von Elmar Brümmer

Den Weltmeistertitel hat Lewis Hamilton schon kassiert, beinahe im Vorbeifahren. Beim Großen Preis von Bahrain, dem drittletzten Rennen der Formel-1-Saison, steht er wieder auf der Pole-Position. Es ist die 98. Qualifikations-Bestzeit seiner Karriere, und der Beweis dafür, dass der Mercedes-Pilot nicht nachlassen wird. Das Saisonziel im Rennen gegen sich selbst ist klar: Er kann die 100 vollmachen.

Wer nur auf die Titelvergabe guckt, für den ist das Rennen in der Golfregion nur noch ein Schattenparken. Aber in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, die für die Rennställe insgeheim wichtiger ist als die Fahrer-Wertung, geht es noch richtig zur Sache. Hier kann ein dritter Platz gegenüber einem vierten oder fünften schnell mal 20 Millionen Euro Differenz in der Gewinnbeteiligung ausmachen. Die Ausschüttung soll garantieren, dass bis zum Schluss leidenschaftlicher Rennsport betrieben wird. Geld erzieht in dieser Disziplin immer noch am besten.

Um den dritten Platz hinter Mercedes und Red Bull Racing ist ein Vierkampf entbrannt. Racing Point (154 Punkte), McLaren (149), Renault (136) und Ferrari (130) duellieren sich auf der Strecke im Bereich von Zehntelsekunden. Jeder kleine Ausreißer, jede Panne kann das Pendel wieder für einen anderen ausschlagen lassen. Dieses Quartett probt bereits den Angriff auf die Spitze für die kommenden beiden Jahre. Der bislang kleinste Name - Racing Point - hat die größten Chancen, Ferrari als Team mit dem größten Renommee ist bloß Außenseiter. Das Verbindungsglied zwischen den Briten und den Italienern heißt Sebastian Vettel. Der Heppenheimer wird jetzt noch drei Rennen lang Schadensbegrenzung bei der Scuderia betreiben und dann gen Silverstone ziehen, wo Racing Point 2021 das Werksteam von Aston Martin wird. Vettel wird dort eine Art Entwicklungshelfer - und er will Wiedergutmachung in eigener Sache betreiben.

Sebastian Vettel hat am Ende seines enttäuschendsten Jahres bei Ferrari, vielleicht dem bittersten seiner ganzen Karriere, nochmal einen mentalen Schub bekommen. Beim letzten Rennen in der Türkei hat er es zum ersten Mal in dieser Saison aufs Treppchen geschafft. Zumindest ein kleines bisschen hat er wieder das Vertrauen in sich zurückgewonnen, nachdem er an seinem Auto und am Kollegen Charles Leclerc fast schon verzweifelt war. Mit 33 sieht er sich im besten Rennfahreralter. Schließlich ist Champ Hamilton noch zwei Jahre älter.

Trotzdem musste sich Vettel jetzt fragen lassen, ob er noch die Qualitäten eines Weltmeisters besitze. "Ich bin ein wenig schockiert darüber, wie die Frage formuliert ist...", sagte er, um dann zum Gegenangriff überzugehen: "Wir hatten eine schwierige Saison, und es gab Momente, in denen ich nicht meine beste Leistung gezeigt habe, aber ich zweifle nicht daran, dass ich im Auto eine gute Leistung bringen kann. Ich fühle nicht, dass sich irgendetwas verändert hat."

Von der Theorie her macht Vettel in seinem künftigen Dienstwagen einen Sprung Richtung Spitze

Mit seinem Ehrgeiz ist tatsächlich noch alles in Ordnung. Was er braucht, sind weitere Befreiungsschläge. In Bahrain hat er am Samstag im Qualifying knapp die Top Ten verpasst, bleibt aber als Elfter vor seinem Teamkollegen Leclerc. Aber der Blick geht schon weiter nach vorn. Bei Aston Martin will er sich rehabilitieren, will jene Rolle als Mannschaftskapitän spielen, in die er bei Ferrari trotz besten Willens nie ganz schlüpfen konnte. "Ich bin glücklich, wo ich hinkomme", sagt Vettel, "es gibt dort viel Potenzial, um zu beeindrucken."

In seinem künftigen Dienstwagen steckt viel Mercedes-Knowhow, vor allem auch der beste Hybrid-Antriebsstrang der Branche. Damit macht Vettel zumindest von der Theorie her wieder einen Sprung Richtung Spitze, aktuell liegt sein neuer Rennstall (noch unter dem Namen Racing Point) auf Rang drei der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. So gesehen sind die Fahrten im Ferrari ein gutes Training für seine künftige Rolle im Verfolgerfeld. "Meine Rennen in diesem Jahr wurden größtenteils dadurch bestimmt, im Verkehr zu stecken. Es ist sehr, sehr eng im Mittelfeld, und selbst wenn du ein besseres Tempo hast, kannst du das nicht wirklich zeigen", sagt der vierfache Weltmeister. Er spricht von Kleinigkeiten, die derzeit den Ausschlag in die eine oder andere Richtung geben, nicht von einer großen Krise. Schon gar keiner Sinnkrise.

Sebastian Vettel will wieder den Unterschied machen, mit all seiner Erfahrung aus 254 Rennen, von denen er gut ein Fünftel gewonnen hat, er will Spitzenfahrer statt Mitläufer sein. Dazu gehört das schonungslose Bekenntnis, mit Ferrari die Ziele verfehlt zu haben. Scheitern, das ist für einen wie ihn kein Schicksal, das sich akzeptieren lässt. Auch deshalb der Neustart, der ein bis drei Jahre dauern kann und angeblich ergebnisorientiert bezahlt wird. Bonus Vettel. Auf die Frage der Zeit, ob er 2021 wieder Rennen gewinnen wolle, reicht ihm ein Wort als Antwort: "Absolut."

© SZ
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