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Racing Point in der Formel 1:Der rasende Copy-Shop

Der Deutsche Nico Hülkenberg, Ersatzchaffeur im Racing-Point-Auto.

(Foto: Frank Augstein/AP)

Das Überraschungs-Team der Formel 1 fährt in einer Kopie des Mercedes, in dem Lewis Hamilton 2019 Weltmeister wurde. Ein cleverer Trick oder ein Regelverstoß? Der Streit entzweit die Königsklasse.

Von Elmar Brümmer

Man könnte sich einmal vorstellen, aus einer Zeit zu stammen, in der kleine Jungen noch ohne schlechtes Gewissen von Rennwagen träumten. Man wäre Milliardär, hätte einen eigenen Rennstall. Man führe mit in der Formel 1 - wäre dann das Ziel erreicht? Nein, mit dieser Einstellung wäre man kaum Milliardär geworden. Man würde gewinnen wollen. Sowas kann aber dauern in diesem Sport. Man hätte nicht viel Zeit, Geduld schon gar nicht. Was würde man tun?

Vielleicht das: Sich einlassen mit den Stärksten. Sich den Motor leihen, ein paar Ideen klauen. Vielleicht sogar ein paar mehr Ideen. Sich ein Auto bauen, das bis auf die Lackierung ziemlich genau so aussieht wie eines, das im letzten Jahr die Weltmeisterschaft gewonnen hat. Und plötzlich wäre man an den Großen vorbei, die schon ewig dabei sind, Ferrari und McLaren. Man könnte Red Bull schlagen und Mercedes herausfordern.

So in etwa geht sie, die Geschichte, wie sich der Erfolg in der Königsklasse des Motorsports beschleunigen lässt. Es ist die Story von Lawrence Stroll und dem Aufstieg seines Team Racing Point. Ein Beispiel, das die Identität der Branche erschüttern oder gar verändern kann. Racing Point ist in seiner dritten Saison derzeit bereits Vierter in der Team-WM. Lance Stroll, Sohn des Besitzers, war beim letzten Rennen Vierter. Beim Qualifying zum Grand Prix in Silverstone an diesem Wochenende fuhr er auf Rang sechs, im Rennen hat er die Chance, ganz nach vorne zu fahren. Der Deutsche Nico Hülkenberg, der nach einem positiven Coronatest des zweiten Piloten Sergio Pérez kurzfristig einsprang, startet nur von Rang 13, aber es kann ja nicht alles klappen, selbst in einem rasenden Copy-Shop nicht.

Klingt wie Wirtschaftsspionage, machen aber alle Rennställe so

Die Formel 1 basiert auf dem Gedanken einer Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Motoren darf man sich von anderen Herstellern leihen, aber das Chassis muss selbst entworfen und gebaut werden. Klare Regel, klarer Fall. Auch deshalb sind nur zehn Teams am Start, zwei Startplätze schon lange frei. Denn alles selbst zu fabrizieren, das ist kostspielig. Mit der Ankunft des US-Amerikaners Gene Haas, der seine Milliarden mit Automations-Maschinen gemacht hat, wurde die Regel vor vier Jahren aufgeweicht. Ferrari transferierte deutlich mehr Know-how als nur das für den Antriebsstrang, etwa 70 Prozent der Teile wurden in Maranello eingekauft. Geboren war das Kundenauto - und ein B-Team.

Racing Point ist viel weiter gegangen, und hat das Erfolgsauto von Lewis Hamilton 2019 komplett durchfotografieren lassen, zigtausende von Detailaufnahmen dann in die Designcomputer eingespielt. Klingt wie Wirtschaftsspionage, machen aber alle Rennställe so. Nur war bisher niemand so mutig - oder dreist - wie die Briten. Bei dem Team mit Sitz in Silverstone beteuern sie, sich an die Grundregeln zu halten - nach der müssen das Chassis, die Aerodynamik, die Rennwagenverkleidung, Kühler und Bremsen in Eigenleistung entstehen.

Das Renault-Werksteam legt dagegen jetzt Rennwochenende für Rennwochenende Protest ein. So lange, bis die technischen Kommissare des Automobilweltverbandes Fia zweifelsfrei geklärt haben, ob die beschlagnahmten Bremsbelüftungen nur vom Marktführer Mercedes beeinflusst oder einfach komplett übernommen worden sind. Nach Logik der schäumenden Franzosen müssten sich die von außen nicht sichtbaren Teile des Belüftungssystems komplett unterscheiden. Falls das nicht der Fall ist, sei das ein Verstoß gegen die Selbständigen-Regel.

"Wenn wir schon diesen Weg gehen, machen wir, was das Reglement hergibt"

Renault investiert seit Jahren dreistellige Millionenbeträge in sein Werksteam, doch der Automobilhersteller kommt nicht recht vom Fleck. Von kleinen Rennställen vorgeführt zu werden torpediert den Stolz und das Selbstverständnis. Außerdem fürchten sie in Paris natürlich die politische und sportliche Macht, die Mercedes oder Ferrari plötzlich mit den Satelliten gewinnen könnten. In vielen anderen Motorsportserien ist das ein leidiges Problem.

Ob der Trend zur Kopie noch aufzuhalten ist, scheint angesichts des Aufstiegs von Racing Point fraglich. FIA-Präsident Jean Todt hat - in Sorge um ausreichende Starterfelder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten - bereits sein Wohlwollen erklärt, Formel-1-Geschäftsführer Ross Brawn sagt: "Alle machen es." Racing Point eben ein bisschen mehr. Teamchef Otmar Szafnauer findet nichts dabei, wie er auto, motor und sport gesteht: "Wenn wir schon diesen Weg gehen, machen wir, was das Reglement hergibt." Er habe auch reichlich Beweise dafür, dass die strittigen Teile selbst konstruiert worden sind. Die Grundsatzfrage, wie viel Kopieren künftig erlaubt ist, dürfte damit nicht geklärt sein.

Für Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist das Racing-Point-Modell ein Stück Zukunft der Rennserie: "Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob es kleinen Teams erlaubt sein sollte, Teile von großen Teams zu kaufen, um selbst Entwicklungskosten zu sparen und es den großen Teams zu ermöglichen, ein Geschäft zu machen." Die vom kommenden Jahr an geltende Budget-Deckelung spielt dabei eine Rolle, Teile-Leasing würde nicht nur günstiger sein, sondern auch den kleinen Rennställen eine bessere sportliche Chance bieten - siehe Force India.

Wolff lobt seinen Freund Lawrence Stroll, den Racing Point-Haupteigner: "Es braucht nur jemanden mit einer Vision und einer Idee, welche Prioritäten zu setzen sind, dann ist auch der Sprung vom Mittelfeld unter die Topteams möglich. Das zeigt, dass es mit der richtigen Führung, den richtigen Entscheidungsprozessen und dem nötigen Investment möglich ist, die Entwicklungskurve zu beschleunigen."

Auch Red Bull wittert plötzlich die Möglichkeit, auch sein Nachwuchs-Team Alpha Tauri mit identischen Rennwagen auszustatten und vier identische Autos zu entwickeln. Der vierfache Weltmeister Alain Prost hält das unverhohlene Kopiermodell dagegen für grundsätzlich schlecht für den Sport an sich und wettert als Berater von Renault dagegen: "Es geht um die Frage: Welche Formel 1 wollen wir in Zukunft?"

© SZ/ska
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