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Formel 1:Sieger im Dreirad

Lewis Hamilton (re.): Gerade noch rechtzeitig ins Ziel gekommen, trotz kaputtem Reifen

(Foto: AP)

Lewis Hamilton gewinnt zum siebten Mal sein Heimrennen in Silverstone - trotz eines Reifenplatzers in der letzten Runde. Nico Hülkenbergs Blitz-Comeback endet schon vor dem Rennen.

Von Philipp Schneider

Wäre Lewis Hamilton am Sonntag nicht mit nur drei intakten Reifen und einem Platten als Sieger über die Ziellinie gerollt bei seinem Heimrennen in Silverstone - Nico Hülkenberg hätte sich wahrscheinlich Chancen ausrechnen dürfen, für das erstaunlichste Bild in Silverstone gesorgt zu haben. Auf diesem Bild drückt Hülkenberg die Arme durch, schiebt sich in seinem geliehenen Rennoverall in die Höhe. Raus aus dem Cockpit. Einem Cockpit, das er drei Tage vorher genauso überraschend geerbt hat wie den Anzug. Hülkenberg zieht seinen Helm vom Kopf, seine Haare stehen ihm zu Berge. Das liegt wohl daran, dass sie statisch aufgeladen sind - aber die Frisur passt zur Handlung: An Hülkenbergs Auto gibt es 28 Minuten vor dem Rennstart Probleme. Also ist Hülkenberg raus. Raus, bevor er zu seinem Blitz-Comeback im Racing Point überhaupt antreten kann.

Hülkenberg hätte in England eine irre Geschichte schreiben können. Sie hätte gehandelt von einem im Vorjahr aus der Formel 1 ausgemusterten Rennfahrer mit der Erfahrung aus 177 Grands Prix, der recht unvermittelt einen Dienstwagen angeboten bekam. Weil ein Test des Mexikaners Sergio Perez wenige Tage vor dem Rennen ergeben hatte, dass sich dieser mit dem Coronavirus infiziert hatte. Die irre Geschichte hätte eine vorzügliche Pointe beinhaltet: einen Hülkenberg auf dem Podium.

Angesichts der Tatsache, dass es Hülkenberg in seiner ewigen Karriere fertiggebracht hatte, kein einziges Mal auf dem Podium zu stehen. Was so unwahrscheinlich ist, dass es ihm allein aus Versehen oder wegen allerlei denkbarer Umstände (Regenfluten, massenweise Safety-Cars, Reifenplatzer, Meteoritenschauer etc.) durchaus einmal hätte widerfahren dürfen.

Die Formel 1 schreibt derzeit selten überraschende Geschichten. Das ist ihr Problem. Und auch am Sonntag gefiel sie sich bis kurz vor Rennende in der Fortschreibung des roten Fadens dieser Saison: Das Team Mercedes fährt alle in Grund und Boden. Aber zwei Runden vor Schluss gab es doch noch unwirkliche Bilder zu sehen: An beiden Silberpfeilen und am McLaren von Carlos Sainz platzte jeweils der Reifen vorne links. Erst bei Bottas, der noch einmal zum Reifentausch musste und deshalb nicht Zweiter, sonder Elfter wurde. Bei Sainz, der daher das Rennen als Dreizehnter und nicht als Fünfter beendete. Und dann auch bei Hamilton, der sich mit einem defekten Pneu, der fast von der Felge sprang, gerade noch so als Sieger ins Ziel schleppte. "Das war knapp", sagte Hamilton im Boxenfunk und fügte an: "Bis zur letzten Runde war alles easy.

Ich bin quasi dahingesegelt." Max Verstappen, der gerade noch einen Boxenstopp eingelegt hatte, um sich auf frischen Reifen den Extrapunkt für die schnellste Rennrunde zu schnappen, hätte das Rennen ohne diesen Halt gewonnen. So wurde er Zweiter - vor Charles Leclerc im Ferrari. Dreimal ist Hamilton in der Corona-Saison ganz oben auf dem Treppchen gewesen, einmal Bottas.

Die Ampeln gingen aus in Silverstone. Bottas startete weit reaktionsschneller als Hamilton. Ganz offensichtlich aber riskierte er kein aggressives Manöver gegen seinen Garagennachbarn, das es in weniger disziplinierten Teams vielleicht hätte geben können. Und so behielt der sechsmalige Weltmeister in der ersten Kurve den Frontflügel in Führung vor Bottas. Charles Leclerc kam als Vierter schneller weg als der vor ihm startende Max Verstappen, vorübergehend blieb er dort - doch die Position hielt er nicht bis Ende der ersten Runde. Dahinter tauschten die zwei McLaren ihre Positionen: Carlos Sainz verbesserte sich auf Rang fünf, seinen siebten Platz erbte Lando Norris. Schon in der zweiten Umdrehung rückte das Safety-Car aus, nachdem Alex Albon mit seinem Red Bull den Haas von Kevin Magnussen abgeräumt hatte - wofür Albon eine Fünf-Sekunden-Strafe erhielt.

Vettel fährt sein ernüchterndes Rennen

Sebastian Vettel, der in allen Trainings über technische Probleme geklagt hatte, rollte in Silverstone aus Startbucht zehn los - also sechs Plätze hinter seinem Teamkollegen Leclerc, der mit seinem Ferrari weit besser zurechtkam. Nachdem das Rennen in der fünften Runde wieder freigegeben wurde, zogen die Schwarzpfeile davon. Nach zwölf Runden hatte Hamilton bereits einen Vorsprung von fünf Sekunden auf Verstappen herausgefahren.

Dann jedoch verlor Daniil Kwjat in der 13. Umdrehung die Kontrolle über seinen Alpha Tauri - in der Becketts, einer Links-Rechts-Kombination, in der die Fahrer mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs sind. Frontal schlug er ein in die Streckenbegrenzung, blieb offenbar unverletzt, wurde aber ins medizinische Zentrum verlegt. Mit Ausnahme von Romain Grosjean im Haas nutzte das gesamte Fahrerfeld die folgende Safety-Car-Phase für einen Wechsel auf die härteste Reifenmischung. Grosjean fuhr weiter, was ihn vorübergehend auf Platz fünf vorspülte.

Nach dem Wiederstart drehten Hamilton und Bottas abwechselnd schnellste Runden. Für sehenswerte Rennszenen sorgten einzig die McLaren-Piloten Norris und Sainz, sowie Daniel Ricciardo im Renault, die allesamt Grosjean auf seinen abgefahrenen Startreifen überholten.

Die Kräfteverhältnisse in diesem Rennen ließen keine spannenden Duelle an der Spitze zu. Die zwei Silberpfeile waren zu schnell für Verstappen. Der Niederländer war zu schnell für Leclerc. Und Vettels Teamkollege wiederum ließ die McLaren hinter ihm nicht dicht genug auffahren, als dass diese eine Chance auf Platz vier hätten wittern können. Weiter hinten fuhr Vettel ein sehr ernüchterndes Rennen.

Als Zehnter war er gestartet - und Zehnter war er auch noch, als ihn ein gewisser Pierre Gasly in der 38. Runde überholte. Gasly, ein 24-jähriger Franzose, sitzt in einem Alpha Tauri: einem der zwei Ausbildungsfahrzeuge des Rennstalls Red Bull, mit dem sich Vettel im Vorjahr noch auf Augenhöhe duelliert hatte. Es scheint so zu sein, als bliebe Vettel, der am Ende zumindest Zehnter wurde, keine Erniedrigung erspart in seiner Abschiedssaison bei Ferrari. "Irgendwas muss sein", klagte Vettel. "Es geht ja nicht, dass über Nacht alles rückwärts läuft."

© SZ vom 03.08.2020/ska

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