Sieben Kurven der Formel 1:Hamilton demütigt Verstappen

Der Niederländer wehrt sich rüde, aber vergeblich. Toto Wolff beklagt eine "Sauerei" - und Sebastian Vettel findet seine Inspiration. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes in Brasilien.

Von Elmar Brümmer

Lewis Hamilton

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(Foto: Antonin Vincent/AFP)

George Russell, der im kommenden Jahr an der Seite von Lewis Hamilton für Mercedes fahren wird, hat nach dem Großen Preis von Brasilien den perfekten Lehrfilm vorliegen. "Sein Rennen werde ich mir noch mal genau anschauen", sagte der Brite über seinen Landsmann. Der 101. Formel-1-Sieg Hamiltons gehörte zu seinen besten Darbietungen in der Formel 1, vor allem war er psychologisch gesehen einer der wichtigsten. "Es hat sich angefühlt, als ob ich zum ersten Mal gewonnen hätte, so lange stand ich nicht mehr ganz oben", sagte er nach einem Wochenende, an dem er an zwei Tagen 24 Plätze zurückgewinnen musste, um am Ende seine WM-Chancen wieder mit Leben zu erfüllen. Gegen alle Widerstände, darin ist der 36-Jährige immer noch Champion.

"In der Formel 3 musste ich mal als Letzter starten und habe gewonnen", sagte Hamilton, "an diese Episode hat mich mein Vater erinnert." Bei zwei der drei Anläufe, Max Verstappen zu überholen, wehrte sich der Niederländer mit rüden, wenig regelkonformen Mitteln. Hamilton legte ihn sich ein drittes Mal zurecht und demütigte ihn damit noch einmal mehr. Aber nachtreten, das ist nicht Hamiltons Ding: "Das ist doch egal jetzt. Wir haben doch das Resultat, das wir brauchten."

Toto Wolff

F1 Grand Prix of Mexico - Practice
(Foto: Clive Mason/Getty Images)

Schluss mit der Zurückhaltung, mit dem Wiener Schmäh auch. "Mit der Diplomatie ist es jetzt vorbei", ärgerte sich der österreichische Mercedes-Teamchef nach dem 19. WM-Lauf, "wenn du das ganze Wochenende über nur Schläge ins Gesicht bekommst, dann verlierst du irgendwie das Vertrauen." Verstappens Abdrängmanöver hat Wolff dann zur Explosion gebracht: "Eine absolute Sauerei. Irgendwo gibt es Grenzen." Man könne das nicht auf sich sitzen lassen, und schon gar nicht unter den Tisch kehren. Aber das möchte er lieber in Ruhe und hinter verschlossenen Türen klären. Klar ist: Der Mann fühlt sich verfolgt.

Gegenüber Gegner Red Bull, der sich über den "Raketen-Motor" von Mercedes wundert und Material für einen Protest über einen angeblich zu flexiblen Heckflügel sammelt, empfinde er keinerlei Emotion: "Skeptisch gegenüber dem Wettbewerber sein, das ist okay." Die Gefühlsausbrüche des Managers wirken wie eine Motivationsspritze für das zuletzt angeschlagene eigene Team. Nach Hamiltons schon großartiger Qualifikationsleistung hatte er bereits ein "Ihr könnt uns alle mal" gefunkt. Es ist zum Mantra geworden.

Jo Bauer

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(Foto: Carl de Souza/AFP)

Michael Masi, der Rennleiter der Formel 1, ist das Ziel allen Zorns von Mercedes. Doch bevor technische Vergehen überhaupt auf den Tisch des Australiers kommen, muss erst Jo Bauer Hand anlegen. Er ist der Mann, der mit einem im Sommer selbst konstruierten Messgerät am Freitag herausgefunden hat, dass sich der Heckflügel an Hamiltons Auto mehr als die erlaubten 85 Millimeter öffnete. Pflichtgemäß meldete es der Ingenieur, der in diesem Jahr sein 25. Dienstjubiläum als Technischer Delegierter feiert. Dass Toto Wolff von mangelndem Fingerspitzengefühl spricht, wird den 60-Jährigen nicht wirklich treffen. Ein marginaler Regelverstoß, aber eben eine Unkorrektheit. Das kann der Saarländer nicht leiden, und schon gar nicht durchgehen lassen. Bauer genießt ein hohes Ansehen unter allen Formel-1-Technikern, weil ihm selten ein Trick verborgen bleibt. Der Herr des Parc fermé hat nur festgestellt, nicht geurteilt.

Max Verstappen

F1 Grand Prix of Brazil
(Foto: Buda Mendes/Getty Images)

Ein Sieg in Brasilien, dann wäre er wohl durch gewesen. Ein bisschen hatte sich das Max Verstappen schon vor dem Rennen in Interlagos ausgemalt. In der Formel 1 haben die Fahrer permanente Startnummern, aber die "1" wird immer freigehalten für den Weltmeister. Seit 2013 hat aber kein Pilot mehr die Sonderregel wahrgenommen. Für Max Verstappen wäre dies keine Frage: "Ich würde absolut tauschen. Wie oft im Leben hat man denn schon die Chance mit der Nummer 1 zu fahren?" Momentan klebt die 33 auf seinem Auto. Drei ist seine Glückszahl, die war aber schon belegt. Also verdoppelte er.

Das Zahlenspiel muss noch ein bisschen warten. "Schadensbegrenzung" nannte er seinen zweiten Platz, aber seine Enttäuschung konnte er nicht verhehlen. Er hat gegen einen übermächtigen Hamilton dagegengehalten, mit allem, was er draufhat. Vom Rekordweltmeister kam diesbezüglich kein Vorwurf: "Das kann in der Hitze des Gefechts passieren. Ich war anfangs vorn, er hat sich behauptet. Ihm ist dann die Straße ausgegangen, also musste ich aufpassen. Das ist hartes Rennfahren. Ehrlich gesagt, würde ich in dieser Situation nichts anderes erwarten."

Sebastian Vettel

Vor dem Grand Prix von Brasilien
(Foto: Andre Penner/dpa)

Als Neunter gestartet, Elfter geworden, die Chance auf Punkte einmal mehr verpasst. "Wir haben alles versucht, was ging", sagte Sebastian Vettel abgeklärt. Der Heppenheimer hat sich bei Aston Martin ans fehlende Glück gewöhnt: "Auf einen Punkt hatte ich wenigstens noch gehofft. Schade, aber wir waren auch nicht schnell genug." Nach einem Drittel der Distanz hatte es so gut ausgesehen für ihn, Vettel war Sechster. Dann kam eine virtuelle Safety-Car-Phase zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, die Gegner profitierten davon. Das ließ sich weder fahrerisch noch taktisch wiedergutmachen. So blieb ein Besuch auf dem Bio-Bauernhof von Pedro Diniz, einem ehemaligen Rennfahrer, der Höhepunkt von Vettels Brasilien-Reise: "Das war eine großartige Inspiration. Das ist etwas, was die Welt braucht." Die Frage nach einer zweiten Karriere als Landwirt beantwortete er mit einem Lachen. Immerhin wohnt Familie Vettel am Bodensee in einem Bauernhaus.

Mick Schumacher

F1 Grand Prix of Brazil
(Foto: Peter Fox/Getty Images)

Auf Rang 15 zu fahren, das war ein gutes Gefühl für Mick Schumacher. Drei Plätze gutgemacht am Start. Die ihm zuvor unbekannte Berg-und-Talbahn von Interlagos forderte ihm alles ab, aber der Haas-Ferrari und er kamen gut damit zurecht. Er habe sogar Spaß gehabt auf der Piste, auf der sein Vater 2012 seine Karriere beendet hatte. Bis eine Berührung mit dem Alfa Romeo von Kimi Räikkönen der munteren Fahrt ein jähes Ende machte. Der Frontflügel brach weg und verhakte sich unter dem Auto. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er mit dem Finnen ins Gehege kommt. Gewohnt diplomatisch befand der 22-Jährige, der auf Position 18 abgewinkt worden war, hinterher: "Ich lerne aus diesen Dingen, und jeder Zweikampf ist dabei nützlich."

Felipe Massa

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(Foto: -/AFP)

Es war die schwerste Stunde in der Karriere von Felipe Massa, aufgewachsen hinter der Rennstrecke von Interlagos: Für eine knappe halbe Minute war er 2008 schon Weltmeister, bis Lewis Hamilton in der letzten Kurve noch den Hessen Timo Glock überholte und damit zum ersten Mal Champion wurde. Jetzt, nach 13 Jahren, haben die beiden sich erstmals wieder getroffen - und versöhnlich umarmt. Mit Massas unvollendeter Titelhoffnung endete später auch die Hoffnung der Brasilianer auf eine Rückkehr des Landes zu glorreichen Rennfahrerzeiten. Aber wenigstens durfte der ehemalige Ferrari-Fahrer und Schützling von Michael Schumacher sich als Interviewer auf dem Podium versuchen, aus seiner Bewunderung für Lewis Hamilton machte er dabei kein Hehl - und Hamilton als Senna-Anhänger hatte auf der Auslaufrunde eine Senna-Fahne mit an Bord genommen, um den Fans in São Paulo zu danken. Wofür er übrigens 5000 Dollar Strafe zahlen musste, weil er dafür den Sitzgurt geöffnet hatte.

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F1 Grand Prix of Brazil

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