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WM in Oslo:Wer wird erster Weltmeister im Zufallsschach?

World Fischer Random Chess Championship 2019

Springer in der Ecke: Magnus Carlsen und Wesley vor einer Partie Fischerschach.

(Foto: via REUTERS)
  • In Oslo findet die erste Weltmeisterschaft im Zufalls- oder Fischerschach statt.
  • Die Startposition der Figuren wird dabei ausgelost. Springer können außen stehen, Türme in der Mitte - insgesamt 960 Kombinationen sind denkbar.
  • Der Weltschachverband erhofft sich dadurch attraktivere Begegnungen. Spitzenspieler begrüßen den Test.

Es ist ein wirklich ungewöhnliches Duell, das in einem Kunstmuseum nahe Oslo stattfindet. Zwei der weltbesten Schachspieler sitzen sich gegenüber, da der Amerikaner Wesley So, dort der Norweger Magnus Carlsen, die klare Nummer eins der Szene. Vor ihnen ist das übliche karierte Brett mit seinen 64 Feldern platziert, auf dem Brett stehen die gewohnten Spielfiguren, und diese Spielfiguren dürfen auch nur genauso rücken wie sie immer rücken. Nach zwei von drei Spieltagen liegt So klar vorne, am Samstagabend endet das Duell, und wer dann mehr Punkte hat, darf sich Weltmeister nennen.

Doch das Ungewöhnliche ist: So und Carlsen spielen gar kein Schach, zumindest kein klassisches. Sondern eine bemerkenswerte Variante, die wahlweise Zufallsschach, 960-Schach oder Fischerschach heißt - nach seinem Erfinder, dem früheren Weltmeister Bobby Fischer aus den USA. Es ist kein Zufall, dass dieses Format inzwischen so populär ist, dass der Weltverband Fide gerade den ersten offiziellen Weltmeister ermittelt. Denn Fischerschach ist eine Variante, die von den Spielern besondere Fähigkeiten erfordert, weil eine gravierende Sache auf dem Brett anders ist: die Anfangsstellung der Figuren eines jeden Spielers.

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Im normalen Schach ist die seit ein paar Jahrhunderten gleich, im Fischerschach aber wird sie tatsächlich ausgelost. Die Bauern gehören zwar immer in die vordere Reihe, aber dahinter ist bis auf kleine Bedingungen (die Läufer müssen auf unterschiedlichen Farben stehen, der König zwischen den Türmen) alles denkbar. 960 mögliche Anfangsstellungen ergibt das mathematisch, und das macht dieses Fischerschach so besonders, so kompliziert - und so abwechslungsreich.

Wenn sich heute zwei Spieler im normalen Schach gegenübersitzen, laufen die ersten zehn, 15 und manchmal noch mehr Züge meist sehr routiniert ab. Eröffnung heißt das im Schach, aber diese Eröffnungen sind überwiegend ausanalysiert - nicht zuletzt durch den Einsatz von Computern und voluminösen Datenbanken. Auch wenn im Schach zig Zugfolgen möglich sind, kennt in den Eröffnungen jeder Spitzenspieler nahezu jede denkbare Wendung aus der heimischen Vorbereitung. Viele Schachpartien fangen erst ab dem 15. oder einem noch späteren Zug richtig an - das ist ein zentraler Grund für die vielen Unentschieden.

Beim Fischerschach ist das anders. 960 mögliche Anfangsstellungen und die anschließenden Zug-Varianten lassen sich halt schlecht planen. Somit beginnt die Partie schon mit dem ersten Zug richtig und müssen die Spieler viel früher am Brett Lösungen finden, durch schnelles Kalkulieren und intuitives Ziehen. Und so gibt es manchen, der darin ein gewissermaßen echteres Schach sieht, weil sich, salopp formuliert, zwei Denker gegenübersitzen und nicht zwei Auswendiglerner.

"Schach ist Wissenschaft, Kunst und Sport. Beim Fischerschach nimmst du den wissenschaftlichen Teil weg", sagte mal Magnus Carlsen, der im normalen Schach seit 2013 Weltmeister ist und kürzlich den Rekord aufstellte, in 101 Partien nacheinander unbesiegt zu sein. Sein Kontrahent Wesley So befand in diesen Tagen gar, er bevorzuge das Fischerschach gegenüber der herkömmlichen Variante.

Vorläufer des Zufallsschachs gab es schon vor einem Jahrhundert. Aber in seiner jetzigen Form existiert es seit 1996, als der Exzentriker Bobby Fischer die Regeln präsentierte. Seitdem gab es durchaus spektakuläre Turniere und auch inoffizielle Weltmeisterschaften, aber erst jetzt gibt es die erste offizielle WM des Weltverbandes. Die begann mit einem offenen Qualifikationsturnier, es folgten in dieser Woche in Oslo die Halbfinals und nun das durchaus kompliziert konstruierte Finalduell: Denn die Fide entschied, dass die Partien im Fischerschach deutlich kürzer sein sollen als im normalen Schach - obwohl es doch im Grunde viel mehr Denkbedarf gibt. Zwischen fünf und 60 Minuten Bedenkzeit pro Akteur haben Carlsen und So jetzt in ihren zwölf Partien. Eine der 960 möglichen Startpositionen wird ausgelost, dann treten sie je einmal mit Weiß und mit Schwarz gegeneinander an. Dann folgt das nächste Partienpaar mit neu ausgeloster Anfangsstellung.

Die Fide erhofft sich vom Fischerschach nicht zuletzt eine bessere Vermarktung. Schach erlebt global gesehen zwar einen Boom, unter anderem dank seiner Eignung für die digitale Welt und dank Protagonisten wie Carlsen. Aber wenn Schach nur bedeutet, dass sich zwei Spieler stundenlang gegenübersitzen und die Partie dann Remis endet, ist das nicht in ihrem Sinne. Deswegen ist schon länger festzustellen, dass auch andere Varianten stärker in den Fokus geraten, zum Beispiel Schnell- und Blitzschach, also Varianten mit extrem verkürzter Bedenkzeit. So wie es in der Leichtathletik ja auch einen Marathonlauf und ein 100-Meter-Rennen gibt.

Aber ein gravierender Unterschied besteht: In der Leichtathletik sind für die unterschiedlichen Distanzen verschiedene Qualitäten gefordert. Im Schach mag zwar dem einen oder anderen Spitzenspieler die eine oder andere Variante etwas besser behagen. Aber im Grundsatz ist die Gruppe der Spitzenspieler nahezu identisch - egal, ob sie reguläres Schach, Blitzschach oder auch mal Fischerschach spielen.

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