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Fifa:Heiße Kugeln, kalte Kugeln - Blatter bringt Fußball-Auslosungen in Verruf

UEFA Europa League 2015/16 draw

Heiße Kugeln: Wer hat bei welchen Auslosungen wie manipuliert?

(Foto: picture alliance / dpa)

Der ehemalige Fifa-Präsident sagt, er sei Zeuge gewesen, wie betrogen wurde - und eröffnet eine längst fällige Debatte. Schon oft führten Ziehungen zu verdächtigen Ergebnissen.

Sepp Blatter plaudert wieder, der 80-Jährige richtet sich behaglich in der eigenen Wahrnehmungswelt ein. Gern legt der für sechs Jahre von allen Fußballaktivitäten gesperrte Ex-Fifa-Chef dar, er sehe sich weiter als Weltverbands-Präsident; man habe ihn ja nie abgewählt. Kein Wahrnehmungsdefizit, sondern vermutlich nur der steten Suche nach der verlorenen öffentlichen Aufmerksamkeit geschuldet ist aber das, was Blatter soeben der argentinischen Zeitung La Nacion erzählt hat: Bei der Auslosung großer Sportevents könne mühelos betrogen werden. Ja, bei zumindest einem Topturnier habe er gar "mit eigenen Augen gesehen, wie geschummelt wurde". Es sei um einen europäischen Bewerb gegangen. Den Dreh habe laut Blatter "ein Italiener" beherrscht. "Man kann die Kugeln, die gezogen werden, markieren. Oder sie heiß machen, wenn sie vorher gekühlt wurden. Ich war selber Zeuge." Insider spekulieren nun, Blatter könne einen früheren Uefa-Präsidenten gemeint haben. So oder so, der Vorstoß ist aufschlussreich: Initiiert ja nicht von einer Randfigur, sondern von dem Mann, der die schmutzigen Spiele hinter Fußballs Glitzerkulisse seit Dekaden besser kennt als jeder andere. Übrigens soll wenigstens einmal, bei einer Pokalziehung auf dem Balkan, ein Betrug mit kalten Kugeln aufgeflogen sein.

Bei den Auslosungen zu WM- oder EM-Turnieren, Champions-League oder nationalen Pokalwettbewerben werden die Loskugeln aus einem durchsichtigen Gefäß gefischt. Damit das Publikum sehen kann, wie sauber die Sache abläuft; dass also die "Losfee" - im Fußball meist verdiente Ex-Profis oder Funktionäre - die Kugeln mit der Hand mischt und dann eine zieht, ohne hinzusehen. Doch unter Betrugsaspekten ist das eine billige Show, manipulieren ließe sich mühelos. Das Publikum sieht zwar alles, es kann aber natürlich nichts spüren: Etwa Markierungen an der Kugel, die im passenden Moment gezogen werden soll.

Betrug über den Tastsinn funktioniert problemlos. Kugeln müssen, wie von Blatter geschildert, vor der Ziehung nur ins Eisfach gelegt werden, die Losfee könnte sie dann anhand der Temperatur identifizieren. Oder eine kleine Oberflächenbearbeitung: Lackierte oder geriffelte Kugeln lassen sich leicht von anderen unterscheiden.

Gewiss bräuchte es auch hier Stichkontrollen durch eine wirklich unabhängige Instanz. Aber so etwas gibt es nicht in der halbseidenen Traumindustrie Sport, am wenigsten im Spitzenfußball, der ja auch kein Dopingproblem hat. Nur jede Menge Verdachtsfälle, die auf mysteriöse Art sofort verschwinden. Die oberste Sittenkontrolle im Weltfußball übten jahrzehntelang Blatter und Männer wie Jerome Valcke aus, sein Generalsekretär, gegen den heute ermittelt wird; Leute wie der gesperrte Michel Platini oder Markus Kattner, der jüngst fristlos gefeuerte Finanzchef.

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