bedeckt München 30°

FC Ingolstadt:Probleme gegen Fünferketten

Trainer Tomas Oral (FC Ingolstadt 04) nachdenklich und angespannt vor dem Spiel beim Spiel FC Ingolstadt 04 gegen 1. FC

„Die Niederlage darf uns und wird uns nicht aus der Bahn werfen“, verspricht FCI-Trainer Tomas Oral.

(Foto: Imago/Eibner)

Im Kampf um den Aufstiegsrelegationsplatz offenbart der FCI beim 0:2 gegen Magdeburg seine Verwundbarkeit.

Von Johannes Kirchmeier

Die Partie am Mittwoch war erst kurz zuvor abgepfiffen worden, da schnappte sich Tomas Oral schon sein Smartphone und blickte schnell etwas missmutig darauf. Vielleicht war er traurig ob der vielen verpassten Anrufe, die ein Fußballtrainer während eines Fußballspiels so verpasst. Vielleicht checkte er auch nur seine Nachrichten. Vorstellbarer ist aber, dass die Live-Tabelle der dritten Liga auf dem Bildschirm abgebildet war, sein FC Ingolstadt war da vor dem letzten Spieltag vom Relegationsplatz vier (weil der Erste Bayern II nicht aufsteigen darf) abgerutscht auf Rang fünf. Das Team hatte 0:2 (0:0) gegen Magdeburg verloren, das sich damit den Klassenverbleib sicherte. Während der 1. FCM feierte, herrschte beim FCI Bitternis. "Das ist sehr ärgerlich", sagte Oral.

Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt dann eigentlich schon wieder besser drauf war: Der FC Bayern II glich in der Parallelpartie gegen den FCI-Rivalen MSV Duisburg noch in der Nachspielzeit aus. Ingolstadt bleibt so vor dem Abschlusskick beim TSV 1860 München (Samstag, 14 Uhr) doch Vierter. Ein "DICKES MERCE", also ein dickes oberbayerisches Merci, schickte der FCI danach via Twitter an den FC Bayern II. "Aufgrund der Ergebnisse sieht man, dass irgendeiner doch noch will, dass wir ein großes Wort mitsprechen im Aufstiegsrennen", sagte Oral. Trotzdem erwartet Ingolstadt im durchaus diffusen Schlussakt mit seinen 60 Zählern ein Endspiel gegen die zwei Punkte und drei Plätze schlechteren Löwen am Schlussspieltag im Grünwalder Stadion. Der FCI droht, im Endspurt sein Ziel noch zu verspielen, da auch Duisburg und Hansa Rostock (je 59 Punkte) lauern.

Oral hatte am Mittwoch schnell zur Kämpfermentalität zurückgefunden: "Die Niederlage darf uns und wird uns nicht aus der Bahn werfen", sagte er. "Wir werden nicht aufgeben, wir haben uns das in den letzten vier Wochen so hart erarbeitet." Nach der virusbedingten Pause hatte der Coach die Ingolstädter stabilisiert, bis zum Magdeburg-Spiel blieben sie sechs Mal ohne Gegentor und acht Mal ohne Niederlage. Doch klar ist auch: In der Form der Mittwochspartie wird es nichts mit dem angepeilten Wiederaufstieg für die Zweitliga-Absteiger. Für den bekannten Video-Analytiker und 1860-Trainer Michael Köllner liegt die Kraft im Studium des Spiels; diesmal könnte es ihm fast reichen, Oral zuzuhören, der ihm die Analyse in der Pressekonferenz servierfertig zusammenstellte.

Ein "Spiegelbild der Spiele gegen Münster (0:0) und Braunschweig (0:0)" sah der Trainer - mit dem noch bittereren Ende. Wie die zwei anderen Teams baute der FCM auf eine starke Defensive, trat mit einer Fünferkette auf, verweilte mit allen Spielern in der eigenen Hälfte und überließ den Ball dem Gastgeber. Damit haben Teams von Oral, der auf lange Bälle auf den großen Stürmer Stefan Kutschke und Konter über die Männer außenrum setzt, ihre Probleme. Ballbesitz schmeckt dem FCI in etwa so wie Italienern ihre Nudeln mit Ketchup oder den Löwenfans der Name "Hermann-Gerland-Kampfbahn". Durch einen abgefälschten Schuss von Thore Jacobsen ging Magdeburg nach einer Stunde in Führung, Mario Kvesic (83.) erhöhte. Selbst per Foulelfmeter trafen die Oberbayern an diesem vermaledeiten Abend nicht: Kutschke verschoss kurz vor dem Ende (90.+3).

Eine kluge Strategie wäre also für die Sechziger: hinten sicher stehen, Ingolstadt den Ball geben - und dann auf den Mölders-Treffer warten. Doch da könnte dem TSV seine eigene Vorliebe fürs Fußballspielen dazwischenkommen. Als bedingungslose Defensivkräfte haben sich die Löwen bislang noch nicht in der Liga vorgestellt, aber Köllner ist ja auch für Überraschungen gut. Anders als in Münster und gegen Magdeburg können die Ingolstädter allerdings nun auch wieder auf einen früheren Sechziger zurückgreifen: Maximilian Beister. In Münster war der Rechtsaußen noch suspendiert, gegen Magdeburg fehlte er mit einer Gelbsperre. Kein Ingolstädter belebte das Offensivspiel nach der Pause so sehr wie der ehemalige U21-Nationalspieler mit dem starken linken Fuß. Ihm dürfte auch am Samstag eine Schlüsselrolle zukommen, denn nur ein Auswärtssieg hilft dem bislang auswärtsstärksten Team der Liga, um aus eigener Kraft den Relegationsplatz zu sichern. Bei einer Niederlage würden die Löwen vorbeiziehen. Und bei einem Remis müsste sich Oral unmittelbar nach der Partie wieder sein Smartphone schnappen.

© SZ vom 03.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite