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FC Bayern und Standard Lüttich:Der Fußball muss politischer werden

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Karl-Heinz Rummenigge erklärte, dass der FC Bayern die Menschenrechte zu verteidigen gedenke.

(Foto: AFP)

Die Reisen des FC Bayern und ein schlimmes Spruchband bei Standard Lüttich zeigen: Unrecht muss als Unrecht benannt werden. Der Fußball braucht schnellere, bessere Reflexe, um sich in rauen Zeiten zu behaupten.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

So ganz scheinen die Klubs noch nicht angekommen zu sein in jener extremen neuen Welt, die sich um ihre ehemals so heile Erlebniszone entwickelt hat. Und deren Ausläufer mehr und mehr in die Stadien - diese Oasen von einst - eindringen. Ähnlich wie in der Vorwoche der FC Bayern benötigten nun auch die Offiziellen von Standard Lüttich viel zu viele Stunden der Bedenkzeit, ehe sie sich zu einer Haltung in einem politischen Vorfall durchgerungen hatten, der ihren Verein betrifft.

Karl-Heinz Rummenigge hat am Montag noch einmal wiederholt, dass der FC Bayern nicht nur sein Tor, sondern auch die Menschenrechte zu verteidigen gedenke, und dies energischer als zuvor. Zudem, dass der Fußball vielleicht doch ein Mittel sein könne, um auf den ein oder anderen Verirrten positiv zu wirken. Die Äußerungen des Bayern-Vorstands stehen in Bezug zur Kritik, die auf die Münchner wegen ihrer Testspielreise ins menschenrechtlich höchst fragwürdige Saudi-Arabien niederhagelte.

Was der FC Bayern und Standard Lüttich versäumt haben

Offizielle von Standard Lüttich hatten jene Szene aus ihrem Stadion, die jetzt als Foto um die Welt geht, am Sonntag zunächst selbst über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Zudem müssen die Ordner auf allen Augen blind gewesen sein, als Ultra-Gruppen ein circa 30 mal 15 Meter großes Banner zum Spiel gegen den RSC Anderlecht (2:0) auf die Tribüne schleppten.

Entrollt war darauf ein Henker zu sehen, der in der einen Hand ein Schwert, in der anderen den abgetrennten Kopf des einstigen Lüttich- und heutigen Anderlecht-Profis Steven Defour präsentiert. Nebendran steht ein Gelübde in den Vereinsfarben: "Red or dead" (Rot oder tot). In Belgien verweisen nun einige Quellen darauf, dass es eine nachgestellte Szene aus einem Horrorfilm sei. Wer das Thema aber in die Gegenwart transportiert, assoziiert es automatisch mit den Propaganda- Videos der IS-Henker aus dem Kalifat.

Die Lüttich-Offiziellen benötigten eine Nacht Bedenkzeit, ehe sie in einer vagen Erklärung von "zerbrochenem Vertrauen" schrieben und ankündigten, die Initiatoren "identifizieren und bestrafen" zu wollen. Und auch wenn beide Vorfälle zunächst nur sehr entfernt miteinander zu tun haben, so ist ihnen eines gemein: Hätten die Profis auf dem Rasen ähnliche Reaktionszeiten wie die Offiziellen, um Unrecht als Unrecht zu benennen, würden weder Lüttich noch der FC Bayern sportlich zu Erfolgen kommen.

Der Fußball aber braucht schnellere, bessere Reflexe, um sich mit denen zu messen, die ihn provozieren und/oder instrumentalisieren wollen. Er muss sehr viel politischer denken und handeln, will er jene naive wie pflegebedürftige Idee davon über diese raue Zeit retten, was der Fußball so gerne wäre: eine neutrale, eine politikfreie Zone.

© SZ vom 27.01.2015/fln

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