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Champions League:Mit Bayern ist zu rechnen

Große Mannschaften werden durch Demütigungen und Niederlagen geboren. Gerade nach der vergangenen Champions-League-Saison ist Bayerns 7:2 bei Tottenham als Signal zu verstehen.

In der bisweilen ruhmreichen Geschichte des FC Bayern hat es schon krachendere Tischreden gegeben. Beispielsweise jene von 2001, in der Franz Beckenbauer, damals Präsident des Klubs, zwischen Lachs und Hühnchenbrust der Belegschaft beschied, es sei dies ein sehr schöner Ausflug nach Lyon gewesen - bis aufs Spiel: "Das ist nicht Fußball, das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball." Bis heute gilt dieser Vortrag als eine der größten Ehrverletzungen in der Historie der Champions League, quasi als Urvater des Levitenlesens.

Doch die Rede hatte einen Effekt. Wenige Wochen später stemmten die Oldtimer um Stefan Effenberg und Oliver Kahn die Trophäe in die Luft. Und jetzt ist da automatisch die Frage, ob so früh in der Saison nicht kontraproduktiv sein kann, was Karl-Heinz Rummenigge Dienstagnacht im Hotel Shoreditch zu London sagte; Beckenbauers Nachfolger am Saalmikrofon verabreichte dort ziemlich viel Honig mit den Canapés: "Wir haben Geschichte geschrieben. Das war unglaublich, was wir heute erlebt haben ... Tolles Stadion, tolles Spiel, ein toller Tag", warf Rummenigge ein gewaltiges Echo auf dieses donnernde 7:2 bei Tottenham Hotspur.

Die höchsten Münchner Auswärtssiege in der Champions League

21.10.14 7:1 vs. AS Rom (Gruppenphase)

1.10.19 7:2 vs. Tottenham Hotspur (G'phase)

25. 2.09 5:0 vs. Sp. Lissabon (Achtelfinale)

7. 3.17 5:1 vs. FC Arsenal (Achtelfinale)

17. 3.99 4:0 vs. Kaiserslautern (Viertelfinale)

3.11.10 4:0 vs. CFR Cluj/Rumänien (G'phase)

7.12.94 4:1 vs. Dynamo Kiew (Gruppenphase)

8.12.09 4:1 vs. Juventus Turin (Gruppenphase)

Damals, als Beckenbauer polterte, war gerade 0:3 bei Olympique Lyon verloren worden. 2001! 2013! 2020? Der FC Bayern sehnt seinen dritten Triumph herbei, seit der Europapokal der Landesmeister zur Saison 1992/93 in das Vermarktungsspektakel Champions League überführt wurde. Die Zeit drängt ein bisschen, denn die auch nicht ewige Ära von Tischredner Rummenigge und seinem Tischpartner Uli Hoeneß nähert sich beim FC Bayern bekanntlich ihrem Ende. Beide treibt die Sehnsucht, den gewiss nicht schönsten Henkelpott des Universums noch einmal stolz durch den Saal tragen zu dürfen.

Da ist dieses Siebenzwei schon ein Signal, errungen auf der rauen Insel, auf der sich deutsche Mannschaften schon zu Zeiten unwohl fühlten, in denen sich Uwe Seeler noch höchstselbst dort versuchte. Zudem errungen gegen Tottenham, das zwar im Augenblick ziemlich überspielt wirkt, aber gegen Liverpool im Mai erst im Finale mit 0:2 unterlegen war. Gegen jenes von Jürgen Klopp motivierte Team, gegen das Bayern-Coach Niko Kovac zuvor im Achtelfinale (0:0, 1:3) offensiv keine Mittel und Ideen fand. Was Kovac deshalb, trotz deutschem Double aus Meisterschaft und Pokal, noch nachhängt in einem Klub, der Maximales zur Maxime erhoben hat.

Große Mannschaften, das wurde vielfach bewiesen, werden meist durch Demütigungen, durch bittere Niederlagen geboren. Dem Titelgewinn 2001 ging Beckenbauers Tischrede voraus, dem Titelgewinn 2013 in Wembley gegen Dortmund die Niederlage im Jahr zuvor, im Finale dahoam: Vor Münchner Kulisse traf Bastian Schweinsteiger im Elfmeterschießen den Pfosten, ehe Didier Drogba den Abend im Sinne des FC Chelsea besiegelte.

Schaut man sich jetzt die Frühform der Rivalen an, so sind viele noch in der Sortierung. Einige Favoriten sind weiter (Manchester City, Juventus Turin, Atlético Madrid), zwei haben offenbar die spanische Grippe (Real Madrid, FC Barcelona), Paris zickt noch rum, selbst Titelverteidiger Liverpool hat zwar das Ding gegen Salzburg soeben noch zum 4:3 gedreht, aber den Auftakt mit 0:2 in Neapel verbockt.

Das alles ist Vorspiel, optischer Eindruck, der am Ende wenig zählt. Der Modus sieht vor, dass nach Jahreswechsel, bei Lospech im Achtelfinale, alles schnell in Trübsal enden kann. Doch dieses 7:2 enthält zumindest eine Botschaft: Mit dem FC Bayern dürfte auch nach Robben&Ribéry zu rechnen sein, jetzt, aber auch in den Spielzeiten danach, denn der Zyklus ist umrissen: 2020 Istanbul, 2021 St. Petersburg, 2022 erneut München. Drei Endspiel-Chancen also für die Generation des Lewandowski, 31, inklusive der Option Finale dahoam. Schweinsteigers Pfosten wird noch an selber Stelle sein. Er muss ja nicht wieder im Wege stehen.

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