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FC Bayern München:Legenden gesucht

FC Bayern v Real Madrid - 2019 International Champions Cup

Das ist mein Ball, nicht deiner: Robert Lewandowski behauptet sich gegen Real-Verteidiger Nacho.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Beim 3:1 gegen Real Madrid auf der US-Tour zeigt der FC Bayern, dass seine Startelf konkurrenzfähig sein dürfte. Die Münchner werben aber weiter um Leroy Sané und fahnden auch noch nach Spielern, die den Kader verbreitern.

Es war eine illustre Runde, die sich da bei einer Party des FC Bayern auf einer Dachterrasse in West Hollywood neben dem Pool versammelt hatte: Lothar Matthäus und Thomas Müller lachten über einen - offenbar ulkigen - Spruch von Karl-Heinz Rummenigge, Giovane Elber und Raimond Aumann plauderten vergnügt über Golf. Sie alle sind Legenden dieses Vereins, bei Aumann steht das sogar genau so auf der Autogrammkarte ("FC Bayern Legend"), und vielleicht sollte man aus gegebenem Anlass daran erinnern, dass diese Legenden einst nicht aus Manchester oder Madrid nach München kamen, sondern vom TSV Pähl, vom VfB Stuttgart, dem FC Augsburg und den Borussias aus Gladbach und Lippstadt.

Wenig später trat der FC Bayern in Houston gegen Real Madrid an, und es ging dabei mitnichten nur um einen möglichst spektakulären Sommerkick fürs amerikanische Publikum, das die Arena ohnehin nur zu drei Vierteln füllt. Es ging schon auch um ein sehenswertes Ergebnis gegen einen Erzrivalen auf europäischer Bühne und um die Empfehlung für möglichst viel Spielzeit in der kommenden Saison; vor allem aber ging es um eine Botschaft an all jene Beobachter, die den aktuellen Bayern-Kader auf europäischer Bühne für nicht konkurrenzfähig halten. Jedenfalls lieferten die Münchner am Samstag einen spektakulären Sommerkick, Corentin Tolisso, Robert Lewandowski und Serge Gnabry erzielten beim 3:1 die Tore für die Bayern.

Renato Sanches wird bleiben, auch Boateng könnte plötzlich wieder eine Zukunft haben

Der FC Bayern befindet sich gerade auf der Suche nach sich selbst, und es gibt nicht wenige, die den Sportdirektor Hasan Salihamidzic jetzt am liebsten nach Manchester (wegen Leroy Sané) oder Madrid (wegen Gareth Bale) schicken würden. Die unglückliche Niederlage gegen den FC Arsenal und nun dieser Sieg gegen Real Madrid zeigen aber, dass sich da beim FC Bayern auch jetzt schon ein paar ganz gute Leute gefunden haben.

Trainer Niko Kovac hatte bei diesen Partien jeweils Formationen gewählt, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkten, bei genauer Betrachtung jedoch ein stimmiges Bild ergaben: Gegen Arsenal ließ er die aktuellen Bestbesetzungen in Innenverteidigung (Niklas Süle und Benjamin Pavard) und Offensive (Serge Gnabry, Kingsley Coman und Robert Lewandowski) miteinander üben, gegen Madrid probierte er im zentralen Mittelfeld das Trio Tolisso /Thiago/ Sanches, er probierte den Außenverteidiger Pavard mit dem Sechser Kimmich sowie die Außenbahn-Varianten Kimmich / Coman und Gnabry / Alaba.

Kombiniert man diese Formationen aus vier Halbzeiten zu einer möglichen Startelf, dann liest sich das im Vergleich zu den Erzrivalen auf europäischer Bühne gar nicht mal so schlecht, und bei den Gesprächen auf dieser Dachterrasse in West Hollywood ist im Übrigen auch zu hören, dass sie das beim FC Bayern ähnlich sehen.

Es wird ja gerade viel darüber spekuliert, wen der FC Bayern alles noch loswerden (Jérôme Boateng?), behalten (Renato Sanches?) oder holen möchte (Leroy Sané?). Boateng jedenfalls flog am Sonntag aus privaten Gründen nach München zurück, was zunächst als Hinweis auf einen Verkauf gedeutet wurde. Allerdings wurde Boateng nach dem Spiel auffällig gelobt: "Sportlich bin ich sehr zufrieden, großes Kompliment", sagte Trainer Kovac, "das hat er im Training schon angedeutet." Auch Rummenigge hatte für den Verteidiger ein paar warme Worte übrig, Boateng habe "das gut gemacht und sich top vorbereitet auf diese Reise", das letzte Wort über dessen Zukunft sei "sicherlich noch nicht gesprochen". Und Renato Sanches werde auf jeden Fall in München bleiben, verkündete Kovac. Und der ewige Leroy Sané? Manchester Citys Trainer Pep Guardiola hatte zuletzt ja behauptet, er habe nichts von einem bayerischen Interesse gehört, worauf er nun eine Spitze von Rummenigge kassierte: "Ich weiß nicht, ob Pep weiß, was in seinem Klub alles vorgeht."

Der FC Bayern verpflichtet traditionell ja nicht unbedingt die sogenannten Weltstars, sondern jene, die im Kollektiv größtmöglichen Erfolg versprechen und in München zu Weltstars reifen können, und das führt zurück zu dieser Runde auf der Dachterrasse: Im Champions-League-Finale 2001 stürmte eben nicht der Brasilianer Ronaldo für die Münchner, sondern der Brasilianer Elber, auf den Flügeln agierten nicht David Beckham oder Luís Figo, sondern der vom Karlsruher SC gekommene Mehmet Scholl (mittlerweile natürlich Vereinslegende) sowie der HSV-Zugang Salihamidzic, der nun als Sportdirektor für Zugänge verantwortlich ist. Und im Endspiel 2013 stürmte Eigengewächs Thomas Müller neben Mario Mandžukić (aus Wolfsburg), der damals das Führungstor erzielte.

"Ich möchte beiden Mannschaft zu einem wirklich tollen Spiel gratulieren", sagt Kovac nach der Partie gegen Real. Auch das ist eine Botschaft, alles ist eine Botschaft in diesen Tagen beim FC Bayern, also sagt Kovac: "Defensiv kann man nachlegen, aber offensiv war es richtig gut." Interessant: Rummenigge hatte vor ein paar Tagen gesagt, dass er in der Defensive "kaum Besseres in Europa" sehe.

Wer all das kombiniert, dürfte zu dem Schluss kommen, dass der FC Bayern zwar weiterhin an der Personalie Sané arbeitet - dass er von Sané abgesehen aber nicht unbedingt nach diesem einen Akteur mit neunstelliger Ablösesumme fahndet. Die Bayern suchen Spieler, die nicht ganz so berühmt sind wie Antoine Griezmann, Neymar oder Bale, die aber mindestens 30 Saisonspiele absolvieren werden und die der Trainer ohne Bedenken auch in einem Halbfinale der Champions League aufstellen könnte. Salihamidzic sucht also nach Spielern, die einen Kader auf hohem Niveau ergänzen können, denn eines steht ja auch fest: Hinter einer ansehnlichen Bayern-Startelf ist kaum einer zu sehen, der den Erzrivalen auf europäischer Bühne Angst macht. In der Breite ist dieser Kader definitiv noch nicht gut genug.

"Strength in numbers" nennen sie das bei der Basketball-Franchise Golden State Warriors: Für große Titel braucht man Stars, gewiss, aber eben auch Leute, die bei Verletzungen und Formschwächen bereit sind und viele Positionen können. Warriors-Spieler Draymond Green hat den FC Bayern in Los Angeles besucht, in Houston war es Rockets-Star James Harden.

Ob es Zufall war, dass sich Rummenigge in der Kabine mit dem Typen ablichten ließ, der wie kein anderer dafür steht, dass ein herausragender Akteur alleine keine Titel gewinnt? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, alles ist ja eine Botschaft beim FC Bayern in diesen Tagen.