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FC Bayern: Luca Toni:Rückkehr als Nummer vier

Luca Toni muss sich in Bayerns Sturm-Hierarchie hinter Gomez, Klose und Olic erst einmal hinten anstellen. In van Gaals penibel geplantem Systemfußball wird es der Italiener schwer haben.

Moritz Kielbassa

An diesem Donnerstag, so ist es verabredet, kehrt Luca Toni nach München zurück, in jene Stadt, die gerne so sein will wie der Angreifer aus der Emilia-Romagna: lebensfroh und mediterran entspannt. Wenn der neue Trainer Louis van Gaal sagt, die Kultur des FC Bayern passe zu ihm wie ein warmer Mantel, dann passt der schöne Toni zu München wie der Föhn . Die drängende Frage ist jedoch, ob Toni, 32, auch noch in die neue Sturm-Hierarchie bei Bayern passt - ob er einen Platz finden wird im momentan auffälligsten Mannschaftsteil, für den sich seine Konkurrenten in den ersten Saisonwochen bewerben, während Toni, zuvor der beste Torjäger am Hofe, seine wunde Achillessehne pflegen muss.

Für Luca Toni, den italienischsten aller Italiener, könnte in dieser Saison kein Platz im Bayern-Sturm sein.

(Foto: Foto: Getty)

Aktuell tut er das in Italien, in einer Klinik in Bologna, hört man. Van Gaal sagt, solche Heimatreisen seien "frische Luft für den Kopf, die braucht man manchmal". Doch Toni, das weiß man, braucht auch Spiele und Tore als Seelenelixier. Und er ist niemand, der sich gerne hinten anstellt.

Systemtrainer van Gaal

Bei van Gaal muss er das. Hackordnungen auf dem Fußballplatz sind eine sehr deutsche Sache, den Systemtrainer van Gaal interessieren keine Namen und Hierarchien, ihn interessieren nur taktische Abmachungen und Positionsaufgaben, die genau zu befolgen sind. Jeder Spieler hat dem System zu dienen, auch Ribérys und Tonis, die bisher Freigeister waren. Bei Toni ist - unabhängig vom aktuellen Gesundheitszustand - zumindest Skepsis erlaubt, ob er klarkommen wird mit den neuen Pressing-Regeln des Gruppentherapeuten aus Holland und mit den geplanten Positionsspielen bei Ballbesitz, die vitale Dreiecksbeziehungen ergeben sollen und auch von den Stürmern kombinationssichere Mitarbeit erfordern.

Luca Toni, der Schlaks, war stets ein Turm und Knipser vor dem Tor, im ersten Jahr bei Bayern auf famose Weise (39 Pflichtspieltore), in der Vorsaison nur noch auf mittelmäßige. Da hatte er auch infolge von Verletzungen Probleme, sich aus der Deckung fitter, wacher Verteidiger zu lösen, besonders auf hohem internationalen Niveau, wo der FC Bayern hinwill. Und Forechecking á la Toni, den Gegner ein bisserl anlaufen und abdrehen, könne ebenfalls problematisch sein bei Maestro van Gaal.

Gomez vor Olic und Klose

Toni ist kein kompletter moderner Angreifer, wie die neue Nummer eins in Bayerns Sturm-Hitparade, Mario Gomez. Er ist kein uneigennütziger Zuarbeiter wie Miroslav Klose und kein umtriebiges Laufwunder wie Ivica Olic. "Vier Stürmer" hatte Manager Uli Hoeneß stets als Richtgröße genannt, als Nummer vier eignet sich jedoch ein nachrückendes Talent wie Thomas Müller eher als Toni. Der möchte mit Italien zur WM 2010 und für dieses Ziel wäre es keine gute Empfehlung, künftig der Dreiecksbeziehung Gomez/Klose/Olic bei der Arbeit zuzusehen.

Bis zum 31. August könnte Toni einen neuen Klub finden, er ließ jedoch über seinen Agenten Tullio Tinti ausrichten, keinen zu suchen. Toni, der Muster-Italiener, ist inzwischen auch Münchner mit Leib und Seele. Er liebt das Flair, die schicken Lokale und das schöne Gehalt, das ihm der FC Bayern vertraglich bis 2011 zusichert - und das wohl jeder vorstellbare neue Verein alleine nicht stemmen könnte.

Keine Sonderrechte

Zuletzt gab es in der Heimat Gerüchte über eine Ausleihe von Toni zum AS Rom, der Stürmer sucht. Van Gaal sagt unverfänglich, er hoffe, dass Toni "keine Schmerzen mehr hat und ab Donnerstag mittrainieren kann". Ein einziges Mal sah man Toni seit Wochen, als er im Trainingslager im Schwarzwald über die Hotel-Golfanlage joggte. Van Gaal schreibt ihn nicht ab, er weiß, dass er bei all seiner Vorliebe für Taktik, Kalkül und Spielkontrolle auch schöpferische Momente herausragender Solisten benötigt, um mit Bayern die angepeilten großen Herausforderungen zu bestehen. Und ein topfitter Brecher Toni könnte solche zündenden Momente vielleicht wieder liefern. Sonderrechte aber könne der Charmeur künftig "vergessen", sagt van Gaal streng, er meint: selbständig dosiertes Training und eine Stammplatzgarantie für Toni.

Gesetzt dürfte hingegen vorne Gomez sein, der 35-Millionen-Mann aus Stuttgart. Er traf gegen Bremen zum 1:1, von ihm erwartet man Präsenz und Klasse in der Luft und am Boden, und er grätschte gegen Werder sogar am eigenen Strafraum, das täte Toni nie. Um den Platz neben Gomez eifern Klose, dem nach kleineren Blessuren zurzeit Fitnessprozente fehlen - und Olic, der Neue aus Hamburg.

Viele sahen den Quirl aus Kroatien als Ergänzungsspieler, doch Olic, 29, ist ein Schlitzohr, immer in Bewegung und variabel einsetzbar (auch am Flügel), Attribute, die van Gaal schätzt. Olic erzielte beim 1:1 in Hoffenheim das Tor und er belebte auch gegen Bremen das starre Bayern-Spiel. Auch er ist jetzt ein starker Faktor. Ohne Zweifel ist der teuer aufgerüstete Sturm das derzeit leistungsfähigste Teamsegment bei Bayern, es mangelte aber bisher an Vorlagen aus dem blassen Mittelfeld. Dort lief die Kugel zwar in Ansätzen schon so, wie es der Dominanz-durch-Ballbesitz-Prediger van Gaal will, mit Prallenlassen, rum um die Kurve und rüber zur anderen Seite.

Doch die Stürmer vermissten kreative, öffnende Anspiele, und das Feintuning hakte, immer wieder rannten Gomez und Klose gegen Bremen ins Abseits. Auch das könnte einem der laufenden Lernprozesse geschuldet gewesen sein. Aus Ajax-Zeiten ist überliefert, dass van Gaal penibel Pässe einüben ließ, die die Stürmer exakt an der Grenze zum Abseits erreichten.

© SZ vom 19.08.2009/jbe
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