FC Bayern Dünn in den Herbst

Corentin Tolisso (Mi., liegend) wird behandelt und verletzt ausgewechselt.

(Foto: dpa)
  • Der FC Bayern schlägt Bayer Leverkusen nach Rückstand - beklagt aber zwei weitere Verletzte.
  • Corentin Tolisso fällt mit einem Kreuzbandriss, Rafinha mit einem Teilriss des Innenbandes aus.
  • Die Münchner diskutieren: Müssen die Schiedsrichter sie besser schützen?
Von Klaus Hoeltzenbein

Der beste Mann auf dem Rasen hat natürlich einen Anspruch auf Personenschutz. Gerade dann, wenn er auch noch der Älteste aller Darsteller ist und er schon länger damit kokettiert, dass sein Lebensabschnitt als Unterhaltungskünstler endlich ist. Aber kann man auf Arjen Robben, 34, wirklich schon in absehbarer Zeit verzichten? Auf einen, der einen gewöhnlichen Bundesliga-Nachmittag mit ein paar besonderen Momenten veredeln kann?

Beispielsweise, indem Robben den Ball einfach mal mit einem Lehrbuch-Vollspann-Schuss zum zweiten Tor des FC Bayern an diesem Tag im Torwinkel platziert. Oder indem er sich dribbelnd in einen Dreikampf wagt, was ziemlich lustig aussieht, wenn am Ende drei Nebendarsteller aus Leverkusen auf dem Boden liegen, während er solo aufs Ziel zustrebt.

Um Arjen Robben, den fittesten Fußballer seit Methusalem, ging es nach Abpfiff aber doch weniger in jener Debatte, die über den Spieltag hinausragen wird, nachdem Niko Kovac in der Pressekonferenz generell mehr Personenschutz für seine Münchner Profis eingefordert hat. "So langsam reicht es mir", klagte der neue Bayern-Trainer: "Wir haben den dritten Bundesligaspieltag, und ich habe so langsam das Gefühl, dass wir Freiwild sind."

Robben selbst war zu flink, zu elegant, zu wendig. Er blieb gegen die ständig zu spät eingreifenden Leverkusener unbehelligt und schickte der Kovac-Kritik später nur noch eine allgemein gehaltene Forderung hinterher: "Wir müssen uns darauf verlassen können, dass die Schiedsrichter uns beschützen, wenn nötig." Das haben die Schiedsrichter auch versucht an diesen ersten Liga-Spieltagen, an denen es beim FC Bayern rein von den Resultaten her unter Kovac weitergeht, wie es im Mai unter Jupp Heynckes endete: 3:1 gegen Hoffenheim, 3:0 in Stuttgart, 3:1 jetzt gegen Leverkusen - Tabellenführer ist der Rekordmeister bereits wieder, als einzige Mannschaft noch ohne Punktverlust.

Und dennoch ist der Alarm, den Kovac schlägt, durch harte Diagnosen begründet. Inklusive der Leverkusen-Partie haben die Münchner wettbewerbsübergreifend sieben Spiele in 21 Tagen zu bestreiten, und wenn sich die Verletztenliste im aktuellen Höllentempo verlängert, sitzt Kovac irgendwann dann doch trotz eines Luxuskaders alleine da. Nicht völlig alleine - Robben ist vermutlich noch dabei. Auch wenn sich dessen Muskelschwäche, das lehrt die Krankenakte, fast schon chronisch im Herbst einstellt, sobald die Blätter fallen.

Corentin Tolisso, 24, verließ am Samstag auf Krücken die Arena. Wenig später folgte der Befund: Riss von Kreuzband- und Außenmeniskus, mindestens ein halbes Jahr Pause. Der erste Startelf-Einsatz von Frankreichs Weltmeister unter Trainer Kovac war nach 42 Minuten beendet. Zuvor hatte Münchens teuerster Transfer der Historie nicht nur bei seinem Lehrbuch-Vollspann-Schuss zum 1:1 (10.) bestätigt, wie wichtig er hätte werden können bei den Champions-League-Aufgaben, die am Mittwoch mit dem Ausflug zu Benfica Lissabon beginnen. Traurige Parallele: Im ersten Heimspiel hatte sich nach ebenfalls eindrucksvollem Auftritt Tolissos Landsmann Kingsley Coman verletzt; Hoffenheims Nico Schulz rauschte dem Flügelflitzer ins Fahrwerk, Anriss eines Syndesmosebandes, monatelange Pause.

Zumindest aber Tolissos Ausfall ist Beispiel dafür, dass jene Diskussion Unsinn ist, die jetzt aufbrandet. Denn Pal Dardai, Trainer von Hertha BSC Berlin, regt an, mal wieder darüber nachzudenken, ob der foulende Spieler nicht so lange aussetzen sollte wie der Gefoulte braucht, um die Verletzung zu kurieren. Bei Tolisso aber war es eher der klassische Mittelfeld-Unfall, eine Kollision, von Vorsatz konnte keine Rede sein. Auch der Franzose hatte gegengehalten und vermutlich nicht gewusst, dass Leverkusens Kevin Volland der Sohn eines Eishockeyspielers ist, der einen Körper hat, an dem man abprallen kann. Volland jetzt aber so lange sperren, bis Tolisso genesen ist? Wer will da der Richter sein?

Vielleicht Uli Hoeneß? Der Präsident des FC Bayern jedenfalls war der Einzige, der noch im Kabinengang ein Urteil sprach. Allerdings nicht in der Sache Tolisso/Volland, sondern in der Sache Rafinha/Bellarabi. "Das ist vorsätzliche Körperverletzung. Sowas gehört drei Monate gesperrt - und zwar für Dummheit", polterte Hoeneß: "Das Foul von dem Bellarabi war natürlich geisteskrank." Gemeint war jene Szene aus der 80. Minute, die dem FC Bayern nach Coman und Tolisso den dritten Langzeitverletzten der jungen Saison bescherte. Der einstige Nationalspieler Karim Bellarabi war erst sieben Minuten zuvor eingewechselt worden, hatte erst zwei Ballkontakte, ehe er von hinten in den Münchner Brasilianer Rafinha rauschte. Bellarabi ging nach roter Karte, Rafinha mit der Diagnose, einen Teilriss des Innenbandes im Sprunggelenk erlitten zu haben. Und Kovac plagt nun die Sorge, in David Alaba (links) und Joshua Kimmich (rechts) nur noch zwei Gesunde mit Defensivbegabung für die Außenbahnen im Kader zu haben. In der Freiwild-Debatte geht es also sehr früh in der Saison ums athletische Betriebskapital.

Arjen Robben wirkt wie eine Art Kontrastmittel zur Lethargie der Elf aus dem Bayer-Werk

Es wurde sehr viel mit medizinischen Begriffen hantiert, und dennoch drängte sich die Frage auf, welcher optischen Täuschung man in München eigentlich aufgesessen war. Denn jenseits dieser Szenen mit Verletzungsfolge waren die Gäste nicht durch eine überharte Gangart aufgefallen. Im Gegenteil, sie vermittelten eher den Eindruck, als sei die Sommerfrische dort am Rhein noch nicht vorbei, wie Lars Bender, der Kapitän, anmerkte: "Es geht jetzt einfach darum, in die Saison zu kommen, Punkte zu holen, zu starten, bis jetzt sind wir noch im Urlaub." Der Fehlstart ist in drei Niederlagen dokumentiert; in München fand die Elf des in der Diskussion stehenden Trainers Heiko Herrlich nicht einmal dadurch zu mehr Courage, dass sie so plötzlich wie unerwartet nach fünf Minuten vorne lag: Wendell verwandelte einen von Thiago verursachten Handelfmeter.

Wie eine Art Kontrastmittel zur Lethargie der Elf aus dem Bayer-Werk wirkte da Arjen Robben. Er sei ja nicht mehr der Jüngste, stellte er fest, er wisse nicht, wie lange es noch gehe, deshalb wolle er jeden Einsatz genießen. Für alle, die jetzt glauben, eine Verletzungsserie könne die Bayern auf ihrem Durchmarsch zum nächsten Titel einbremsen, muss Robbens Vorhaben wie eine Drohung klingen.

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