bedeckt München 18°
vgwortpixel

Extremsport:Maximale Ausdauer abseits der Pisten

In Berchtesgaden findet der erste deutsche Weltcup im Skibergsteigen statt - mit dem Ausnahmetalent Anton Palzer.

Seit ein paar Jahren besteigt Anton Palzer jedes Jahr etwa 56 Mal den Mount Everest. So lässt sich zumindest sein Trainingspensum von 1000 bis 1300 Stunden mit 500 000 Höhenmetern auf Skiern, zu Fuß oder mit dem Rad umrechnen. "Fleiß schlägt bei meinem Sport Talent", sagt Palzer dazu. Sein Sport, das ist das Skibergsteigen. Der 26-Jährige aus Ramsau ist derzeit der beste Deutsche in dieser Sparte. Zu seinen größten Erfolgen zählen neben Weltcupsiegen sowie bereits einem Weltcup-Gesamtgewinn in der Disziplin Vertical auch fünf WM-Medaillen. An diesem Wochenende steht ein besonderer Wettkampf für das Ausnahmetalent an: Der erste Weltcup in Deutschland, der als Teil des Traditionsrennens "Jennerstier" in Berchtesgaden ausgetragen wird.

Am Freitag dominierte das Team aus der Schweiz, das neben den italienischen und französischen Sportlern zu den führenden Nationen zählt, die Österreicher ziehen allmählich nach. Palzer selbst wurde Vierter in der Disziplin Vertical, während die Schweizer vier von sechs Podiumsplätzen in dieser Sparte holten. Am Samstag folgen noch Starts in der Disziplin Individual und am Sonntag das große Finale im Sprint. Palzers Spezialdisziplin ist Individual. Beim Weltcup am Wochenende muss er dabei 1700 Höhenmeter in einer Zeit zwischen 1:30 und 1:40 Stunden meistern. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Skitourengeher schafft etwa 400 Höhenmeter in der Stunde.

Bei stürmischem Wetter wie zu Beginn dieser Woche hätte die Veranstaltung abgesagt werden müssen, sagt Wolfgang Wabel vom Deutschen Alpenverein (DAV). Er hat mit einem Jahr Vorlauf den ersten deutschen Weltcup im Skibergsteigen organisiert; nun warten gesetzter Neuschnee und Sonne auf die Athleten - beste Bedingungen.

Skibergsteigen, landläufig eher als Skitouren bekannt, "boomt wie keine andere Bergsportart", sagt Wabel. Die Zahl der Skitourengeher habe sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt. Nach Schätzungen des DAV sind bis zu 600 000 Deutsche regelmäßig mit Ski und Fellen in den Bergen unterwegs. Der Sport hat eine lange Tradition. Als es noch keine Lifte und präparierten Pisten gab, mussten sich die Wintersportler früher die Abfahrten selbst erarbeiten. Daher gilt das Skibergsteigen als Ursprung anderer Disziplinen.

Wintersport - Skibergsteigen - (c) Balz Weber / DAV
Fotograf: Balz Weber
Location: ISMF World Cup 2019 Disentis, Switzerland

Den Berg hoch mit Fell unter den Skiern: Anton Palzer (Mitte) ist derzeit der beste deutsche Skibergsteiger.

(Foto: Balz Weber; Balz Weber / DAV)

Beim Skibergsteigen, in Anlehnung an den englischen Begriff Skimountaineering auch "Skimo" genannt, geht es darum, so schnell wie möglich mit Ski und Fellen einen Berg hinaufzusteigen und wieder hinabzufahren. Alles ist reduziert: Die Skier sind schmal, die Skischuhe extrem leicht, die Läufer tragen hautenge Rennanzüge, ein schmales Stirnband und dünne Handschuhe. Maximal hingegen sind die Ausdauerleistung und die mentale Stärke, auch unter widrigsten Bedingungen im freien Gelände zu bestehen.

Im Wettkampfsport haben sich drei Rennformate entwickelt: Vertical, Individual und Sprint. Beim Vertical geht es nur um den Aufstieg. Das Rennen dauert im Schnitt etwa 30 Minuten. Beim Individual ist man im Schnitt eineinhalb bis zwei Stunden unterwegs. Dabei müssen die Rennläufer mehrere Anstiege und Abfahrten meistern. Der Sprint vereint verschiedene Disziplinen des Sports - Aufstieg, Abfahrt, Wechsel - und das in schneller Abfolge auf extra errichteten Sprintkursen. Der Wettbewerb dauert vier Minuten. Beim Wechsel muss sich der Athlet so schnell wie möglich entweder abfahrts- oder aufstiegsbereit machen - also die Felle an die Skier kleben oder abziehen.

In diesem Jahr war das Skibergsteigen erstmals olympisch, der Sport feierte sein Debüt bei den Jugendspielen in Lausanne. Für die Erwachsenen ist eine Teilnahme 2026 in Italien im Gespräch. Ein Weltcup in Deutschland sei nun "ein logischer Schritt", um der Bedeutung des Sportes gerecht zu werden, sagt Wabel. Ein riesiger organisatorischer Aufwand sei es gewesen, den Weltcup auf die Beine zu stellen. Zumal eine Veranstaltung in China, die zwei Wochen später stattfinden sollte, wegen des Coronavirus in die Alpen vorverlegt wurde. Anders als bei Ski-Alpin-Rennen, bei denen im Grunde nur eine Piste präpariert werden muss, spielen bei der Vorbereitung der Wettbewerbe im Skibergsteigen Sicherheitsaspekte und Nachhaltigkeit eine weit größere Rolle.

Die Weltcup-Saison der Skibergsteiger

20./21.12.19 Aussois, Frankreich

26./26.01.20 La Massana, Andorra

07./09.02.20 Berchtesgaden, Deutschland*

19.02.20 Hebei Province, China

02.04.20 Madonna di Campiglio, Italien Zum deutschen Kader, dem Skimo Team Germany, gehören Toni Lautenbacher, Stefan Knopf, Toni Palzer und David Sambale.

Die Rennen finden abseits der Pisten statt, das Gebiet muss also lawinensicher sein. Das Skigebiet am 2000 Meter hohen Jenner grenzt zudem an den Nationalpark Berchtesgaden - der Schutz von Natur und den Rückzugsräumen der Tiere musste gewahrt bleiben. Besonders stolz ist Wabel auf die Bemühungen des DAV, die bei der Anreise der Teams entstehenden Emissionen zu kompensieren. "Wir wollen zeigen, dass solche Veranstaltungen nachhaltig ablaufen können", sagt der 53-Jährige und hofft auf eine Vorbildwirkung.

Auch Palzer ist das alles wichtig, er hat sich für die Austragung eines Weltcups in seiner Heimat eingesetzt. Dort einen Erfolg zu feiern wäre etwas Besonderes für ihn. Seit 2013 konzentriert er sich als Sportsoldat auf den Bergsport. Dass er mit Sponsorengelder und durch die Sportförderung der Bundeswehr professionell trainieren kann, ist eine Ausnahme. Die Grundlage für seine Erfolge legte er im Alter zwischen 14 und 20 Jahren: "Dafür habe ich aufs Ausgehen verzichtet." Im Sommer ist Palzer international erfolgreicher Bergläufer, das hilft ihm, wie auch, dass er in seiner Jugend Alpinrennen gefahren ist. Obwohl das nicht vergleichbar sei: "Stilistisch ist es furchtbar zum Anschauen", sagt Palzer über das Skifahren beim Skibergsteigen. Die meiste Zeit fahre man Schuss und hoffe, nicht zu stürzen. Am liebsten fährt er bei Pulverschnee und guter Sicht - genau das erwartet ihn am Wochenende am Jenner.

© SZ vom 09.02.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite