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Ewald Lienen über die EM:"Ich hätte gar keinen Bock, da zu spielen"

FC St.Pauli - Fortuna Düsseldorf

Ewald Lienen, Systemkritiker und Trainer des FC St. Pauli.

(Foto: dpa)

Zwischenruf eines Fußball-Romantikers: Ewald Lienen zeigt großes Verständnis für die Spieler, die bei dieser EM nicht ihre Topleistungen abrufen können.

Zwei Nachrichten sind in diesen Tagen aus Hamburg in Richtung Frankreich geweht. Die erste: Fans des Hamburger SV haben eine lustig gemeinte Online-Petition gestartet, um Nordirlands EM-Helden Will Grigg zum HSV zu lotsen - jenen Stürmer, der in den Stadien fleißig besungen, aber trotzdem nie eingewechselt wurde.

Und die zweite: Ewald Lienen, der stets kritische Trainer des benachbarten Zweitligisten FC St. Pauli, hat sich den Fußballbetrieb vorgeknöpft und mit der EM abgerechnet, was mit einigen Tagen Verspätung auch in den sozialen Netzwerken für Aufsehen sorgte.

Warum macht er das? Lienen ist Zweitligacoach (wenn auch mit Erstligaerfahrung). Was sich bei der EM in Frankreich abspielt, das ist nicht ganz seine Liga, könnte man meinen. "In der ersten EM-Woche haben wir uns doch alle wahnsinnig gelangweilt. Ich bin auch mal eingenickt", ereifert sich Lienen markig über das Niveau der Spiele in Frankreich. Warum nur?

"Wenn ich Bastian Schweinsteiger sehe!"

Ort und Zeitpunkt von Lienens Kritik mögen überraschen, eigentlich sollte er beim Trainingsauftakt seines Klubs über die Aussichten für die kommende Spielzeit sprechen. Was Lienen, zweifellos selbst ein Fußballromantiker, sonst noch so sagt, hat jedoch einen wahren Kern - jedenfalls für alle, die nicht bloß alle zwei Jahre auf Fanmeilen die Fähnchen schwenken oder in den Funktionärsbüros bei Uefa oder Fifa sitzen.

Er wolle den Spielern bei der EM gar keinen Vorwurf machen, sagt Lienen: "Die Spitzenspieler, von denen wir hoffen, dass sie bei so einem Event Top-Leistungen bringen, die sind für mich völlig überlastet." Ein Beispiel nennt Lienen: "Wenn ich Bastian Schweinsteiger sehe! Der hat mit 31 gefühlt die Karriere eines 37-Jährigen hinter sich. Weil er jedes zweite Jahr eine EM oder WM spielt. Diese Leute können sich fast nie regenerieren oder erholen."

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Chewald, der Revolutionsführer

Intellektueller, Fußball-Romantiker und Revoluzzer: Ewald Lienen hat auf St. Pauli endlich einen Verein gefunden, der zu ihm passt.   Von Jörg Marwedel

Das alles sei für ihn kein ganz neues Phänomen. "Unser Fußballbetrieb ist völlig aufgebauscht. (...) Ich glaube, dass unser Produkt seit Jahren immer mehr verwässert. Weil es eben nicht geht, dass du 60 oder 70 Spiele auf hohem Niveau spielen kannst. Und nochmal und nochmal und nochmal..."