Fußball Wer ist fit genug für die EM?

Joachim Löw: Gezwungen zum Aussortieren

(Foto: dpa)

Bundestrainer Löw muss sich heute auf seinen endgültigen EM-Kader festlegen - der hängt vor allem von der Perspektive der Verletzten, Bastian Schweinsteiger und Mats Hummels, ab.

Von Christof Kneer, Augsburg

Noch auf dem Podium in Augsburg beschloss Joachim Löw, dass er die Nominierungsfrist nicht bis zum Ende ausreizen würde. Bis Dienstagnacht, null Uhr, hat der Bundestrainer theoretisch ja noch Zeit, um seine Grausamkeiten zu begehen, bis dahin wird er vier Spieler aus seinem 27-Mann-Kader streichen müssen. Aber offenbar will Löw diesen für einen eleganten Herrn doch eher unangenehmen Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen, und so kündigte er also an, um "23.59 Uhr und 45 Sekunden" zu nominieren.

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Termine der Fußball-EM in Frankreich

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Vom Eröffnungsspiel am 10. Juni bis zum Finale am 10. Juli 2016: Der Spielplan mit allen Begegnungen, Spielorten und Anstoßzeiten der Europameisterschaft in Frankreich.

Löw fällt es erkennbar schwer, für diesen rituellen Akt noch solche Gefühle zu entwickeln wie die Journalisten. Die Journalisten sind berufsbedingt immer ein bisschen aufgeregt, wenn das Ende der Frist näher rückt, sie interviewen sich dann gegenseitig und tauschen so lange Tendenzen aus, bis sie sich fast schon zu Nachrichten verdichten. Es ist ein Journalistensport: Wer hat alle Streichkandidaten richtig, bei wem waren es brisante Geheim-Informationen, und bei wem war es nur Glück?

Löw ist da nüchterner. Es macht ihm keinen Spaß, Menschen zu enttäuschen, aber er weiß, dass halt alle zwei Jahre einer diesen Job machen muss, und dass dieser eine halt er ist. Außerdem hat sich Löw mit den Jahren die Fähigkeit angeeignet, bei der Bestellung seines endgültigen 23er-Aufgebots die kleinstmögliche Enttäuschungssumme herzustellen, er enttäuscht meistens die, die insgeheim ohnehin damit rechnen.

Löw hat immer ein Motto

An dieses Muster hält sich Löw, seit er 2008 erstmals als alleinverantwortlicher Trainer den Rotstift zückte. Damals traf es Sportler namens Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes. Sie waren damals glücklich, überhaupt zum erweiterten Kader zu zählen und trugen die verräterischen Rückennummern 24, 25 und 26.

Diesmal sind Julian Brandt, Leroy Sané, Julian Weigl und Joshua Kimmich glücklich, zum erweiterten Kader zu gehören, und sie tragen die Rückennummern 24, 25, 26 und 27.

Man wird also nicht berühmt werden, wenn man nach dem 1:3 im vorletzten EM-Testspiel gegen die Slowakei die vier jüngsten Kadermitglieder als Streichkandidaten favorisiert, aber das heißt nicht, dass man damit richtig liegt. Zu einfach möchte Löw es den Propheten doch nicht machen, und außerdem denkt er sich für jedes Turnier ein Motto aus, dem er alles, auch sein Nominierungsmuster, unterordnet.

Vor zwei Jahren folgte er der These, dass in Brasilien das heißeste und feuchteste Turnier der Weltgeschichte steigen würde, also erfand er die Spezies der "Spezialkräfte", die man nach 70 Minuten einwechseln kann, wenn die Stammkräfte dehydriert am Boden liegen. So heiß und feucht war es dann zwar gar nicht, aber das mit Spezialkräften hat sich insofern rentiert, weil sie zum Beispiel fürs einzige Tor im WM-Finale zuständig waren (Flanke Schürrle, Tor Götze).