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Eisschnelllauf:Der schnelle Spätzünder

Eisschnelllauf: Europameisterschaft in Russland

Entschlossenheit statt Spekulationen: Nico Ihle will "die Russen auf dem Eis schlagen, dann kann mir egal sein, was die machen."

(Foto: dpa)
  • Drei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Pyeongchang befindet sich Eisschnelläufer Nico Ihle in Hochform.
  • Zuletzt waren nur zwei russische Athleten schneller als der 32-Jährige. Anstatt sich an Spekulationen zu beteiligen, möchte er beide auf dem Eis besiegen.
  • Bei der Olympia-Generalprobe in Erfurt trifft Ihle abermals auf seine russischen Kontrahenten.

Kürzlich hat Nico Ihle seine Medaillensammlung um eine Rarität erweitert: um ein historisches Exemplar. Bei diesem Einzelstück, das sich weder durch Alter, Farbe oder Legierung vom üblichen Medaillensatz unterscheidet, handelt es sich keinesfalls um eine Antiquität. Historisch war vielmehr der Anlass, bei dem er sich die Plakette ergatterte, die erste Einzelstrecken-Europameisterschaft, die je für Eisschnellläufer ausgetragen wurde. Das habe ihn sehr gefreut, sagte Ihle, nachdem er das Bronzestück für seinen 1000-Meter-Wettbewerb in Kolomna in Russland in Empfang genommen hatte, "auch, weil es natürlich so eine besondere Medaille ist".

Warum er so flink ist? Weil er viele Jahre hinterhergelaufen ist

Etwas weniger glückselig stimmten ihn die Namen der Konkurrenten, die ihn schlugen, Pawel Kulischnikow, zweimaliger Weltmeister über 500 Meter, und Denis Juskow, dreimal Weltmeister über die 1500-Meter-Distanz. "Das stimmt einen schon nachdenklich, wenn zwei Russen vor einem sind", sagte Ihle, "vor allem, wenn man in den vergangenen Wochen mitbekommen hat, was sich da so abgespielt hat in Russland." Er ist niemand, der Kollegen vorverurteilen würde; auch einen kompletten Olympia-Bann für das russische Team bei den Winterspielen in Pyeongchang als Strafe für den flächendeckenden Dopingbetrug bei den Spielen vor vier Jahren in Sotschi sieht er skeptisch, weil es unter Umständen einen Unschuldigen treffen könnte, wie er sagt. Im Fall von Kulischnikow und Juskow sehe die Sache anders aus: "Die waren in der Vergangenheit schon mal gesperrt", sagte Ihle vor dem Weltcup an diesem Wochenende in Erfurt, "und da stellt sich schon die Frage, ob die aus ihren Fehlern gelernt haben."

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Der heutige Weltmeister Kulischnikow wurde schon als Junior nach einem routinemäßigen Dopingtest aus dem Verkehr gezogen und verpasste deshalb die letzten Winterspiele; Kollege Juskow fiel 2008 wegen Marihuanakonsums auf, das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat ihn aber jetzt, nach jüngster Prüfung, ausdrücklich für unbescholten erklärt. Es ist also davon auszugehen, dass sich die Wege auf dem Eis bald wieder kreuzen dürften. Beim Eisschnelllauf-Weltcup in Erfurt gehören sie laut Meldeliste zum russischen Team.

Sportpolitische Grundsatzfragen indes sind selten ein Thema, wenn sich internationale Athleten zu Wettkämpfen treffen. Man spreche manchmal kurz darüber, sagte Ihle, jeder denke sich seinen Teil, aber ansonsten müsse man als Sportler den Fokus auf das Rennen legen - und das ist nervenaufreibend und anstrengend genug. Er hat für den persönlichen Umgang mit dem Problem eine erstaunlich pragmatische Lösung gefunden: "Ich muss einfach versuchen, die Russen auf dem Eis zu schlagen; dann kann mir egal sein, was die machen."

Warum er so flink ist? Weil er viele Jahre hinterhergelaufen ist

Er ist jetzt mit 32 Jahren in einer Verfassung, in der das tatsächlich wie ein realistisches Vorhaben klingt. Im Sprint über 500 und 1000 Meter ist die Konkurrenz unter den Besten groß, erläutert Eisschnelllauf-Bundestrainer Jan van Veen. Bei den Winterspielen hätten nicht weniger als zehn bis zwölf Kandidaten die Chance, eine Medaille im schnellen Rund von Gangneung zu erjagen, "und wenn alles nach Plan läuft, gehört Nico Ihle dazu". Im Februar 2017, mit 31, hat er sich auf der selben Bahn die erste WM-Medaille seiner Karriere erkämpft. Seitdem ist er in hervorragender Form, und wenn man ihn fragt, warum er erst jetzt, nach zehn Jahren im Weltcup, den Zenit seiner Karriere zu erreichen scheint, dann entgegnet er lapidar: "Weil ich so viele Jahre hinterhergelaufen bin."

Klingt flapsig, hat aber einen wahren Kern. Zunächst, weil die Trainingspläne in diesem Sport eine Vierjahresspanne umfassen mit dem Ziel, am schnellsten bei Olympia übers Eis zu flitzen; und Ihle war schon 2014 Vierter, was etwas unterging, weil der Verband DESG in Sotschi eine untypische Medaillenflaute beklagte. Zudem, sagt er, "kommt jetzt vieles zusammen, auf das ich jahrelang hintrainiert habe".

Als die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft vor gut zwei Jahren den Niederländer van Veen als Chefcoach installierte, wurde Ihle gestattet, in Chemnitz mit seinem Bruder Danny weiter bei seinem langjährigen Heimtrainer Klaus Ebert zu bleiben. Ein sinnvolles Privileg, wie er erläutert, weil Sprinter ganz anders trainieren müssen als die Lang- und Mittelstrecken-Kollegen: mehr Maximalkraft- und Schnellkrafttraining, weniger Ausdauerübungen, mehr Gewichte heben und mehr springen, "um beim Start mit aller Kraft ins Eis zu drücken, um dann so schnell wie möglich nach vorn zu kommen".

Ein guter Start - darauf muss er sich verlassen können in einem Rennen, im Weltcup und bei Olympia, sagt er. "Und auch darauf, dass die unabhängigen Kontrollen klappen."

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