Eiskunstlauf:Tiefe Risse im Eis

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Eiskunstlauf: Schöner Schein: Der bislang letzte große Erfolg der Deutschen Eislauf-Union, der Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot, liegt fast fünf Jahre zurück.

Schöner Schein: Der bislang letzte große Erfolg der Deutschen Eislauf-Union, der Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot, liegt fast fünf Jahre zurück.

(Foto: David G. Mcintyre/Zuma/Imago)

Die Deutsche Eislauf-Union versucht im zweiten Anlauf ein neues Präsidium zu finden. Beim ersten Mal hatten die Kandidaten die Wahl nicht angenommen. Seitdem tobt ein Streit um Macht, der bei Mitgliedern Empörung hervorruft.

Von Barbara Klimke

Wenn an diesem Samstag der deutsche Eiskunstlaufverband (DEU) ein neues Präsidium wählt, wird jene Frau nicht im Saal sein, die vor sieben Wochen mehrheitlich das Vertrauen der Mitglieder erhielt: Larissa Vetter, 30. Die Ärztin und Unternehmensberaterin aus Ludwigshafen verzichtet auf die Fahrt zur außerordentlichen Mitgliederversammlung in Dortmund. Sie hatte im September die Wahl nicht angenommen und will nun nicht erneut kandidieren.

Sie bedauerten dies, teilten Larissa Vetter und ihre beiden Mitstreiter am Mittwoch in einem Schreiben an die Delegierten mit. Zugleich hätten sie festgestellt, "dass wir an bestimmten Stellen innerhalb der Deutschen Eislauf-Union als Team nicht erwünscht sind".

Die Wahl vom 10. September in München endete ergebnislos. Der erste Versuch, einen Nachfolger für den Präsidenten Dieter Hillebrand, 80, zu finden, der nach 16 Jahren sein Amt aufgibt, schlug somit fehl. Was die Vorgänge rund um diese nicht-öffentliche Chaos-Versammlung zusätzlich an tiefen Rissen im Eissportverband offenbarten, überrascht selbst in der hierzulande an Verwerfungen nicht armen olympischen Sportverbandslandschaft.

Larissa Vetter, eine frühere Verbandsärztin, und ihre Kollegen Benjamin Blum und Tobias Bayer - alle ehemalige Eiskunstläufer - kamen nach den vergangenen Wochen zum Fazit, "dass es mehr um Machterhalt und Personalien als um Inhalte und unseren Sport geht". Einige Mitglieder der abstimmungsberechtigten Landeseissportverbände äußerten sich über die Vorkommnisse rund um die Wahl "entsetzt", "bestürzt und enttäuscht".

"Wir hatten nicht mit dem Gegenwind gerechnet", sagt die einst gewählte Kandidatin

Ausgangspunkt der Querelen war der Entschluss des jungen Trios um Vetter, am 10. September gegen ein Kandidaten-Trio anzutreten, das die vom Verband eingesetzte Findungskommission vorgeschlagen hatte: bestehend aus dem Essener Arzt und Vereinschef Stefan Steinmetz sowie Udo Dönsdorf, dem früheren DEU-Sportdirektor, und dem Stuttgarter Hörfunkjournalisten Andreas Wagner als möglichen Vizepräsidenten. Beide Listen wollten geschlossen gewählt werden. Bei der Abstimmung setzten sich jedoch nur Vetter und Blum aus dem einem Team sowie Andreas Wagner aus dem Konkurrenztrio durch. Die Wahl nahm keiner an.

Nach der Abstimmung hätten sie "nicht dogmatisch von vornherein ausgeschlossen, mit Herrn Wagner zusammenzuarbeiten", erklärt Larissa Vetter. "Wir wollten die Mitglieder ja auch nicht enttäuschen. Aber wir hatten nicht mit dem Gegenwind gerechnet."

Vor der Wahl wurde der Finanzbericht vorgestellt. Auch, so erzählen es Anwesende, habe sich Noch-Verbandschef Hillebrand zu Wort gemeldet und die Verbandsmitglieder gemahnt, bei der Wahlentscheidung zu bedenken, welche Konsequenzen bevorstehen würden.

Bereits zu diesem Zeitpunkt, das bestätigen mehrere Teilnehmer unabhängig voneinander, wurde das Plenum darüber unterrichtet, dass der DEU-Geschäftsführer Alexander Wetzel sein Engagement nur mit dem Trio der Findungskommission fortsetzen werde. "Es wurde suggeriert, dass keine öffentlichen Gelder mehr fließen, wenn Herr Wetzel nicht mehr zur Verfügung stehe und keine ordentliche Geschäftsführung mehr gewährleistet sei", sagt Larissa Vetter. "Auf uns hat das wie der Versuch einer Einschüchterung der Mitglieder gewirkt."

Nicht einmal das Wahlergebnis macht die DEU publik

Hillebrand gibt auf Anfrage keine Auskunft zu den Wortmeldungen; er verweist darauf, dass die Mitgliederversammlung "nicht-öffentlich" gewesen sei. Der Spitzensportverband, der im vergangenen Jahr 1,4 Millionen Euro Förderungszuwendungen des Bundes erhielt, teilt auf Anfrage nicht einmal das Abstimmungsergebnis mit - mit derselben Argumentation: "Nach Art. 9 der Geschäftsordnung der DEU sind nicht-öffentliche Versammlungen vertraulich zu behandeln, d.h. Abläufe dürfen Außenstehenden nicht mitgeteilt werden. Die Geschäftsordnung hat Satzungsrang. Ein Verstoß dagegen würde bedeuten, ich würde gegen eine Satzungsbestimmung verstoßen", schreibt Hillebrand.

Die Fachzeitschrift Pirouette kommentierte den Fakt, dass es nicht einmal einen Live-Stream gab, süffisant: "Bei der DEU ist eben vieles so geheim wie unter Kaiser Wilhelm."

Wenige Tage nach der verunglückten Wahl von München, als feststand, dass eine Wiederholung nötig wird, verschickte die DEU einen von Geschäftsführer Wetzel unterzeichneten verbandsinternen Newsletter ("Nachgedacht"), der der SZ vorliegt. Diese Rundmail rief teilweise Empörung bei den kritisierten Landeseissportverbänden (LEV) hervor. "Was haben sich einige LEV-Vertreter dabei gedacht, wenn sie in der prekären Situation, in der sich die DEU derzeit befindet, unerfahrene Kandidaten mit ihrem Votum unterstützen?", heißt es darin.

Und weiter: "Haben die LEV-Vertreter umrissen, was sie mit dieser Vorgehensweise angerichtet haben? Wieso werden zusätzliche Kandidaten durch LEV-Vertreter protegiert, obwohl frühzeitig vereinbart worden ist, dass die von den LEV eingesetzte Findungskommission einen Vorschlag zur Präsidiumswahl unterbreiten soll? Warum werden die deutlichen Worte unseres Präsidenten im Vorfeld der Wahl von den Mitgliedern nicht ernst genommen?" Der Absender kommt selbst zur Schlussfolgerung: "Erfahrung und Weitsicht in einem DEU-Präsidium wird offensichtlich mehrheitlich von den Mitgliedern der DEU nicht erkannt und deshalb auch nicht geschätzt."

"Mit welcher Hybris erdreistet sich hier jemand, einen demokratischen Vorgang zu bewerten?"

Der Chef eines mächtigen Landesverbands forderte den Noch-Präsidenten Hillebrand auf, sich von dem Schreiben zu distanzieren. "Mit welcher Hybris erdreistet sich hier jemand, einen demokratischen Vorgang innerhalb der DEU nicht nur zu bewerten, sondern gleichsam alle Vertreter der Landesverbände als unmündige und unfähige Deppen hinzustellen?", heißt in einem Offenen Brief.

Hillebrand teilt mit, das Schreiben sei der DEU nie offiziell zugeleitet und somit nicht beantwortet worden. Unterdessen nahm eine andere Landesvertretung die Vorgänge zum Anlass einer Generalkritik: "Ein Verband, dessen Hauptamtliche die Entscheidungen seines (angeblich) höchsten Gremiums so wenig respektiert, hat ganz andere Probleme als die Finanzen und öffentlichen Mittel, durch die er sich finanziert."

Mit der Problemlösung muss sich nun ein neuer DEU-Präsident befassen. Bei der Wiederholungswahl an diesem Samstag tritt offenbar nur ein Kandidat an: Andreas Wagner, 62, der seine Wahl am 10. September ebenfalls nicht angenommen hatte. "Ich habe mit niemandem Stress", sagt der langjährige Hörfunk-Sportchef des SWR nun: "Ich möchte nicht mehr zurückschauen, mein Blick richtet sich nach vorn."

Wagner hat ein neues Team zusammengestellt, er bewirbt sich mit dem ehemaligen deutschen Eistänzer Daniel Hermann sowie Thomas Rücker, Präsident des Rheinland-Pfälzischen Eissportverbands. Die jüngsten Verwerfungen in der DEU will er im Gespräch nicht kommentieren, gleichwohl sieht er eine "Fülle von Aufgaben" auf die neuen Riege zurollen. Zu den wichtigsten gehöre die nach einer Satzungsänderung beschlossene Installation eines hauptamtlichen Vorstands. Auch diese Wahl ist übrigens nicht öffentlich.

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