Eishockey-WM Ernstfall mit 18

Jack Hughes, Kaapo Kakko und Moritz Seider, alle 2001 geboren, gelten als Ausnahmetalente. Bei der Eishockey-WM müssen sie auch feststellen, dass die Zeit der Hege vorbei ist.

Von Johannes Schnitzler, Kosice

Bis vor wenigen Tagen befand sich Jack Hughes hinter Gittern. Der 17-Jährige did no wrong, wie die Amerikaner sagen, er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, was eine Inhaftierung gerechtfertigt hätte. Er war lediglich ein 17-Jähriger, der wie alle 17-Jährigen auf dieser Welt - zumindest in all jenen Ländern, in denen man mit 18 Jahren als volljährig gilt - seinen 18. Geburtstag herbeisehnte. Am vergangenen Dienstag war es soweit. Seitdem darf Jack Hughes aus Orlando, Florida, ohne Schutzgitter vor seinem Gesicht Eishockey spielen. Und jeder kann sehen, dass hinter diesem Gitter ein noch sehr junges Gesicht steckte.

Hughes ist neben seinem Bruder Quinn, 19, der Jüngste im Team USA, das am Sonntag (16.15 Uhr) bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei auf die deutsche Mannschaft trifft. Hinter seinem Namen steht als Vereinsangabe: U.S. National U18. Hughes führte besagte Nachwuchs-Nationalmannschaft in diesem Winter als Kapitän zu WM-Bronze, im Jahr davor gewannen die US-Boys mit Hughes Silber, mit der U20 holte er im Januar ebenfalls Silber. Alle einschlägigen Scouting-Agenturen haben ihn für die kommende Talente-Ziehung der Profiliga NHL (Draft) an Nummer eins gesetzt, die Späher, die auch bei der WM in den Arenen hocken, überschlagen sich in ihren Urteilen: "gewaltiger Antritt"; "unauffällig, weil er klein ist (1,79 Meter, Anm. d. Red.), aber Augen auf, wenn er den Puck hat"; "ein elektrisierender Spieler"; "kann Spiele entscheiden"; "immer einen Schritt voraus". Die Talentziehung findet Ende Juni in Vancouver statt, wo Bruder Quinn als Profi für die Canucks spielt. Bei der WM agiert Jack Hughes bislang eher unauffällig, nach vier Spielen ist er noch ohne Scorerpunkt, was völlig normal wäre für einen 17-, 18-Jährigen angesichts der Fülle von Stars der Branche, die in Bratislava und Kosice übers Eis flitzen: Die Russen haben Alexander Owetschkin, den Top-Torschützen der NHL, sie haben Malkin und Dadonow, die Schweden haben "King" Henrik Lundqvist und Oliver Ekman-Larsson, die Tschechen Jakub Voracek, die Amerikaner Patrick Kane, Veteranen mit der Erfahrung aus Hunderten NHL-Spielen, alle um die 30 Jahre oder älter. Nur: Von einem designierten künftigen Führungsspieler wie Hughes wird erwartet, dass er auch auf diesem Niveau zeigt, was er kann. So wie es der Finne Kaapo Kakko tut.

Moritz Seider, 18, Deutschland.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Der Stürmer aus Turku, seit Februar 18, hat die Fachwelt mit sechs Toren in den ersten vier Spielen bei dieser WM elektrisiert. Mit sieben Scorerpunkten steht er unter den besten Zehn des Turniers, gleichauf mit dem Schweizer Nico Hischier, der im Januar aber auch schon 20 geworden ist. Hischier spielt in der NHL für die New Jersey Devils, die in diesem Jahr als Erste aus dem Talente-Topf ziehen dürfen. Vor zwei Jahren war Hischier selbst noch der Nummer-eins-Draft-Pick.

Kakko macht Hughes den Nummer-eins-Status also streitig. Bei den Nachwuchs-WM-Turnieren, bei denen der Amerikaner Silber holte, gewann Kakko Gold. "Es gibt auf der Welt nicht viele Spieler wie ihn. Wenn er den Schläger auf dem Eis hat, ist nur der Himmel die Grenze", schwärmt Finnlands Trainer Jukka Jalonen.

Hughes, Kakko und den Deutschen Moritz Seider, alle Jahrgang 2001, eint neben ihrem Alter und Talent: Sie repräsentieren den Trend, hochbegabte Spieler immer früher in die Verantwortung zu nehmen. In Skandinavien und Finnland gehört das Ins-kalte-Wasser-werfen längst zum Prinzip: Schwimm oder bleib Amateur, lautet die Devise. Kakko spielte in der vergangenen Champions-League-Saison für TPS Turku, mit 17 und noch mit Gitter vor dem Gesicht. Patrick Hager von Turkus Gruppengegner EHC Red Bull München, sagt: "Es war schon erstaunlich, wie weit ein so junger Spieler sein kann. Nach einem Jahr in der finnischen Liga wundert es mich nicht mehr, dass er hier bei der WM auf diesem Niveau spielt." Kakkos 1:1 beim 3:1-Sieg am Donnerstag gegen Dänemark gehörte zum Frechsten, technisch Anspruchsvollsten und Filigransten, was diese WM bislang zu bieten hatte, die Kommentatoren raunten: "Spektakulär!" Seinen Treffer gegen die Slowakei mit nur einer Hand beschrieb er später selbst so: "War schon ganz geil."

Jack Hughes, 18, USA.

(Foto: Lukasz Laskowski / Imago)

Kakko genießt offensichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm bei der WM zuteil wird. Auch Moritz Seider sagt: "Das ist eine Riesenbühne, auf der ich mich präsentieren kann." Seider ist das größte deutsche Verteidiger-Talent. Seine Saison im Zeitraffer: Aufstieg mit der deutschen U20 in die Top-Division der WM. Bester Verteidiger des Turniers. Aufsteiger des Jahres in der DEL. Deutscher Meister mit Mannheim. Erstes Länderspiel, erste WM, zwei Tore. Zwei Treffer durch einen 18-jährigen Verteidiger gab es bei einer WM zuletzt 1978 durch den Finnen Reijo Ruotsalainen.

"Er ist ein guter Junge", sagt Leon Draisaitl, NHL-Profi bei den Edmonton Oilers. "Er kommt sehr gelassen rüber. Er wird seinen Weg machen." In die NHL, meint Draisaitl. Dominik Kahun (Chicago) sagt, Seider, Kakko und Hughes seien "schon die größten Talente". Die Besten in jedem Jahrgang fingen heute "mit neun, zehn Jahren mit Sachen an, das hatten wir damals alles gar nicht". Ihre Trainingsmöglichkeiten seinen "Wahnsinn", sagt Kahun - und stockt: "Ist ja noch gar nicht so lange her, dass ich zehn war." Man vergisst das leicht: Auch Draisaitl und Kahun sind erst 23. Seider nennt sie "meine Idole".

Kaapo Kakko, 18, Finnland.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Am Dienstag gegen Finnland könnte es vor den NHL-Scouts zum direkten Duell mit Kakko kommen. Am Mittwoch musste Seider aber erst mal erleben, was es heißt, wenn die Zeit der Hege vorbei ist. Der Slowake Ladislav Nagy, 39, Weltmeister von 2002, stauchte ihn ohne viel Federlesens in die Bande. Seider schied mit Verdacht auf Gehirnerschütterung aus.

Die Aufregung, die sich auch um ihn bei dieser WM entfacht hat, lässt ihn bislang kalt. "Ich bin nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen", sagt Seider. "Ich versuche nur, ich selbst zu sein. Die Themen ändern sich ja nicht. Am Ende des Tages spielt man einfach nur Eishockey gegen vielleicht etwas bessere Gegner." Er versuche dennoch, "das Ganze hier zu inhalieren", denn die erste WM sei "sicher etwas Besonderes".

Jenseits der Gitterstäbe, draußen in der Welt der Erwachsenen, lauern ja bereits andere Zwänge auf Kakko, Seider und Hughes.