Eishockey-WM:Der Tank ist trocken

Eishockey-WM 2021: Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft gegen die USA

Abgang ohne Applaus: Die deutschen Nationalspieler verlassen die Arena Riga nach dem verlorenen Spiel um Platz drei gegen die USA.

(Foto: Jari Pestelacci/Just Pictures/Imago)

Die deutsche Mannschaft läuft der historischen Chance hinterher, nach 68 Jahren eine WM-Medaille zu gewinnen. Im Spiel um Platz drei muss sie sich den USA 1:6 geschlagen geben. Das Finale entscheiden die Kanadier für sich - schon zum 27. Mal.

Von Christian Bernhard

Tobias Rieder hatte genug, der Frust musste jetzt einfach raus. Der Stürmer der deutschen Nationalmannschaft entschied sich für jene Variante, auf die Eishockeyspieler in solchen Momenten am liebsten zurückgreifen: Er schlug seinen Schläger wutentbrannt auf sein eigenes Tor. Emotionale Ausschläge dieser Art war man von der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Riga (Lettland) nicht gewohnt, zu überzeugend präsentierte sich die Mannschaft von Bundestrainer Toni Söderholm mehr als zwei Wochen lang. Am Sonntagnachmittag wollte allerdings nichts mehr gelingen.

Das deutsche Team, das bei der WM mit aufopferungsvollem Einsatz und Leidenschaft viele Sympathien gewonnen hat, verlor das Spiel um Platz drei gegen die USA deutlich 1:6 (0:1, 0:4, 1:1) und verpasste so die historische Chance, erstmals seit 68 Jahren eine WM-Medaille für Deutschland zu holen. Abwehrchef Korbinian Holzer war hinterher den Tränen nahe: "Schwer, jetzt die richtigen Worte zu finden", sagte er beim Sender Sport 1, "das war kein guter Tag für uns", flüsterte Stürmer Marcel Noebels. Und Bundestrainer Toni Söderholm lobte die Gesamtleistung der Mannschaft bei diesem Turnier: "Es war mir eine Ehre, mit diesem Team zu arbeiten."

"Wir werden keinen einzigen Tropfen im Tank lassen", hatte Holzer noch vor dem Spiel um Bronze betont. Der deutsche Tank war allerdings ziemlich leer - besonders emotional. Das lag an der bitteren 1:2-Halbfinalniederlage gegen Titelverteidiger Finnland am Tag zuvor. Die Enttäuschung danach war kratertief gewesen. "Wir wollten Weltmeister werden, deshalb sind wir jetzt alle geknickt", sagte der sichtlich betroffene Kapitän Moritz Müller am Samstag. Bundestrainer Söderholm unterstrich, die Niederlage sei "mega enttäuschend" und tue "unglaublich weh". Vorwürfe machte er seinem Team aber keine, ganz im Gegenteil. Er könne vor seinen Spielern nur den Hut ziehen, betonte der Finne, die Mannschaft habe "unglaublichen Charakter, Stärke, Geduld - eigentlich alles gezeigt". Vieles davon hätte in einem anderen Spiel zu einem Sieg geführt, sagte er.

Trotz einiger gut herausgespielter Chancen gelang der deutschen Mannschaft gegen Finnland nur ein Überzahltreffer von Matthias Plachta, zuvor hatten die Finnen zwei deutsche Fehler für ihre 2:0-Führung ausgenutzt. Den Rest erledigte der Favorit mit einer disziplinierten Defensivleistung und dem starken Torhüter Jussi Olkinuora. Die Vorbereitung auf das Spiel um Platz drei war "nach so einer harten Niederlage" nicht einfach, erklärte Söderholm. "Emotional gab es viel zu verarbeiten." Der Finne war überzeugt, dass jene Mannschaft Bronze holen werde, die den Willen habe, "sich nochmal für die Mannschaft und die gemeinsame Sache zu opfern". Dieses Bewusstsein hatten auch die US-Amerikaner. Eine Medaille sei eine große Sache, sagte Kapitän Brian Boyle, "wir sind schon zu lange hier, haben zu viel geopfert." Die Corona-Blase, die beim WM-Turnier in Riga sehr strikt und hart war, setzte allen Mannschaften zu. Umso größer war der Wunsch, sich für all die Mühen mit einer Medaille zu belohnen.

Am besten gelang das am Sonntagabend dann den Kanadiern, die Finnland 3:2 nach Verlängerung bezwangen und sich ihren 27. WM-Titel sicherten.

Das zweite Drittel verlieren die Deutschen 0:4 - und ihren Kapitän Moritz Müller

Söderholm nahm vor dem letzten WM-Auftritt seiner Auswahl zwei Änderungen vor: Für Stürmer Frederik Tiffels rückte Verteidiger Dominik Bittner in die Mannschaft. Das Tor hütete Felix Brückmann, der beim 0:2 in der Vorrunde gegen die USA eine starke Leistung gezeigt hatte. Die deutsche Mannschaft kam schon in der ersten Spielminute zu einer vierminütigen Überzahl. Das lange Powerplay lief aber alles andere als rund. In den letzten Sekunden verlor Matthias Plachta die Scheibe an US-Verteidiger Christian Wolanin, der zog mit viel Schwung zum Tor überwand Brückmann mit der Rückhand zum 1:0 (6.). Wieder, wie schon im Halbfinale gegen Finnland, nutzte der Gegner den ersten Fehler des deutschen Teams zur Führung. Ab da war das Team USA offensiv deutlich gefährlicher, Brückmann vereitelte mehrere gute US-Torchancen.

"Das war kein guter Start von uns", sagte Verteidiger Moritz Seider in der ersten Drittelpause im Sport1-Interview, "wir müssen langsam aufwachen und uns ein bisschen mehr zutrauen." Das wollte allerdings nicht gelingen. Innerhalb von knapp sechs Minuten schraubten Conor Garland (27.), Jack Drury (29.), Jason Robertson (32.) und Trevor Moore (33.) das Ergebnis auf 5:0. Deutschland verlor zudem Kapitän Müller verletzungsbedingt. "Wir machen es uns hinten einfach selber schwer", sagte Holzer, "dann fangen bei denen die Beine von alleine zu laufen an, und wir laufen hinterher." Bittner bescherte dem Söderholm-Team wenigstens den Ehrentreffer (50.), Ryan Donato legte umgehend das 6:1 nach (50.).

Durch die zweite Niederlage binnen 24 Stunden blieb der deutschen Mannschaft wie schon bei der Heim-WM 2010, als sie erstmals in der modernen Eishockey-Ära im Halbfinale gestanden war, erneut nur Platz vier. Söderholm hatte bereits nach dem verlorenen Halbfinale betont, dass diese Mannschaft "einen sehr großen Teil meines Eishockeyherzens gewonnen" habe. Daran wird auch dieses verpatzte Spiel um Platz drei nichts ändern.

© SZ/sjo/jkn
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