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Eishockey in der DEL:Verzweiflung in einer tauenden Branche

Eishockey DEL 51. Spieltag Kölner Haie - Eisbären Berlin am 06.03.2020 in der Lanxess Arena in Köln Die Scheibe im Fokus; Eishockey

Die Kölner Haie, hier Torwart Hannibal Weitzmann, plagen bereits jetzt millionenschwere Verbindlichkeiten.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Die deutschen Eishockey-Klubs sind so sehr von Zuschauereinnahmen abhängig, dass sich Geisterspiele gar nicht lohnen. Der Saisonstart ist darum ausgesetzt - nun trifft der erneute Bann der Politik die Liga.

Von Ulrich Hartmann

Als Seelsorger hat sich Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm bislang nicht so richtig gesehen. Dabei ist es auch diese Aufgabe, die jetzt verstärkt auf ihn zukommt. "Die Spieler werden mit einer erhöhten Aufgeregtheit zum Lehrgang kommen", vermutet der 42 Jahre alte Finne, bevor er am Sonntag zum ersten Mal seit neun Monaten wieder die Nationalspieler um sich schart. "Wir werden diesmal auch mentale Dinge besprechen müssen", sagt er, "wir brauchen eine positive Stimmung, die Spieler sollen trotz aller Probleme wieder Stolz und Spaß verspüren, für die Nationalmannschaft zu spielen."

Es ist auch dieser Grund, der die Menschen beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) bewogen hat, den traditionellen Deutschland-Cup in diesem Jahr hartnäckig und um jeden Preis austragen zu wollen - obwohl keine Zuschauer in der Krefelder Arena erlaubt sind und obwohl mit Norwegen, Russland, der Slowakei und der Schweiz eigentlich alle relevanten Teilnehmer wegen Corona abgesagt haben.

Es wäre nur zu verständlich gewesen, den Deutschland-Cup in diesem Jahr deshalb komplett abzusagen, aber mehr noch als die sportlichen Motive für die so lange unbeschäftigten Nationalspieler ist dem Verband momentan wichtig, Eishockey nach langer Zeit mal wieder in die Öffentlichkeit, ins Internet-Fernsehen (MagentaSport) und damit auch in die Erinnerung des deutschen Sportgeschehens zu bringen. "Der Deutschland-Cup in diesem Jahr hat sogar eine ganz besondere Bedeutung, weil er so wichtig ist für unsere Außendarstellung", sagt Söderholm.

Die Kölner Haie verkaufen zur eigenen Rettung Tickets für zehn Euro

Der sportliche Wert ist unter diesen Umständen vielleicht ein bisschen fragwürdig, aber das spielt keine primäre Rolle. Nur drei statt der sonst vier Teams - Deutschland, Lettland und eine deutsche Perspektiv-Mannschaft namens "Topteam Peking" (mit Blick auf die Winterspiele 2022) - spielen nächste Woche von Donnerstag bis Samstag gegeneinander.

Am Sonntag bestreiten die beiden Besten dann ein Endspiel. Schon ab Sonntag trainiert man dann zusammen weil keine Zeit zu verlieren ist und weil die Profis dringend Praxis brauchen, nachdem der Spielbetrieb in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ja noch immer und seit nun schon acht Monaten ruht. Man holt die Spieler für ein paar Tage aus der Kurzarbeit ihrer Vereine heraus und schenkt ihnen Eiszeit vor dem Fernsehpublikum. Das ist schon das Höchste, was man hiesigen Eishockey-Spielern in diesen schwierigen Zeiten angedeihen lassen kann.

Aus allen Ritzen der tauenden Branche dringt dieser Tage Verzweiflung. Die DEL würde Mitte Dezember mit dreimonatiger Verspätung eigentlich sehr gerne ihre neue Spielzeit beginnen, doch angesichts dramatischer Coronawerte und diesbezüglich wachsender Restriktionen droht die Saison womöglich ganz auszufallen. Die Kölner Haie, den ruhmreichsten deutschen Klub, plagen millionenschwere Verbindlichkeiten, weshalb sie dort seit Mittwoch eigenkaritative, symbolische Tickets zum Preis von zehn Euro an ihre Fans verkaufen. Eine Million soll so zusammenkommen zur Rettung des Standorts. Es geht längst ans Eingemachte.

Im Gegensatz zu den deutschen Profifußballklubs, die in beträchtlichem Maße von Fernsehgeldern profitieren, leben die Eishockey-Vereine maßgeblich vom Hallenpublikum sowie vom Verkauf von Fanartikeln und vom Catering am Spieltag. Bis zu 80 Prozent des Etats, rechnen sie bei den Haien vor (mit mehr als 13 000 Zuschauern diesbezüglicher Krösus in der DEL), werden über spieltagsbezogene Einnahmen generiert.

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