Eichin bei TSV 1860 München "Der Umgang war unter aller Kanone"

Zieht weiter - nach einer traurigen Erfahrung bei 1860: Thomas Eichin.

(Foto: dpa)
  • Der finanziell angeschlagene Regionalligist 1860 München muss 365 299,50 Euro plus fünf Prozent Zinsen an den ehemaligen Geschäftsführer Thomas Eichin zahlen.
  • Eichin kann das Vorgehen der Münchner noch immer nicht verstehen: "Mir ist kein vergleichbarer Fall im deutschen Profifußball bekannt", sagt er der SZ.
Von Philipp Schneider

Richter Dr. Julian Raphael Burmeister-Bießle raschelt kurz mit dem Papier, das er in seinen Händen hält, dann atmet er noch einmal tief ein. Richter Burmeister-Bießle ist nämlich schon etwas länger im Geschäft, und deshalb ahnt er: Das, was er jetzt drei Leuten vorlesen muss, zwei Journalisten und einem alten Wildmoser-Fan, der sich am Montag interessehalber in Saal 8 des Münchener Arbeitsgerichts begeben hat, das wird etwas länger dauern. Die Verkündung des Urteils wird natürlich nicht so lang dauern wie die Phase, in der Thomas Eichin unrechtmäßig kein Gehalt vom ehemaligen Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München überwiesen bekam, das nicht. Aber schon ein paar Minuten.

"Mir ist kein vergleichbarer Fall im deutschen Fußball bekannt"

Richter Burmeister-Bießle liest jetzt nämlich für jeden Monat einzeln vor, wie viel Geld 1860 seinem ehemaligen Sportchef noch schuldet, der im vergangenen November freigestellt worden war. "Für den Monat Dezember", so legt Richter Burmeister-Bießle los, "60 883,25 Euro", dazu kommen "fünf Prozent Verzinsung nach dem Basiszinssatz der EZB". "Für den Monat Januar", fährt Burmeister-Bießle fort, "60 883,25 Euro", natürlich plus Verzinsung, "für den Monat Februar", und so weiter - bis zum Wonnemonat Mai. "Insgesamt wird der Streitwert auf 345 276,96 Euro festgesetzt. Die Beklagte hat sechs Siebtel der Prozesskosten zu tragen, der Kläger ein Siebtel".

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TSV 1860 München

Das Kioyo-Protokoll

Seit 2004 spielte 1860 München in der zweiten Liga. Seitdem gab es einen Fisch, der vom Kopf stinkt und jede Menge Wahnsinn. Eine Rückschau zum Abschied vom Profifußball.

Eichin und sein Anwalt waren bei Verkündung des Urteils nicht mehr anwesend im Gerichtssaal. Erstens war mit dem Richterspruch, der Eichin Recht gab, zu rechnen gewesen. Zweitens bekam er das Urteil zugemailt. Und drittens geht es ja demnächst schon wieder weiter im Prozess zwischen Eichin und dem TSV 1860. Am Montag hat Richter Burmeister-Bießle lediglich die Frage geklärt, ob die Einstellung der Gehaltszahlungen seit November rechtens war. Das war sie nicht. Und deshalb steht dem langjährigen Manager von Werder Bremen, den Investor Hasan Ismaik und Präsident Peter Cassalette in der zweiten Liga nur vier Monate arbeiten ließen, bereits ein Haufen Geld zu, bevor er sich mit dem Klub auf die Auflösung seines noch bis 2019 datierten Arbeitspapiers geeinigt hat - was dann richtig viel kosten dürfte. Eichins Geschäftsführer-Vertrag ist nämlich, laut Eichin, weiterhin gültig, er sieht nur für den Fall eines Abstiegs in die dritte Liga verringerte Bezüge vor. Den Fall eines Falls in die vierte Liga konnte damals wohl niemand vorhersehen.

"Es ist ja vollkommen okay für einen Trainer oder Geschäftsführer, wenn er mal freigestellt wird", sagte Eichin am Dienstag der SZ. "Gerade bei einem Verein wie 1860, in dem ein Investor meint, er kann es ohne einen besser." Allerdings sei es schon auch so: "Was nicht okay ist, dass man freigestellt wird, dann einfach Monate lang die Gehaltszahlungen eingestellt werden. Und Gründe gesucht werden, um das zu rechtfertigen." Aus Sicht des 50-Jährigen, der vor Jahren als Geschäftsführer den Eishockey-Klub Kölner Haie sanierte, war es sicher keine allzu clevere Taktik, die Zahlungen einfach einzustellen, in der Hoffnung, die ehemaligen Angestellten zu zermürben.

Das Kurioseste ist, dass Eichin widerruflich freigestellt wurde

Oder anders: Hätte der Klub Eichins Gehalt weiter gezahlt, hätte er sich wahrscheinlich längst um einen neuen Job bemüht und um Vertragsauflösung gebeten. Da er es sich aber - und das unterscheidet seine Situation von der des nicht ganz so gut verdienenden Scouts Peer Jaekel, der sich inzwischen geeinigt hat mit 1860 - finanziell leisten kann, die Situation auszusitzen, zieht er den Fall natürlich bis zum Ende durch vor Gericht. Schließlich findet er: "Der Umgang mit Kosta Runjaic, Peer Jaekel, dem Trainerteam und mir ist unter aller Kanone gewesen. Mir ist kein vergleichbarer Fall im deutschen Profifußball bekannt."

Das Kurioseste am Fall Eichin ist, dass er widerruflich freigestellt wurde. Theoretisch könnte man ihn zurückrufen an seinen Arbeitsplatz. Aber dort sitzt ja inzwischen Markus Fauser, ein Insolvenzexperte, der versuchen muss, einen Geldgeber aufzutreiben, der die saftige Rechnung der vergangenen Irrsinns-Saison begleicht. Einem Jahr, in dem nicht nur Eichin und Runjaic bezahlt werden mussten, sondern auch noch Trainer Vitor Pereira und Geschäftsführer Ian Ayre, deren Jahres-Gehälter das von Eichin um ein Vielfaches übersteigen. "Ich wünsche 1860 Kraft, dass sie das packen", sagt Eichin. "Und ich wünsche den Leuten, die inzwischen in der Verantwortung sind, dass sie für normale Abläufe sorgen, die in allen anderen Klubs Standard sind."

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