Doping in den Siebziger Jahren "Tragikomische Art von Manipulation"

Man sah sich deshalb zur Luftmast verpflichtet. Wie die Recherchen der Historiker belegen, hat das BMI dem Schwimmverband in dieser Sache praktisch einen Blankoscheck erteilt - unter drei Bedingungen: die Methode dürfe nicht auf der Dopingliste stehen, sie dürfe nicht gesundheitsschädlich sein und sie müsse leistungssteigernd wirken.

Den dritten Punkt hat der DSV an seinen Athleten (darunter der spätere NOK-Präsident Klaus Steinbach) im Trainingslager in Calgary erprobt. Ergebnis: Es funktioniert. Aufgepumpte Schwimmer liegen tatsächlich besser im Wasser. Der Freiburger Sportarzt Joseph Keul zerstreute gesundheitliche Bedenken, während der als Antidoping-Papst bekannte Manfred Donike aus Münster bestätigte, dass etwas Frischluft im Gesäß nicht den geltenden Dopingregeln zuwiderlaufe.

Es haben also alle kräftig zusammengearbeitet im Dienst der großen Sache: der organisierte Sport, die Wissenschaft, die Politik. Und als der "Geheimplan Luftklistier" Monate später doch heraus kam, wurde der kollektive Versuch unternommen, das Ganze zur heiteren Posse herunter zu spielen. Der damalige NOK-Präsident Willi Daume sprach in einem SZ-Interview 1977 von einer "tragikomischen Art von Manipulation", er verglich sie mit Schwimmern, die "teilweise ihren ganzen Kopf kahlrasieren".

So gut wie im Trainingslager hat das Luftdoping dann im olympischen Ernstfall übrigens nicht geklappt, "nicht zuletzt wegen mangelnder technischer Voraussetzungen", wie aus einem Briefwechsel zwischen DSV und BMI hervorgeht. Weil es im Schwimmstadion von Montreal keinen geeigneten Raum gab, mussten die Athleten bereits im olympischen Dorf aufgepumpt werden. Man könnte das technische Problem auch so beschreiben: Die Luft ist den Schwimmern auf dem Weg zum Startblock entwichen.

Ein deutscher Gummiproduzent soll dem DSV daraufhin eine Art Stöpsel-Lösung angeboten und sich als Ausrüster der Topathleten ins Spiel gebracht haben. Immerhin in diesem Fall haben die Schwimmfunktionäre aber gesunden Verstand bewiesen. Sie haben dieses Schreiben als Scherz erkannt und zu den Akten gelegt.