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Doping-Fall Pechstein:Vom Vater geerbt?

Ärzte bescheinigen der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein eine vererbte Blut-Anomalie. Die zweijährige Dopingsperre sei deshalb haltlos.

Renommierte deutsche Hämatologen haben der gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein eine vererbte Blut-Anomalie bescheinigt. Eine milde Form der Kugelzellenanämie soll für die erhöhten Retikulozyten-Werte der 38-Jährigen verantwortlich sein, wurde am Montag in Berlin auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) mitgeteilt.

Pechstein hofft, durch diese Erkenntnisse erfolgreich gegen ihre zweijährige Sperre wegen erhöhter Blutwerte vorgehen zu können.

Knapp 800.000 Menschen in Deutschland würden Merkmale dieser Anomalie tragen, die auch Hereditäre Sphärozytose genannt wird. Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass auch Pechsteins Vater unter dieser Anomalie leidet und die Athletin die Sphärozytose möglicherweise von ihm geerbt hat, erklärte Oberarzt Andreas Weimann von der Charité in Berlin.

Norbert Schmitz, Chefarzt der Abteilung Hämatologie und Stammzelltransplantation in der Asklepios-Klinik St. Georg, erklärt in einer Pressemeldung, dass die Sphärozytose nicht einfach zu diagnostizieren sei. Bei den Tausenden Blutbildern sei es sogar wahrscheinlich, dass dies ein Arzt nicht "auf Anhieb" erkenne. Und es gebe "gewiss Menschen, die das ihr ganzes Leben lang nicht bemerken". In ernsteren Fällen müsse aber die Milz entfernt werden, "Medikamente gibt es nicht".

Der DGHO-Vorsitzende Gerhard Ehninger sagte in seinem Referat, dass nach diesen Erkenntnissen Pechsteins zweijährige Sperre aus medizinischer Sicht haltlos sei. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hatte diese Sperre bestätigt. Vor dem Cas seinen Gutachten in ihr Gegenteil verkehrt oder verfälscht dargestellt worden, kritisierte Ehninger.

"Ich vollziehe keine Rolle rückwärts. Wir wissen jetzt, was die Ursachen der erhöhten Retikulozyten sind, Zweifel sind ausgeräumt", bekräftigte Ehninger, der sich im vergangenen Sommer zunächst kritisch zu den erhöhten Werten von Pechstein geäußert hatte.

Der Eislauf-Weltverband ISU hat sich bereits in der vergangenen Woche zu der Möglichkeit der Sphärozytose-Erkrankung bei Pechstein geäußert. Die Frage, ob Pechstein eine Sonderform der Sphärozytose aufweise, sei für den Verband durch alle Instanzen geklärt.

Ein Sprecher sagte der SZ: "Wir haben im ersten Verfahren sogar selbst auf diese Möglichkeit hingewiesen und Pechstein die Chance offeriert, dass sie ein entsprechendes Blutbild erforschen lassen könne. Sie hat abgelehnt." Auch bei der Berufung vor dem Weltsportgerichtshof Cas sei eine Sphärozytose nicht überzeugend dargelegt worden - "Wo ist jetzt der völlig neue Vorgang?"

Der Vorstoß der klinischen Blutexperten fällt zudem in eine spannende Zeit. Pechsteins Werte, so wurde im ISU-Prozess konstatiert, fanden unter rund 10.000 Blutprofilen von internationalen Topathleten nur eine Entsprechung - und in dem Fall lag ein Befund vor. So einzigartig war das Blutbild bisher, dass am möglichen Befund noch immer gebastelt wird. Nun aber sollen bei zwei weiteren deutschen Eisläuferinnen überhöhte Blutwerte vorliegen.

Im Video: Die Diagnose Sphärozytose soll die gesperrte Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom Vorwurf des Blutdopings entlasten.

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