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Doping-Fall Pechstein:Entlastung auf Eis

Ärzte erklären, wieso die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein nicht gedopt habe. Doch die handfest klingende Diagnose erscheint immer vager, je genauer man hinsieht.

Wer den Fall Claudia Pechstein verfolgt, möchte eigentlich nur eines wissen: Hat sie nun gedopt oder nicht? Insofern war es konsequent, dass sich ein TV-Sender am Montag aus der Pressekonferenz zum Fall Pechstein mit den Worten ausblendete "Westerwelle schlägt Retikulozyten". Der Außenminister hatte zwar auch nichts zu sagen, war aber immerhin zu verstehen.

Die Blutexperten schafften es hingegen nicht, mehr Licht in den verzwickten Fall der gesperrten Eisschnellläuferin zu bringen. Sie hatten angekündigt, der Fall Pechstein sei medizinisch geklärt. Dann gaben sie ein Lehrstück in Sachen wissenschaftlicher Unverständlichkeit und referierten über Sphärozyten, hyperchrome Zellen, Haptoglobin und die kompensierte Hämolyse.

Solche Ausführungen haben in Vorlesungen über das blutbildende System ihren Platz, aber nicht in Pressekonferenzen. Beim Publikum muss dennoch der Eindruck entstanden sein, dass mehrere Chefärzte Pechstein entlastet haben und die fünfmalige Olympiasiegerin rehabilitiert wird.

Schließlich haben sich die Mediziner sogar auf eine Diagnose festgelegt: Die Eisschnellläuferin leide an einer "milden Form der Sphärozytose" - dabei sind die roten Blutkörperchen rund statt flach und werden daher eher abgebaut. Wegen dieser angeborenen Anomalie sei die Menge der nachwachsenden Retikulozyten erhöht - und "nicht durch Doping".

Experten wird in Deutschland alles geglaubt, bis es der nächste Experte widerlegt. Das zeigte sich, als das Land im vorigen Jahr die Schweinegrippe fürchtete. Von der Panikmache bis zur Verharmlosung vertraten Ärzte jede Meinung. Das zeigt sich im Fall Pechstein, denn die "klitzekleine Möglichkeit einer minimalen Sphärozytose" wurde schon vom Internationalen Sportgerichtshof (Cas) 2009 nach Anhörung mehrerer Experten erörtert - mit dem Ergebnis, dass diese unwahrscheinlich sei und die Wettkampfsperre bestätigt wurde.

Kommen Blutfachleute nun mit der gleichen Diagnose, fühlt man sich an Karl Valentins Expertise erinnert: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Zu redlicher Wissenschaft gehört es, den bisherigen Erkenntnisstand nicht auszuklammern und einzugestehen, dass einige Fachleute, die jetzt in die Offensive gehen, mit ihrer Argumentation bereits vor dem Cas gescheitert waren.

Natürlich kann man bei Pechstein trotz ihrer Verurteilung durch den Cas weiterhin prüfen, ob ihr auffälliges Blut doch genetisch bedingt sein könnte. Plausibel ist das aber nicht.

Erstens erscheint die handfest klingende Diagnose immer vager, wenn man genau hinsieht. Eine äußerst seltene, äußerst milde, symptomfreie Anomalie führen die Ärzte ins Feld, die auf einer Zellstörung beruhe, die "noch zu definieren" sei. Zweitens ist unverständlich, warum Pechstein erst nach zahlreichen vergeblichen Versuchen, die Sperre anzufechten, ihr Blut auf Anomalien hin untersuchen ließ. Drittens fragt man sich, ob erhöhte Retikulozyten ansteckend sind oder ob Kufenlaufen im Kreis die Blutkörperchen schädigt. Immerhin sind vor wenigen Tagen weitere deutsche Eisschnellläufer ausfindig gemacht worden, deren Blut offenbar ganz ähnliche Anomalien aufweist.

Die neue Strategie der Dopingfahnder lässt indirekte Beweise zu. Man kann das als Eingeständnis werten, den Tipps und Tricks betrügerischer Athleten nicht mehr im Detail auf die Spur kommen zu können und sich auf die Folgen der Manipulation in Blut und Organen zu konzentrieren. Vielfältig sind mittlerweile die Möglichkeiten, mit stimulierenden und maskierenden Substanzen die Leistung zu steigern und anschließend die Spuren zu verwischen. Das ist buchstäblich eine Wissenschaft für sich.

Ein Mediziner, der Pechstein nun entlastet hat, erklärte, er sei Arzt, kein Doping-Experte. Das könnte einer der Gründe sein, warum sich der medizinische Freispruch Pechsteins womöglich bald als voreilig erweist.