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DFB-Team:Die fetten Jahre sind vorbei

DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

(Foto: AFP)
  • Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland ist auch die generelle Lage des DFB und seiner Nationalmannschaft Thema.
  • Langjährige Sponsoren haben sich vom DFB losgesagt, auch die Zuschauerzahlen sind nicht herausragend.
  • DFB-Direktor Bierhoff glaubt dennoch an eine "tolle Zukunft" - wenn der stockende sportliche Umbruch geschafft ist.

Deutschland ist nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch eine selige Heimat für Hopfen und Malz. Mehr als 6000 Biermarken gibt es nach Angaben des deutschen Brauer-Bundes, man spricht von einem Weltrekord und einem typischen Zeugnis der nationalen Kultur. Insofern fanden die Berichterstatter abermals ein beunruhigendes Bild vor, als sie am Mittwoch zum Pressetermin der Nationalmannschaft in einem Düsseldorfer Hotel erschienen. Zwar saß vorne ein deutscher Vordenker, der DFB-Direktor Oliver Bierhoff, aber nach dem Bier auf seinem Tisch hielt man vergebens Ausschau. Stattdessen standen eine Flasche Cola und eine Flasche Wasser vor ihm. "Ich glaube", sagte Bierhoff, "wir beim DFB müssen uns klar darüber sein, dass die Zeiten schwieriger geworden sind."

Das Seufzen des Managers galt nicht der Abwesenheit eines Freibiers zur Mittagszeit, sondern der generellen Lage des Verbands und seiner Nationalmannschaft. Letztere war in den vergangenen Jahren Gegenstand einer extrem intensiven und einträglichen Vermarktung: "Wir kommen seit der WM 2006 aus einer Phase der Begeisterung, in der die Dinge wie von selbst liefen", rekapitulierte Bierhoff in der Vergangenheitsform. Er enthüllte damit, dass die Phase des Überflusses vorbei ist.

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Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Nationalelf seit Sommer, seit dem Auslaufen des Vertrages mit der Bitburger-Brauerei, keinen Bier-Sponsor mehr hat. Diese Lücke im Freundeskreis hat zwar auch mit finanziellen Kriterien zu tun - mit dem Preis der DFB-Partnerschaft -, stellt aber trotzdem ein alarmierendes Phänomen dar. Die Beziehung zwischen Fußball und Bier ist ja, ungeachtet der gesundheitsmoralischen Einwände, eine nahezu natürliche und logische Verbindung. Jeder Klub in der Bundesliga hat selbstverständlich seinen Biersponsor - die Nationalelf nicht mehr, obwohl schon mehr als zwei Jahre akquiriert wird. Auch andere langjährige Begleiter, etwa die Firma McDonald's, haben sich vom DFB losgesagt.

Dass die Lage schwieriger geworden ist, lässt sich im Zuge einer stabilen Abwärtsentwicklung der Zuschauerzahlen auch auf den Rängen ablesen. Dies wird sich wieder nicht ändern, wenn die Mannschaft am Samstagabend in Mönchengladbach (gegen Weißrussland) und am Dienstag in Frankfurt (gegen Nordirland) ihre abschließenden EM-Qualifikationsspiele bestreitet. Der Vorverkauf lässt erwarten, dass die Stadien rund zu zwei Dritteln und drei Vierteln gefüllt sein werden. Vor ein paar Jahren hätte bei solchen Gelegenheiten der Schwarzmarkt floriert. "Mit dem Zuschauerschnitt sind wir zufrieden", behauptet Bierhoff dennoch. Man sei "dankbar", dass die Leute immer noch zahlreich zu jenen Spielen kämen, in denen der Name des Gegners wenig Anziehungskraft besitzt. Darüber hinaus seien ein paar Tausend freie Plätze nicht maßgebend fürs große Ganze: "Das Wichtigste ist, dass man sich auf die Nationalmannschaft freut."

Bierhoff ist "überzeugt, dass wir mit diesen Jahrgängen eine tolle Zukunft haben"

Während der Beliebtheitsfaktor des Nationalteams beim Publikum durchaus in Frage steht, bleibt sie zumindest für die Fußballer ein starker Anziehungspunkt. Doch auch die Spieler machen sich ihre Gedanken. Manuel Neuer, der mitten in die goldenen Zeiten geboren wurde, hat festgestellt, dass die Umstände der Länderspiele inzwischen vermehrt als Hindernis wahrgenommen würden. Auf die beiden anstehenden Partien bezogen, fielen dem Torwart gleich drei Argumente ein, um den Stadionbesuch zu meiden: der Monat November ("wo das Wetter in Deutschland nicht so optimal ist"), die späte Anstoßzeit (20.45 Uhr) - und die Namen der Gegner ("bei allem Respekt").

Neuer, mit 33 aus Erfahrung sprechend, erinnerte auch an die Einführung der Nations League, als er feststellte, dass auf allen Ebenen die Wettbewerbe zugenommen hätten: "Man wird als Fan mit mehr Fußball befeuert als früher." Leon Goretzka, 23 und ein Vertreter der nächsten Generation der Nationalspieler, glaubt indes, dass der DFB das richtige unternehme, um den Charakter des Volkssports Fußball zu wahren. Er sei sich des Themas bewusst, doch die Mittel seien da eher begrenzt: "Wir können nur versuchen, es auf dem Platz so attraktiv wie möglich zu gestalten."

Im Jahr 2019, das von den Verantwortlichen dezidiert zum Umbruchjahr erklärt wurde, hat es Joachim Löws Nationalteam nicht leicht gehabt, die Zuschauer mit Zauberfußball wieder ins Stadion zu locken. Bierhoff zählt auf Anhieb eine halbe Mannschaft auf (von Leroy Sané über Julian Draxler, Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer bis Niklas Süle), wenn er beklagt, der Umbruch sei durch die Vielzahl der Verletzungen in Verzug geraten.

"Die Nationalmannschaft zeigt die Stärke des deutschen Fußballs", sagt Bierhoff. Er sei "überzeugt, dass wir mit diesen Jahrgängen eine tolle Zukunft haben", aber im Vergleich zur Konkurrenz, zumal solcher über Jahre gewachsenen Teams wie Frankreich, Belgien oder Niederlande, sei das deutsche Projekt noch "am Startpunkt - wir laufen gerade nicht vorneweg". Eine Mannschaft, die ihren Stil noch sucht und vorerst im Verdacht steht, beim nächsten Turnier unter ferner liefen zu landen, ist man in Deutschland nicht gewohnt. Auch so ist es zu erklären, dass mancher potenzielle Partner erst mal auf Distanz bleibt.

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