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DFB:Kellers Rundumschlag zum Abschied

Spobis 2020, Düsseldorf, 30.01.2020 DFB Präsident Fritz Keller während der Spobis am 30.01.2020 in Düsseldorf, , Düssel; Keller

Fritz Keller wurde im Herbst 2019 DFB-Präsident - nun ist seine Amtszeit schon wieder vorbei.

(Foto: Jörg Schüler/Imago)

Fritz Keller tritt von seinem Amt als DFB-Präsident zurück. In seinem Abschiedsbrief holt er zur großen Generalkritik aus, attackiert seine Gegner - und verlangt eine gründliche externe Aufklärung.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Die Amtszeit des 13. Präsidenten in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes hatte noch eher launig begonnen. Im Herbst 2019 rückte Fritz Keller an die Spitze des Verbandes. Aber in all die gesellige Stimmung beim damaligen DFB-Bundestag hinein sagte Keller damals auch einen Satz, der vorwegnahm, was dann tatsächlich geschah. Er sehe sich zwar eher als "Spielertrainer", am liebsten als "Zehner", sagte er, aber: "Ich werde auch reingrätschen, wenn es was zum Reingrätschen gibt!"

Fritz Keller, 64, trat sein Amt damals mit dem Vorsatz an, in einem maroden Verband vieles aufzuräumen. Tatsächlich ist der Zustand des DFB knapp 20 Monate später schlimmer denn je. Am Montag erklärte Keller erwartungsgemäß seinen Rücktritt, um die Verantwortung für eine unsägliche Entgleisung gegenüber seinem Vizepräsidenten Rainer Koch, 62, zu übernehmen; er hatte ihn in einer internen Sitzung als "Freisler" bezeichnet, in Anspielung auf den berüchtigten Nazi-Richter Roland Freisler.

Aber zugleich legte er ein Abschiedsschreiben vor, das es in sich hat: einen dramatischen Appell, dass es in diesem Verband dringend grundlegende Aufräum- und Umbauarbeiten braucht - und Leute, die reingrätschen.

Von einer "desolaten Führungssituation" und einem "Desaster für eine Verbandsführung" spricht Keller. Es gehe nun um die "komplette Professionalisierung in der Führungsspitze und schnelle Einführung völlig neuer Strukturen". Bei vielen Reformvorhaben "stieß ich innerhalb des DFB auf Widerstände und Mauern". Die Durchsetzung seines Programms und seines Auftrages sei ihm immer wieder "schwer bis unmöglich" gemacht worden. Und: Es brauche "die Aufklärung aller möglichen Unregelmäßigkeiten und Verfehlungen im DFB durch externe, unbelastete, öffentlich anerkannte Spezialisten".

Mit derart harschen Worten ist wohl noch nie ein Präsident eines großen Sportverbandes zurückgetreten - wenngleich Keller natürlich eine Mitschuld an der jetzigen Situation trifft, wie er auch selbst einräumt. Doch vor allem benennt er in seinem langen Rücktrittsschreiben andere, zwar nicht namentlich, aber es ist offensichtlich, gegen wen sich seine Kritik richtet: gegen Generalsekretär Friedrich Curtius, Schatzmeister Stephan Osnabrügge - und vor allem den ewigen Vizepräsidenten Koch.

Das Duo Curtius/Osnabrügge wird die DFB-Spitze demnächst ebenfalls verlassen, Strippenzieher Koch hingegen kämpft um seinen Verbleib. Als oberster Amateur-Vize will er zwar nicht mehr kandidieren, und haftender Vorstand will er auch nicht mehr sein, aber ansonsten ließ Koch sich bisher alle Optionen offen. Er benötigt sein DFB-Amt auch, damit er seinen gut dotierten Posten als deutsches Vorstandsmitglied in Europas Fußball-Union Uefa sichern kann.

Nun bildet ausgerechnet das umstrittene Duo Koch/Peters die Interimsführung

Nach Kellers Rücktritt übernimmt Rainer Koch sogar schon ein drittes Mal - nach 2015/16 und 2019 - die Interimsführung beim DFB, diesmal gemeinsam mit dem früheren Schalker Finanzvorstand Peter Peters als Vertreter des Profibetriebes. Ausgerechnet dieses umstrittene Duo ist somit zentral daran beteiligt, die Weichen für die Zukunft zu stellen, ehe wohl Anfang des kommenden Jahres ein neuer Präsident gewählt werden soll.

Wer das sein wird? Zahlreiche Namen mutmaßlicher Kandidaten schwirren bereits umher, vom scheidenden FC-Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge bis zur Uefa-Abteilungsleiterin Nadine Keßler. Aber ein wirklicher Favorit oder eine Favoritin sind nicht in Sicht.

Die Geschichte von Kellers Präsidentschaft ist damit auch die Geschichte einer Personalie, mit der sich ein paar einflussreiche Funktionäre gehörig verschätzt haben. Als Keller das Amt im Herbst 2019 übernahm, wünschten sich Koch & Co., dass der neue Mann an der Verbandsspitze weniger operativ, mehr repräsentativ agieren solle; quasi mehr Bundespräsident sein als Bundeskanzler. Per Satzungsänderung entzog man ihm sogar die Richtlinienkompetenz, die bis dahin alle DFB-Präsidenten hatten.

Doch Keller - lange Jahre in führender Position beim SC Freiburg tätig und als erfolgreicher Winzer und Gastwirt ein selbstbewusster Unternehmer - fügte sich nicht in die ihm zugedachte Rolle als Frühstücksdirektor, sondern mischte eifrig mit. Spätestens im Herbst 2020 entstand so ein Konflikt, der schließlich in den schmutzigsten Machtkampf der Verbandshistorie mündete. Und dieser eskalierte dann schließlich, als Keller sich immer stärker jenen Ungereimtheiten widmete, die sich DFB-intern um einen hoch dotierten Vertrag mit dem Medienberater Kurt Diekmann ranken.

In seinem Rücktrittsschreiben attackierte Keller seine Gegenspieler wegen der Vorgänge in den vergangenen Monaten heftig. Die "Durchsetzung von Transparenz" wie auch das Recht auf Information und Auskunftserteilung habe er sich erkämpfen müssen.

Sogar die Kontrollinstanzen seien unter Druck geraten, weil sie mit "außergerichtlichen Schadensersatzansprüchen bedroht" worden seien oder "Zweifel an ihrer Unabhängigkeit" gesät worden sei. "Mit ordnungsgemäßer Verbandsführung hatte und hat das alles nichts zu tun - insbesondere bezüglich des Abschlusses und der Durchführung eines unschlüssigen Vertrages mit einer Kommunikationsagentur", schreibt Keller.

Sogar der interne Prüfungsausschuss moniert den Beratervertrag

Beraterverträge sind per se erstmal nichts Ungewöhnliches. Dieser Vertrag aber, der im größten Sportverband der Welt zuletzt alles explodieren ließ, dürfte den DFB noch eine Weile beschäftigen; er hinterlässt einfach zu viele offene Fragen. Seit Frühjahr 2019 war der Kommunikationsberater Diekmann, inzwischen 74, für den DFB tätig, im Oktober 2019, kurz nach Kellers Wahl, erhielt er einen Vertrag.

Zirka 360 000 Euro brachte der ihm ein, offiziell für die "mediale Begleitung" des Projektes "Hydra"; unter diesem Namen firmieren die internen Nachforschungen der Forensiker-Firma Esecon, die parallel mit Diekmann im Frühjahr 2019 beim DFB einstieg. Erst sollte es bei "Hydra" um Ungereimtheiten im Verhältnis zum Langzeitvermarkter Infront gehen, dann auch um zweifelhafte Geldflüsse rund um die WM 2006.

Aber inzwischen ist klar, dass führende DFB-Leute schon viel länger einen guten Kontakt zu diesem Berater pflegten, insbesondere Vize Koch. Der stand mit Diekmann mindestens seit 2012 zu heiklen Themen im Austausch. Zudem stellte sich heraus, dass der Berater bis ins Frühjahr 2019 hinein auch mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel zusammenarbeitete - und dass er sich intern damit brüstete, für den Sturz des früheren Präsidenten Reinhard Grindel (mit)verantwortlich gewesen zu sein.

Da wirkt es zumindest fragwürdig, dass er zugleich schon einen Großauftrag des DFB erhielt. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Diekmann aus dem Esecon-Umfeld für "Hydra" noch zusätzliches Geld erhielt, auch wenn dementiert wird, dass diese weiteren Zahlungen etwas mit dem DFB zu tun gehabt haben. Und: Der interne Prüfungsausschuss des DFB monierte zuletzt, dass nicht ersichtlich sei, warum so viel Geld an Diekmann floss.

Das Beraterthema dürfte nun in der Tat, wie von Keller gefordert, ein Fall für eine gründliche Aufarbeitung von unbelasteten externen Spezialisten sein. Aber es ist in diesem DFB beileibe nicht das einzige.

© SZ/cca/schm
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