Deutsches Team bei den Paralympics Förderer seiner Disziplin

Heinrich Popow kann man immer noch alles fragen, was man je über das Thema Stumpf und Prothese wissen wollte. Wer neugierig ist, wie das damals war, als er mit neun sein Bein an den Krebs verlor - bitte. Aber längst ist Popow auch ein Förderer seiner Disziplin. Weitsprung-Paralympicssieger Markus Rehm hat er zum Sport gebracht, ebenso den Staffel-Kollegen David Behre, dessen erste Sprintprothese aus zwei alten Popow-Federn bestand. Popow bringt sich in der Talentförderung ein. Er besucht Krankenhäuser. Er vermarktet den paralympischen Sport mit seinem Mutterwitz, ohne dabei oberflächlich zu werden. Er sagt: "Ihr könnt mich gerne vor den Karren spannen."

Goalball und Anfeuerungs-Verbot

mehr...

Es wirkte ein bisschen ungerecht, dass Popow ins Fadenkreuz geriet, als Czyz nach dem 100-Meter-Vorlauf mit dem Vorwurf des Technodopings um sich schoss. Popow tüftelt in der Tat akribisch an seiner Prothese, "um die Behinderung so leicht wie möglich zu machen". Natürlich reicht er dabei nicht jede Entwicklung direkt an die Konkurrenz weiter, so ist das nun mal, wenn die Materialregeln weich sind. Am Ende brachte Czyz wegen der Tirade gegen Popow gar nicht richtig rüber, was er eigentlich hatte tadeln wollen, nämlich die Willkür des Internationalen Paralympischen Komitees bei seiner Prothesenpolitik.

"Noch nie hat jemand meine Prothese angeschaut. Es ist für alles Tür und Tor geöffnet. Das kann nicht sein", sagte Czyz in der ARD. Popow stimmt zu: "Wir befinden uns im Behindertensport in der Entwicklung, da gibt es Punkte, die zu regeln sind." Dass Czyz persönlich wurde, deutet Popow als psychologische Wettkampfführung. "Der hat mich als Person dafür benutzt, um diese Regel ins Gespräch zu bringen."

Das 100-Meter-Gold ist Popow wichtig gewesen. Er hat seine Mission als Vorbild, und die möchte er mit Leben füllen, indem er was vorzuweisen hat. Die Kinder mit Behinderung müssen zum Sport, findet Popow. Ihm sind die vielen deutschen Jugendlager bei den Paralympics aufgefallen ("Weltklasse"), aber das ändert ebenso wenig wie die gute Paralympics-Bilanz am Grundproblem im aktuellen Sportsystem. "Wenn du irgendwo im Dorf lebst, hast 'ne Amputation und fragst bei einem normalen Dorfverein an, ob du bei der Leichtathletik mitmachen kannst, heißt es, nee, Behindertensport machen wir nicht."

Popow hat es als Junge selbst erlebt. Daheim in Hachenburg, Westerwald, ehe er zu Bayer Leverkusen wechselte, wo er heute unter Coach Karl-Heinz Düe in der Gruppe mit der Siebenkampf-WM-Zweiten Jennifer Oeser trainiert. Popow weiß selbst nicht so genau, wie man das Problem in den Griff kriegt. Er setzt auf den Verband. Aber er hat Lust mitzuhelfen. "Wir können motivieren", sagt er, "wir können Vorbilder sein."

Es gibt Fragen zur Prothese. Tut die weh? Wie fühlt sie sich an? "Jetzt komm'", sagt Popow, "ich zeig' Euch das." Schon hat er die Prothese mit dem goldenen Knie in der Hand. Zieht den Silikonstrumpf ab. Zeigt sein Bein, das nur noch aus einem dürren, spitz zulaufenden Oberschenkel besteht. Er hat seine Kniescheibe noch und kann sie bewegen, was ein bisschen gruselig aussieht. Er zeigt, wie er die Prothese wieder anlegt und mit Unterdruck über ein Ventil am Schenkel befestigt. Er sagt: "So wie du deine Ferse auf dem Boden fühlst, so fühle ich die Prothese." Heinrich Popow nimmt sich Zeit für das Thema, er wirkt gar nicht mehr müde. Die Paralympics sind aus, aber die Aufklärung geht weiter.

Flugshow mit Rihanna

mehr...