Deutsche in der MLS:"Schweinsteiger wird sich behaupten, er zieht das Niveau aller nach oben"

Granitza ist weniger skeptisch, er schätzt die steile These: "Schweinsteiger wird sich behaupten, er zieht das Niveau aller nach oben, er kann die Mannschaft mit seiner Sicherheit und Souveränität am Ball um 60 Prozent besser machen."

Nicht sogleich an diesem Samstag, wenn Montreal Impact (21 Uhr MESZ/Eurosport) erwartet wird. Das Fire-Stadion dürfte ausverkauft sein, aber es bietet auch nur 20 000 Zuschauern Platz. Basketball-Freund Schweinsteiger konnte sich schon am Donnerstag davon überzeugen, dass Big-in-Chicago derzeit etwas ganz anderes ist: Mit 22 300 Zuschauern verfolgte er in ausverkaufter Halle den 99:93-Erfolg der Bulls gegen die Cleveland Cavaliers, den aktuellen NBA-Meister.

Granitza, der stolze Lokalheld von einst, glaubt allerdings, dass Schweinsteiger auch in Chicago zur Stadt-Ikone werden könne, dazu aber "muss er länger bleiben, drei, vier Jahre, nicht nur auf der Durchreise". Zudem müsse um ihn herum, den einzigen Deutschen, erst noch eine Mannschaft gebaut werden - der Vertrag bis zum Saisonende, samt Option, sei für eine echte Identifikation viel zu eng geknüpft. Mit Sieg, Unentschieden und Niederlage ist Chicago Fire in die Saison gestartet - die Hoffnung mit dem neuen Chef ist es zunächst, endlich wieder die Playoffs zu erreichen und das alte Image abzustreifen: Im Fußball gilt Chicago als Verlierer-City.

Schweinsteiger ist deutscher Rekord-Meister (acht Mal), deutscher Rekord-Pokalsieger (sieben Mal), Champions-League-Gewinner und WM-Final-Held von Rio mit getackerter Wunde unterm Auge - all das aber zählt im neuen Abenteuer nicht viel. Er wird damit klarkommen müssen, dass man ihm noch einmal genau auf die Füße schaut. Gerade in einer Liga, die sich seit ihrer Gründung 1996 - mit Ausnahme des Beckham-Experiments - streng über den Sport zu definieren versucht. Auch, um den Spott zu vermeiden, ein "Austragsstüberl" oder "Seniorenheim" zu sein.

"Durchaus vergleichbar mit der Qualität eines VfB Stuttgart"

Das fußt auf der Erfahrung, dass das Experiment, die Amerikaner über die Show zum Fußball zu missionieren, bereits Mitte der Achtzigerjahre gescheitert war. In New York hatte sich der Klub Cosmos aufgelöst, womit der Versuch von Warner Communications, einem der größten Medien-Konzerne der Welt, beendet war, eine Fußball-Mannschaft als Boygroup zu inszenieren. Aufgestellt wurde Cosmos aus den kickenden Berühmtheiten jener Zeit: mit Profis wie dem Brasilianer Pelé, dem Deutschen Beckenbauer, den eine Liebesaffäre und eine Steuerschuld ins mondäne Ausland trieb, oder dem Italiener Chinaglia, der noch besser traf als Granitza. Als Hauptquartier wurde die legendäre Disco "Studio 54" ausgewählt, die damit warb, die härteste Tür der Welt zu haben.

Stets war man bemüht, sämtlichen Klischees von einem Leben in New York zu entsprechen. Auf den Tischen getanzt wurde mit den Stars und Sternchen jener Zeit, gefeiert in der Kabine mit Dom Perignon, auf den Fotos, die herum gereicht wurden, lächelten selten "The Bomber" oder "King Bomber Karl", sondern Mick Jagger, Andy Warhol oder der Balletttänzer Rudolf Nurejew, der in einer Suite am Central Park Beckenbauers Nachbar war. Und im Vorübergehen, so ließen es die Kosmopoliten jedenfalls erscheinen, fieselten sie 1983 mal eben den Hamburger SV mit 7:2 ab, der wenige Wochen zuvor den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte.

Lothar Matthäus bei seiner Präsentation 1999 in New York

"I have a litte problems with the language. My English is not very good. My German is better. (...) I hope we have a little bit lucky and can win next year the American Soccer Championship."

"Cosmos konnte damals an den besseren Tagen auf Augenhöhe mit den besten Europäern sein", erinnert sich Granitza. Die Nachfolger dieser Glitzertruppe sieht er in der MLS aktuell zwar auf einem konstanteren, aber auch auf einem niedrigeren Niveau. Einen Klub wie die Seattle Sounders, den aktuellen US-Meister, siedelt Granitza "in der Spitze der zweiten Bundesliga an, dort aber durchaus vergleichbar mit der Qualität eines VfB Stuttgart oder von Hannover 96".

Die Erinnerung an Cosmos und die "Operettenliga" ist zwar verblasst wie die Bilder von Beckenbauer in Seventies-Schlaghose auf der Fifth Avenue. Sie werden aber stets wieder hervorgekramt, sobald ein Deutscher beteiligt ist am ewigen Versuch, dem Fußball in den USA einen Push zu geben. Dort aber sind sie inzwischen weit hinaus über jene Zeit des falschen Beifalls, von der Klaus Toppmöller berichtete, der 1980 für Dallas Tornado stürmte. Er habe sich immer gewundert, dass die Fans "vollkommen aus dem Häuschen waren, wenn ein Spieler den Ball hoch übers Tor schoss". Mancher dachte damals noch, er sei beim American Football. Wo es Punkte gibt, wenn der Ball über den Balken fliegt.

© SZ vom 01.04.2017
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