Deutsche in der MLS:US-Fußballfans haben Angst vor der Operettenliga

Schweinsteiger 'available' for Saturday, Chicago coach says

Bestreitet am Samstag sein erstes Spiel mit Chicago Fire: Bastian Schweinsteiger.

(Foto: dpa)
  • Vorfreude und Skepsis herrschen vor Bastian Schweinsteigers erstem Spiel (Samstag, 21 Uhr) für Chicago Fire.
  • Einige Fans fürchten, dass die Major League Soccer weiter nur Endstation für jene Fußballer ist, die ihre Karriere geruhsam ausklingen lassen wollen.
  • Das fußt auf der Erfahrung, dass das Experiment, die Amerikaner über die Show zum Fußball zu missionieren, bereits Mitte der Achtzigerjahre gescheitert war.

Von Klaus Hoeltzenbein

Der Mann, der einst in Chicago als "King Bomber Karl" bekannt war, lebt heute in Babelsberg bei Berlin. Zwei, drei Anrufe habe er jüngst von drüben bekommen, erzählt Karl-Heinz Granitza, ein Radio-Interview, ein Kurzkommentar für die Zeitung, mehr war da nicht. Sind auch schon viel zu lange her, seine wilden Jahre in jener Stadt, in der sie ihn in den Gassen zwischen den Hochhäusern auch daran erkannten, dass er nie ohne pinkfarbene Brille raus ging - ein modischer Reflex auf die Spätphase des Flower Power.

Granitza, 65, blickt heute noch mit einigem Stolz zurück: "Wir waren groß", sagt er, "und ich war damals schon wer in dieser Stadt." In Chicago, in das vor wenigen Tagen Bastian Schweinsteiger, der Weltmeister, umgezogen ist, um vielleicht einmal das zu werden, was dieser Mann, den er nicht persönlich kennt, schon einmal war: US-Meister im Fußball, den sie dort ihrem Publikum als "Soccer" präsentieren.

Bekannt war Granitza, geboren in Lünen/Westfalen, auch deshalb, weil er die Gelegenheit nutzte und zum Sportler des Jahres in der Stadt gewählt wurde, ehe der legendäre Basketballer Michael Jordan dort angekommen war und den Chicago Bulls zum Aufschwung verhalf. Granitza war ein local hero am Michigan See, weil er mit seinen Toren dem Fußball-Team der Chicago Sting zu zwei US-Titeln verhalf (1981, 1984). Polemisch könnte man sagen: Dem Weltstar Jordan in dessen Revier zuvorzukommen, ist etwa so, als würde die deutsche Hauptstadt keinen Herthaner oder Unioner, keinen Eisbären, keinen Alba-Basketballer und keinen Füchse-Handballer zu Berlins Sportler des Jahres küren, sondern einen Baseballer von einer Wiese im Wedding.

Fußball war damals in den USA in etwa das, was Baseball hierzulande noch immer ist. Ein Sport in einer Kulturnische, in die Granitza mit 26 Jahren gewechselt war. Ein B-Länderspiel hatte er damals, bekam von Hertha BSC nach eigener Auskunft 6000 D-Mark brutto, er hatte Familie, da sei ein Monatsgehalt von 10 000 Dollar schon ein Anreiz gewesen. Maximal 20 Leute hätten ihn am Tag der Auswanderung in Chicago am International Airport O'Hare empfangen, kein Vergleich mit dem großen Bahnhof, den sie jetzt am selben Ort für den neuen Germanen veranstalteten. Schweinsteiger wechselt auch nicht zu Chicago Sting, die wurden 1988 wieder aufgelöst, vergebliche Mühe, verschwendete Zeit - alle dachten damals, mit diesem Sport werde es in der Fußball-Diaspora USA nie wieder was.

"New icon" oder "Old-man-icon"?

Nicht mal in Chicago, denn trotz großer europäischer Gemeinde absorbieren auch dort auf Dauer dann doch die Bears (Football), die Cubs und White Sox (Baseball), die Bulls (Basketball) und die Blackhawks (Eishockey) das Interesse. Schweinsteiger heuert nun bei Chicago Fire an, gegründet 1997. Und auch wenn er nach seinem Transfer von Manchester United Abstriche machen muss, soll sein Gehalt für die Saison immer noch umgerechnet bei 4,2 Millionen Euro liegen; damit streicht er weit mehr als der übrige Kader insgesamt ein. Zumindest was die Trikotpreise angeht, halten sie in den USA mit der Weltklasse schon mit: Nummer "31" mit Schriftzug "Schweinsteiger" wird im Fire-Internetshop mit langem Arm für stolze 179,99 Dollar (166,85 Euro) angeboten, kurzärmelig gibt es Rabatt (114,99).

"King Bomber Karl" war ein Pionier. Und die Pionierzeit scheint nicht vorbei zu sein, Jahrzehnte, nachdem Granitza seinen Torjäger-Titel ehrenhalber verliehen bekam, weil er zumindest in den USA noch etwas treffsicherer war als Gerd "The Bomber" Müller, der 1979 bis 1981 seine Laufbahn bei den Fort Lauderdale Strikers ausklingen ließ. Der Eindruck, dass da in den USA ein tiefer Komplex vorherrscht, die Befürchtung, weiterhin nur Endstation für jene Fußballer zu sein, die es nach Glanzzeiten in Europa geruhsam ausklingen lassen wollen, ist auch jetzt wieder aus vielen Kommentaren heraus zu lesen.

Gerade auf der Internetseite von Major League Soccer (MLS), der Liga, wird kontrovers diskutiert - gleich unter jenem Artikel, in dem Schweinsteiger als "the icon of MLS in the future" präsentiert wird. Ein Leser fragt scharf: Wann werden die MLS-Teams lernen, Spieler bereits in ihrer Glanzzeit zu holen anstatt solche "Ikonen" der Vergangenheit. Das Team aus Chicago sei schlecht, und es würde schlecht bleiben mit einer solchen "Old-man-icon".

Die Debatte hat in der Tat eine stark biologische Komponente: Warum holt man immer die Alten? Verwiesen wird besonders auf drei Engländer, die zuvor auf ihrer Insel Weltstars waren, auf Stephen Gerrard (FC Liverpool), Frank Lampard (FC Chelsea) und David Beckham (Manchester United). Gerrard und Lampard waren älter als es Schweinsteiger, 32, heute ist, als sie über den Atlantik zogen, beide blieben kaum länger als eine Saison. Und auch das Experiment mit David Beckham, die Los Angeles Galaxy in eine Art FC Hollywood zu verwandeln, entwickelte ab 2007 längst nicht die Strahlkraft, die erhofft worden war. Zumal es Beckham immer wieder zurück zog, er gab Intermezzi beim AC Mailand und bei Paris St. Germain.

Gut, gegen Schweinsteiger als Person lasse sich wenig sagen, toller Typ, schreibt ein Soccer-Fan auf der MLS-Seite, aber wann habe der bei ManUnited denn zuletzt mitspielen dürfen? Ein anderer merkt gar an, dass der Deutsche noch nie der Schnellste war. The new icon?

"Schweinsteiger wird sich behaupten, er zieht das Niveau aller nach oben"

Granitza ist weniger skeptisch, er schätzt die steile These: "Schweinsteiger wird sich behaupten, er zieht das Niveau aller nach oben, er kann die Mannschaft mit seiner Sicherheit und Souveränität am Ball um 60 Prozent besser machen."

Nicht sogleich an diesem Samstag, wenn Montreal Impact (21 Uhr MESZ/Eurosport) erwartet wird. Das Fire-Stadion dürfte ausverkauft sein, aber es bietet auch nur 20 000 Zuschauern Platz. Basketball-Freund Schweinsteiger konnte sich schon am Donnerstag davon überzeugen, dass Big-in-Chicago derzeit etwas ganz anderes ist: Mit 22 300 Zuschauern verfolgte er in ausverkaufter Halle den 99:93-Erfolg der Bulls gegen die Cleveland Cavaliers, den aktuellen NBA-Meister.

Granitza, der stolze Lokalheld von einst, glaubt allerdings, dass Schweinsteiger auch in Chicago zur Stadt-Ikone werden könne, dazu aber "muss er länger bleiben, drei, vier Jahre, nicht nur auf der Durchreise". Zudem müsse um ihn herum, den einzigen Deutschen, erst noch eine Mannschaft gebaut werden - der Vertrag bis zum Saisonende, samt Option, sei für eine echte Identifikation viel zu eng geknüpft. Mit Sieg, Unentschieden und Niederlage ist Chicago Fire in die Saison gestartet - die Hoffnung mit dem neuen Chef ist es zunächst, endlich wieder die Playoffs zu erreichen und das alte Image abzustreifen: Im Fußball gilt Chicago als Verlierer-City.

Schweinsteiger ist deutscher Rekord-Meister (acht Mal), deutscher Rekord-Pokalsieger (sieben Mal), Champions-League-Gewinner und WM-Final-Held von Rio mit getackerter Wunde unterm Auge - all das aber zählt im neuen Abenteuer nicht viel. Er wird damit klarkommen müssen, dass man ihm noch einmal genau auf die Füße schaut. Gerade in einer Liga, die sich seit ihrer Gründung 1996 - mit Ausnahme des Beckham-Experiments - streng über den Sport zu definieren versucht. Auch, um den Spott zu vermeiden, ein "Austragsstüberl" oder "Seniorenheim" zu sein.

"Durchaus vergleichbar mit der Qualität eines VfB Stuttgart"

Das fußt auf der Erfahrung, dass das Experiment, die Amerikaner über die Show zum Fußball zu missionieren, bereits Mitte der Achtzigerjahre gescheitert war. In New York hatte sich der Klub Cosmos aufgelöst, womit der Versuch von Warner Communications, einem der größten Medien-Konzerne der Welt, beendet war, eine Fußball-Mannschaft als Boygroup zu inszenieren. Aufgestellt wurde Cosmos aus den kickenden Berühmtheiten jener Zeit: mit Profis wie dem Brasilianer Pelé, dem Deutschen Beckenbauer, den eine Liebesaffäre und eine Steuerschuld ins mondäne Ausland trieb, oder dem Italiener Chinaglia, der noch besser traf als Granitza. Als Hauptquartier wurde die legendäre Disco "Studio 54" ausgewählt, die damit warb, die härteste Tür der Welt zu haben.

Stets war man bemüht, sämtlichen Klischees von einem Leben in New York zu entsprechen. Auf den Tischen getanzt wurde mit den Stars und Sternchen jener Zeit, gefeiert in der Kabine mit Dom Perignon, auf den Fotos, die herum gereicht wurden, lächelten selten "The Bomber" oder "King Bomber Karl", sondern Mick Jagger, Andy Warhol oder der Balletttänzer Rudolf Nurejew, der in einer Suite am Central Park Beckenbauers Nachbar war. Und im Vorübergehen, so ließen es die Kosmopoliten jedenfalls erscheinen, fieselten sie 1983 mal eben den Hamburger SV mit 7:2 ab, der wenige Wochen zuvor den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte.

Lothar Matthäus bei seiner Präsentation 1999 in New York

"I have a litte problems with the language. My English is not very good. My German is better. (...) I hope we have a little bit lucky and can win next year the American Soccer Championship."

"Cosmos konnte damals an den besseren Tagen auf Augenhöhe mit den besten Europäern sein", erinnert sich Granitza. Die Nachfolger dieser Glitzertruppe sieht er in der MLS aktuell zwar auf einem konstanteren, aber auch auf einem niedrigeren Niveau. Einen Klub wie die Seattle Sounders, den aktuellen US-Meister, siedelt Granitza "in der Spitze der zweiten Bundesliga an, dort aber durchaus vergleichbar mit der Qualität eines VfB Stuttgart oder von Hannover 96".

Die Erinnerung an Cosmos und die "Operettenliga" ist zwar verblasst wie die Bilder von Beckenbauer in Seventies-Schlaghose auf der Fifth Avenue. Sie werden aber stets wieder hervorgekramt, sobald ein Deutscher beteiligt ist am ewigen Versuch, dem Fußball in den USA einen Push zu geben. Dort aber sind sie inzwischen weit hinaus über jene Zeit des falschen Beifalls, von der Klaus Toppmöller berichtete, der 1980 für Dallas Tornado stürmte. Er habe sich immer gewundert, dass die Fans "vollkommen aus dem Häuschen waren, wenn ein Spieler den Ball hoch übers Tor schoss". Mancher dachte damals noch, er sei beim American Football. Wo es Punkte gibt, wenn der Ball über den Balken fliegt.

© SZ vom 01.04.2017
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