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Der Fall Caster Semenya:Sie darf starten

Ein unwürdiges Theater hat ein vorläufiges Ende: Die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya bekommt nach langem Streit um ihr Geschlecht die uneingeschränkte Wettkampferlaubnis.

Thomas Hahn

Im ersten Augenblick schien die Nachricht wieder eine dieser Finten zu sein, welche im Fall der 19-jährigen südafrikanischen 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya in den vergangenen Monaten immer wieder die Leichtathletik-Beobachter beschäftigt hatten. Dass Caster Semenya nach der Prüfung ihres Geschlechts wieder an Frauen-Wettkämpfen teilnehmen könne, ist seit Beginn dieses Jahres in verschiedenen Medien immer wieder als Gerücht aufgetaucht, aber wenn man dann die Meldungen genauer las, war es jedes Mal so, dass es tatsächlich nur eine Spekulation in den Rang einer Schlagzeile geschafft hatte.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF jedenfalls bestätigte nie etwas und verwies auf einen späteren Zeitpunkt, den er allerdings nicht genauer benannte. Diesmal jedoch kam die Nachricht von der IAAF selbst: Am Dienstagnachmittag um 15.51 Uhr schickte der Verband über seinen Presseverteiler die Kunde: "Semenya kann starten." Das Startrecht gilt uneingeschränkt und ab sofort.

Verwirrende Nachrichten

Viel mehr stand in der Mitteilung nicht. Nur so viel: Die Untersuchungen zu dem Geschlechtstest, welchen die IAAF nach Semenyas WM-Sieg angeordnet hatte, seien abgeschlossen. Die IAAF-Spitze folge mit der Starterlaubnis einer Empfehlung der Medizinischen Kommission des Weltverbandes. Die medizinischen Details seien vertraulich und würden nicht weiter kommentiert.

Die Nachricht von der Starterlaubnis für Caster Semenya ist ziemlich spektakulär, sie folgt zehn Monaten der Ungewissheit, des politischen Streits und eitler Debatten. Und sie folgt einem Eklat bei der WM im vergangenen Jahr, den die IAAF selbst herbeigeführt hatte. Die Südafrikanerin hatte am Abend des 19. August im Berliner Olympiastadion gerade das 800-Meter-Finale in 1:55,45 Minuten gewonnen, als der Weltverband bei der Siegerpressekonferenz statt der jungen Gold-Gewinnerin eine Erklärung dafür präsentierte, warum er einen Geschlechtstest bei Semenya angeordnet hatte. Der raketengleiche Aufstieg der jungen Frau von einer unscheinbaren Junioren-WM-Starterin zur überlegenen Weltmeisterin und ihre männliche Erscheinung hatten Zweifel aufkommen lassen. Die Aufregung war groß, vor allem in Südafrika, hohe Politiker stellten sich hinter die Läuferin.

Vor allem aber kommt die Nachricht überraschend. Denn schon im September 2009 hatte die australische Zeitung Daily Telegraph berichtet, dass die Untersuchungen ergeben hätten, Caster Semenya sei ein Zwitter. Sie habe innenliegendê Hoden statt Eierstöcke, keine Gebärmutter sowie einen dreifach erhöhten Testosteron-Wert. Die Zeitung berief sich auf Quellen, die über die Untersuchungen gut informiert seien. Der Bericht passte auch zu der Tatsache, dass Südafrikas Leichtathletik-Verband Asa schon vor der WM einen Geschlechtstest vorgenommen hatte und die Empfehlung der eigenen Mediziner ignoriert hatte, Semenya nicht in Berlin starten zu lassen. Der Verband räumte das seinerzeit selbst ein, und Präsident Leonard Chuene entschuldigte sich dafür, den Test öffentlich geleugnet zu haben.

"Ich freue mich riesig"

Es ist nicht klar, wann Caster Semenya wieder starten wird. Sie dürfte den Ort ihres Comebacks sehr sorgfältig auswählen, sofern sie es überhaupt wagt. Ihr Fall hat die Medien auf der ganzen Welt beschäftigt, und natürlich erschreckte sie diese Aufregung. Schon am Vorabend der Fußball-WM war durchgesickert, dass sie bei den Frauen starten dürfe, wieder mal ohne Bestätigung der IAAF, und es hieß, Caster Semenya werde dazu eine Erklärung im Rahmen einer Pressekonferenz abgeben. Aber sie sagte den Auftritt kurzfristig ab. Weil sie den Auftrieb der Journalisten fürchtete? Die Fragen, auf die sie selbst keine Antworten hat?

In einer Erklärung ihrer Anwälte zu der Starterlaubnis sagt Caster Semenya: "Ich freue mich riesig, endlich wieder laufen zu dürfen und das alles hinter mir zu lassen." Aber wird sie diese Geschichte wirklich so leicht hinter sich lassen können? Gerade ihr erstes Rennen nach der langen Pause dürfte vor allem ein Rennen gegen die Neugier der Medien und der Zuschauer werden. Sie ist eine Attraktion der Leichtathletik geworden seit ihrem Sieg im vergangenen August in Berlin, allerdings nicht wegen des Sieges. Sondern wegen der Zweifel, die sie nach dem langen Warten auf die erlösende Nachricht auch weiterhin auf sich ziehen wird.

© SZ vom 07.07.2010

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