Bernard Dietz (Kapitän der Europameister-Mannschaft 1980):

"Ich habe mich total geärgert, als ich die Startformation gesehen habe. Er hat sich am Gegner orientiert, völlig ohne Not."

Dass Löws Taktik (das Tempo aus dem Viertelfinale heraus zu nehmen und durch statische Kontrolle zu ersetzen) nicht die richtige war, ist schon jetzt eine Wahrheit fürs DFB-Geschichtsbuch. Jeder hat ja die Auswirkungen verfolgen können: Die Dynamik des Viertelfinales war verschwunden, stattdessen regierte statische Ballkontrolle.

In der Tat hat Löw keine Not für die zahlreichen Änderungen gesehen, er nimmt für sich in Anspruch, dass sein elitäres Trainerwissen und sein luxuriöser Kader es erlauben, für jeden Gegner, jedes Spiel, jedes Stadion und jede Wetterlage die passende Lösung zu wählen - die obendrein die ganze Welt überrascht, vor allem aber den gegnerischen Kollegen. Daraus hat er speziell in diesem Turnier einen persönlichen Sport entwickelt.

Dieter Hoeneß (ehemaliger Bundesliga-Manager):

"Jogi wollte zu viel. Ich hatte das Gefühl, er will eine Doktorarbeit abliefern."

Löw wollte wohl tatsächlich mit dem Doktorhut auf dem Kopf durchs Halbfinale gehen. Natürlich war er immer schon ein akademischer Trainer, davon hat der deutsche Fußball viele Jahre extrem profitiert. Nach dem Systemabsturz der Jahrhundertwende hatte der konzeptionell verlotterte deutsche Fußball die Ideen aus Löw Taktikwerkstatt dringend nötig.

Im EM-Halbfinale gegen die Italiener war sein Spielentwurf aber zu akademisch, zu viel Theorie und Reißbrett, zu wenig Praxis und Rasen. Manche raunen sogar, Löw habe außer dem Doktorhut gleich den Professorentitel im Sinn gehabt, indem er das Halbfinale gegen Italien als eine Art Generalprobe fürs geplante Finale gegen Spanien aufführen ließ. Ein starkes zentrales Mittelfeld, wie Löw es gegen Italien überraschend bevorzugte, wäre gegen Spanien ja eine naheliegende Lösung gewesen.

Bild: ZB 2. Juli 2012, 12:042012-07-02 12:04:16 © SZ vom 02.07.2012/ske