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Darts-Überraschung Gabriel Clemens:Zu schnell zu gut im Pfeilewerfen

Darts-WM in London

Gabriel Clemens steht bei der Darts-WM im Achtelfinale - und kann's nicht fassen.

(Foto: John Walton/dpa)

Ein deutscher Ruhepol in der Welt der Extrovertierten: Der Werdegang von Weltmeisterbesieger Gabriel Clemens beweist, warum Darts weit mehr ist als ein Kneipensport.

Von Carsten Scheele

Die Briten nennen ihn "Gaga", dabei ist an Gabriel Clemens, 37, erst mal gar nichts gaga. Er ist eher der Typ in sich ruhender Saarländer, dem es eigentlich widerstrebt, sich oben auf eine Bühne zu stellen und vor aller Augen seinem Job nachzugehen. Der, während sich andere Darts-Profis als Matadoren präsentieren und zu stampfenden Partybeats in die Halle einlaufen, die Mid-Tempo-Gitarrenpopnummer "Wonderwall" von Oasis auflegen lässt. Der sich von seiner Freundin managen lässt, zwar Interviews gibt, diese aber am liebsten auf ein Minimum reduzieren würde. Nach aufreibenden Spielen ist Clemens mental total erledigt, er möchte nur noch schlafen, kurz duschen, dann ab in die Federn.

Die Entscheidung in Clemens' Leben, die das Prädikat "gaga" am ehesten verdient, war jene, das Pfeilewerfen zum Beruf zu machen. Die Eltern waren - wenig überraschend - mäßig begeistert; Clemens hatte einen sicheren Job als Industriemechaniker, mit einem verständnisvollen Chef, der ihn erst Urlaubstage nehmen ließ, wenn er zu Turnieren reisen wollte, und ihm dann einen Teilzeitjob gewährte. Doch das reichte irgendwann nicht mehr. Clemens wurde zu schnell zu gut, nahm sich freitags frei, spielte am Wochenende Turniere, kehrte Sonntagabend zurück und stand Montagfrüh in der Arbeit.

Also voller Fokus auf die Pfeile, eine Risikoentscheidung, denn längst nicht jeder, der sich als Profi-Darter bezeichnet, kann davon leben. Die Besten sind Millionäre, etwa Michael van Gerwen, der Dominator der Szene. Dahinter wird die Hatz nach den Preisgeldern aber schnell zur existenziellen Angelegenheit.

Deutsche Profis gehörten bislang nicht zu jenen, die sorgenfrei Pfeile werfen konnten, Max Hopp, Kevin Münch oder Clemens spielten ganz gut mit, sind auch Stammgäste bei der Weltmeisterschaft in London, dem Jahreshöhepunkt im Freizeitpark Ally Pally, wenn Darts ins öffentliche Rampenlicht rückt. Doch gen Neujahr, wenn die WM in die Entscheidung geht, waren sie immer schon abgereist; über die zweite Runde hinaus hat es keiner geschafft.

Wright spielte richtig gut, doch das war nicht gut genug

Jetzt hat Clemens diese Serie durchbrochen, er steht im Achtelfinale unter den weltbesten 16 Spielern, auf dem Weg dorthin hat er in einem hochklassigen Match sogar den Weltmeister geschlagen: Peter Wright, der vor der WM in so starker Form erschien; der in London bei all seinen Partien selbstsicher und lässig stets als Grinch in die Halle gelaufen ist, weil den Briten ihre Kostümparaden im Zuschauerraum im Ally Pally in diesem Jahr so fehlen (die WM wird pandemiebedingt ohne Zuschauer ausgetragen).

Anschließend war es um den sonst so beherrschten Saarländer geschehen: Clemens hatte Tränen in den Augen, sprach von einer "der großartigsten Nächte in meinem Darts-Leben" nach diesem dramatischen 4:3 gegen Wright, den Clemens persönlich so nett und sympathisch findet. Wright spielte richtig gut, nur eben nicht so stark wie sein Gegner. Ganz schön gaga.

Bricht nun der lange erwartete deutsche Darts-Boom aus? Möglich, eine ordentliche Fanbasis hat die ehemalige Kneipensportart in Deutschland schon länger, in der Spitze ist Darts aber eine britische und niederländische Angelegenheit. Es bräuchte halt einen, der bei der WM ganz oben mitspielt, hieß es stets - jetzt ist Clemens da, als Ruhepol zwischen all den extrovertierten Typen. Er hat sich mit dem Leben im Scheinwerferlicht arrangiert, seit ein paar Monaten jubelt er sogar etwas ausgelassener, wenn der Pfeil im richtigen Moment ins richtige Feld zischt. Im Achtelfinale trifft er am Dienstagabend auf den Polen Krzysztof Ratajski, ein machbares Kaliber. Was ist noch möglich?

Im schlechtesten Fall verliert Clemens gegen Ratajski und ist trotzdem der beste Deutsche, der je bei einer Darts-WM angetreten ist. Im besten Fall ist es mit der von ihm so geschätzten Ruhe endgültig vorbei.

© SZ/bek
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