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Gabriel Clemens bei der Darts-WM:Gagas Coup gegen den Weltmeister

2020/21 PDC William Hill World Darts Championship - Day Ten

Gabriel Clemens (re.) wirkte einigermaßen fassungslos nach seinem Sieg gegen Peter Wright.

(Foto: Luke Walker/Getty Images)

Das gab's noch nie: Mit dem furiosen 4:3 über Peter Wright zieht Gabriel Clemens als erster Deutscher in ein Achtelfinale der Darts-WM ein - er weckt damit heftiges Begehren.

Von Sven Haist, London

Nach seinem entscheidenden Wurf auf das Feld der Doppel-16 schien Gabriel "Gaga" Clemens nicht mehr so richtig zu wissen, wohin mit sich und dem Erfolg. Der deutsche Darts-Profi drehte sich auf dem Spielpodium des Alexandra Palace mehrmals im Kreis und hatte große Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Erstaunt schüttelte der Saarländer ständig den Kopf, als würde er es selbst nicht glauben, soeben bei der Weltmeisterschaft den Titelverteidiger Peter Wright in der dritten Runde aus dem Turnier geworfen zu haben. Die Kameras zoomten an Clemens heran, der auf die Videoleinwand in der Halle starrte - und sich dort selbst sah, wie er mit den Tränen kämpfte.

Im anschließenden Interview auf Englisch wurde Clemens mit Fragen überhäuft, aber der unerwartete Sieg hatte ihm fast gänzlich die Sprache verschlagen. Er stehe unter Schock und müsse das Resultat erst mal sacken lassen, sagte Clemens gerührt. Der Sieg über den "fantastischen" Wright sei "der Höhepunkt" seiner Karriere: "Ich habe keine Worte dafür." Sogar der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans beglückwünschte ihn. "Ein großartiger und historischer Sieg im legendären Ally Pally. Das ganze Saarland drückt weiter fest die Daumen", schrieb er auf Twitter.

Als erster deutscher Dartsspieler der Historie hat Clemens durch das 4:3 gegen Wright am Sonntagabend das WM-Achtelfinale erreicht - dabei war es erst seine zweite Teilnahme. Im Entscheidungssatz nutzte der "German Giant", der deutsche Riese, seinen Vorteil, beginnen zu dürfen beim Herunterspielen des Ausgangswertes von 501 auf 0.

Der an Position 31 gesetzte Clemens bewies mit fast der Hälfte an getroffenen Würfen auf die Doppelfelder zum Ende jedes Teilabschnitts (Wright kam bloß auf 32 Prozent) seine beneidenswerte Bierruhe - wenngleich er hinterher zugab, im abschließenden Alles-oder-nichts-Leg dann doch etwas "nervös" gewesen zu sein. Seine durchschnittliche Punktzahl von 98,65 pro Anwurf bedeuteten zudem deutschen WM-Rekord.

Noch zwei Siege fehlen ihm bei diesem prestigeträchtigen Turnier, um in der nationalen Bestenliste zu Spitzenreiter Max Hopp aufzuschließen, der sechs gewonnene Partien im Ally Pally vorweisen kann. Im Achtelfinale trifft Clemens auf den Polen Krzysztof Ratajski.

Clemens bemerkenswerter Coup weckte Erinnerungen an den genauso überraschenden Sieg seines Landsmanns Kevin Münch vor drei Jahren. In einem packenden Erstrundenmatch schaltete Münch im Ally Pally den zweimaligen Weltmeister Adrian Lewis aus. Überschwänglich wurde er damals zum Heilsbringer des deutschen Darts auserkoren. Die Zuschauer feierten ihn vor Ort über die Maße; auf der Pressekonferenz wurde ihm die Frage vorgelegt, ob er das Zeug zu einem Darts-Superstar seines Landes hätte.

Die plötzlichen Erwartungen schienen Münch, 32, lange Zeit ein Aushängeschild bei den Junioren, fast zu erdrücken. In der nächsten Runde schied er chancenlos aus und ist mittlerweile sogar aus der Weltrangliste gefallen. Ähnlich ergeht es offensichtlich dem ebenso als großes Talent gepriesenen Max Hopp, dem der Durchbruch in die absolute Weltspitze noch fehlt. Bei acht WM-Teilnahmen gelangen dem erst 24 Jahre alten Hopp nie mehr als zwei Siege in Serie.

Das heftige Begehren der deutschen Fans nach einem dauerhaften Topspieler muss jetzt wohl Gabriel Clemens, 37, schultern, die aktuelle Nummer eins. Sein Triumph über Wright ging nach dem Spiel viral und dürfte in den kommenden Tagen in Deutschland für einen kaum vermeidbaren Hype sorgen. Der Umgang damit wird für Clemens wohl über sein Fortkommen bei dieser WM entscheiden.

Nach dem Rücktritt des Publikumslieblings Phil Taylor vor drei Jahren sucht die Szene hinter dem Weltranglistenersten Michael van Gerwen dringend nach Zugpferden. Die Favoriten sehen in Clemens schon länger einen gefürchteten Kontrahenten, weil er mit seinen Würfen die Qualität besitzt, die Besten von sich aus schlagen zu können und nicht auf deren Fehler warten zu müssen.

Quasi über Nacht hat das Leben von Clemens, bekennender Fußballfan des 1. FC Saarbrücken und kürzlich zum Sportler des Jahres im Saarland gewählt, nun einen ungeahnten Schub erfahren. Um die Jahrtausendwende fing Clemens als Teenager mit dem Dartsspielen an. Mit dem DV Kaiserslautern gewann der Mann aus Saarwellingen 2014 und 2017 die deutsche Meisterschaft.

In diese Zeit fielen auch seine ersten beachtlichen Einzelergebnisse, die ihm für 2018 die Turnierkarte des Weltverbands (Professional Darts Corporation) sicherten. Bis dahin arbeitete der gelernte Schlosser als Vollzeitkraft für den Entsorgungsverband Saar. Seine Tätigkeit beim EVS reduzierte Clemens daraufhin, bevor er sie mit Beginn des Jahres 2019 zugunsten des Dartssports aufgab. Sein Management übernahm Lebensgefährtin Lisa Heuser, die er einst bei einem Dartsturnier kennenlernte.

Eine respektable Leistung, die sein Potenzial bei den Profis andeutete, erzielte Clemens im Juli 2019 beim German Darts Masters: Nach Siegen über Rob Cross und Mensur Suljovic unterlag Clemens nur knapp im Endspiel gegen Peter Wright. Das Siegerfoto mit Wright verwendet Clemens als Profilbild auf Twitter - jetzt hat er den Weltmeister erstmals besiegt. "Alle Achtung vor Gabriel! Ich wünsche ihm für die nächste Runde alles Gute", sagte Wright. Ein Preisgeld von 35 000 Pfund hat Gabriel Clemens bereits sicher, mehr als je zuvor bei einem Turnier.

© SZ/bek
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