Trauerfeier für Neonazi "Rechte Hooligans gibt's überall - in Chemnitz fehlt ein Gegengewicht"

Spieler des Chemnitzer FC stehen auf dem Feld, während der Rauch von Pyrotechnik über das Spielfeld zieht. (Archivbild September 2018)

(Foto: dpa)

Fan-Forscher Robert Claus spricht über die besondere Situation in Chemnitz und er erklärt, welchen Schaden der Klub anrichtet und warum es in Dortmund anders läuft.

Interview von Antonie Rietzschel, Leipzig

Am vergangenen Samstag fand im Stadion des Chemnitzer FC (CFC) vor dem Regionalliga-Spiel gegen Altglienicke Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Neonazi Thomas Haller statt. Der Klub zeigte ein Bild des Rechtsextremen auf der Leinwand, der Stadionsprecher hat eine Erklärung verlesen, Fans entrollten Banner und zündeten Pyro-Technik. Seit dem Vorfall ist beim Klub der Geschäftsführer zurückgetreten, die Fanbeauftragte und der Stadionsprecher wurden entlassen, der Verein erstattete Strafanzeige gegen unbekannt. Der Klub sagt, er sei bedroht worden. Dass Nazis ein Stadion auf diese Weise vereinnahmen, ist ein in den oberen deutschen Fußball-Ligen bisher einmaliger Vorgang. Robert Claus ist Hooligan-Forscher und beobachtet die Szene seit Jahren. Er ist Verfasser des Buches "Hooligans, eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik".

SZ: Herr Claus, im Stadion des Chemnitzer FC wurde des rechtsextremen Hooligans Thomas Haller gedacht. Hat Sie das überrascht?

Robert Claus: Haller war als Mitbegründer der Gruppe "Hooligans-Nazis-Rassisten" (HooNaRA) einer der bedeutendsten rechtsextremen Hooligans, ein Patron. Seine Security-Firma bildete ein wirtschaftliches Rückgrat der Szene. Dass die um ihn trauert, ist zu erwarten. Im Gegensatz zum Verhalten des CFC, der das Gedenken in aller Offenheit ermöglicht und somit leider unterstützt hat. Eine Botschaft auf der Videoleinwand und eine Stadiondurchsage ist etwas anderes als ein von Hooligans auf die Tribünen geschmuggeltes Spruchband.

Hooligan-Experte Robert Claus

(Foto: oh)

Im August 2018 starb Daniel H., mutmaßlich wurde er von Flüchtlingen getötet. Es waren Hooligans, die kurz darauf als brüllender Mob durch die Straßen zogen. Hätte es der Verein nicht besser wissen müssen?

Die Vorfälle im Zusammenhang mit rechtsextremen Hooligans reichen viel weiter zurück, fast 30 Jahre. 2007 gibt Haller ein Interview in dem er über seine Rolle bei HooNaRa und die Tätigkeit seiner Security-Firma für den Chemnitzer FC sprach. Daraufhin löste der Verein den Vertrag auf. Zwei Jahre später spielte Türkiyemspor bei Chemnitz in der Regional-Liga. 40 bis 50 Leute trugen in der Kurve T-Shirts mit dem Slogan: "Wieder mal kein Tor für Türkiyemspor". Das ist ein Titel der rechtsextremen Band Landser, der vor rassistischen Sprüchen strotzt. Immer wieder kam es zu rassistischen Vorfällen: Ein schwarzer Stürmer von Dynamo Dresden wurde mit Affenlauten bedacht. 2015 entrollten Hooligans ein Banner in den sozialen Medien, auf dem sie mit dem NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben sympathisieren.

Wie hat der Verein auf diese Aktionen reagiert?

Mit Symbolpolitik. Da gab es mal einen Aktionsspieltag für Toleranz. Letztes Jahr wurde der Mannschaftsbus mit der Aufschrift "Chemnitz ist weder grau noch braun" bedruckt. Was bis heute fehlt, ist eine präventive langfristige Fan-Arbeit. Der Chemnitzer FC hat es mit einer Fan-Szene zu tun, die von rechtsextremen Hooligans dominiert wird. Mit seinem Verhalten fällt der CFC - ob gewollt oder nicht - allen in den Rücken, die sich in Chemnitz gegen Rechtsextremismus engagieren.

Die von Thomas Haller gegründete Gruppe HooNaRa hat sich 2007 offiziell aufgelöst - eine weitere Gruppe, die NS-Boys, haben offiziell ein Auftrittsverbot. Wie wirksam ist das?

Nur weil die Anhänger ihre Banner nicht zeigen dürfen, heißt das nicht, dass die Mitglieder verschwunden sind. Die Gruppe ist weiterhin aktiv und wird im Hintergrund von ehemaligen Mitgliedern der HooNaRa protegiert.

Inwiefern ist die Hooligan-Szene in Chemnitz eine Besonderheit in Deutschland?

Rechtsextreme Hooligans gibt es überall. In Chemnitz jedoch fehlt ein Gegengewicht. Woanders gibt es eine linke Ultragruppe, die sich gegen Diskriminierung engagiert. Chemnitz ist außerdem führend was die Organisation anbelangt. Es gibt sehr gute Verbindungen zu den rechtsextremen Hooligans in Cottbus und Dortmund. Außerdem besteht ein gutes Netzwerk bis in die subkulturellen Strukturen hinein, besonders in die Kampfsportszene. Im Zweifel sind die Chemnitzer schnell in der Lage durchtrainierte rechtsextreme Hooligans zu mobilisieren, um politische Gegner einzuschüchtern.

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Nach der Aufregung um die Neonazi-Gedenkminute im Stadion scheint der Verein zu zerfallen - angeblich gab es auch Gewalt-Androhungen von Rechtsextremen.

Inwiefern bestehen auch Verbindungen zu parteipolitischen Strukturen?

Die Partei Die Rechte hatte lange ihre Zellen in Chemnitz und Dortmund, weil die Verbindung zwischen der örtlichen Neonazi-Szene sehr gefestigt ist. In beiden Städten gibt es das Konzept, einzelne Kieze komplett zu besetzen. In beiden Städten wurden auch immer wieder rechtsextreme Kameradschaften verboten. Deren Mitglieder suchten dann Schutz in parteipolitischen Strukturen.

Thomas Haller war in diesem Netzwerk lange ein Dreh- und Angelpunkt. Nach dem Gedenken an ihn befindet sich der Chemnitzer FC in einer schwierigen Lage. Sponsoren ziehen sich zurück, ein Geschäftsführer ist zurückgetreten. Sollte ein Neuanfang überhaupt möglich sein, was müsste der Verein tun?

Eine langfristige Fanarbeit aufsetzen. Eine über dreißig Jahre gewachsene Szene, die ihre eigenen wirtschaftlichen Einnahmequellen hat, wird man nicht innerhalb von kurzer Zeit los. Es braucht Bildungsangebote, Präventionsmaßnahmen und ein enges Netzwerk mit der Stadt, der Polizei, der Sozialarbeit. Schauen wir uns Borussia Dortmund an, dort ist die rechtsextreme Szene immer noch aktiv - aber gleichzeitig gibt es ein Netzwerk aus Fans, die sich dagegen engagieren und eng mit dem Verein zusammenarbeiten.

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