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Sport und Corona:Der Sport liefert trügerische Bilder

Manchester City v Real Madrid - UEFA Champions League - Round of 16 - Second Leg - Etihad Stadium General view of the st; Lissabon, Champions League, Manchester City

"Viel Glück in Lissabon", wurde Manchester City nach dem erreichen des Finalturnier gewünscht.

(Foto: imago images/PA Images)

Fußball, Formel 1, Leichtathletik: Reibungslos gehen diverse Sportveranstaltungen schon wieder über die Bühne. Doch der Weg zu vollen Stadien ist noch ein weiter.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Das Virus hat den Sommersport fest im Würgegriff, und es wird ihn auch über die Wintermonate nicht aus diesem Griff entlassen. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass am Wochenende viele Veranstaltungen reibungsarm über ganz unterschiedliche Bühnen gebracht werden konnten.

Die Achtelfinal-Rückspiele der Champions League in München und Barcelona zum Beispiel, deren Resultate dazu führten, dass sich der FC Bayern und die Lionel-Messi-Mannschaft an diesem Freitag zum Viertelfinale in Lissabon treffen. Zudem ein Formel 1-Rennen, bei dem der Zwölfplatzierte Sebastian Vettel nach missglücktem Boxenstopp seine Ferrari-Strategen via Bordfunk tadelte: "Ihr wisst, dass ihr es verbockt habt!" Oder auch die deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, bei denen der 100-Meter-Sprinter Denis Almas in pfeilschnellen 10,09 Sekunden ins Ziel kam.

Das Problem: Es blieb still, kaum eine Hand rührte sich zum Applaus, ob in Barcelona, Silverstone, Braunschweig, es war fast niemand zugelassen, der Anerkennung zollen konnte. Allerorten aber war die Sehnsucht gespeist worden, demnächst in eine Art Normalität gleiten zu können, um langsam wenigstens wieder ein bisschen Live-Publikum in all die Blasen des Sports hinein bitten zu können.

Wie trügerisch diese Wochenend-Impressionen waren, zeigte sich schon am Sonntagabend. Da wurde jene Meldung publik, von der keiner weiß, wie sie sich auf die Dramaturgie von Europas größtem Ereignis in diesem ausgedünnten Sportsommer auswirken wird: Atlético Madrid muss die Abreise zur Champions League nach Portugal verschieben. Zwei Stammkräfte wurden positiv auf Corona getestet und bleiben zu Hause - trotzdem soll das Viertelfinale gegen RB Leipzig am Donnerstagabend stattfinden.

Es bleibt das kühle Fernsehereignis

Am Morgen danach meldete sich Markus Söder, inzwischen ein führender Corona-Experte dieser Republik, mit einer generellen Botschaft zur Zuschauerfrage zu Wort: Er könne sich den Bundesliga-Start Mitte September nur noch ohne Publikum vorstellen. Begründung: Alles andere hätte eine "verheerende Signalwirkung für die Gesellschaft". Die Rechtslage weiß Bayerns Ministerpräsident auf seiner Seite - bis Ende Oktober sind Großveranstaltungen bundesweit untersagt.

Nur die Politik kann also die Stadiontore öffnen. Und so lange in Europa die Angst vor einer zweiten Winterwelle dominiert, wird Spitzensport wohl so rüberkommen wie in Kürze aus den beiden leeren Arenen von Lissabon: Als kühles Fernsehereignis, zu dem die Emotionen von Soundspezialisten beigemischt werden, damit das monotone Klack-klack der Ballstafetten nicht allzu sehr ermüdet.

Mit der Corona-Diagnose aus Madrid allerdings hat sich die Ausgangslage verändert. Atlético galt nach dem Achtelfinalsieg über den FC Liverpool als starker Außenseiter, nun aber reist die Mannschaft mit angeknackster Psyche an. Die Situation wäre nach klassischen Kriterien nicht mehr fair zu nennen, aber was tun? So ein Turnier abzusagen, würde auch alle übrigen strafen, die in dieser Champions-League-Runde die große Chance ihres kurzen Profilebens sehen. Trotz Virus. Dieses, so viel ist bekannt, entwickelt eine perfide Fähigkeit darin, immer neue Schwachstellen zu finden. In jedem Körper, aber auch in jedem Sport-System.

© SZ vom 11.08.2020/ska

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