Nachruf:Er zieht ohne Gegenstimmen in den Himmel ein

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Nachruf: In Aktion bei der EM 1984: Fernando Chalana (rechts) trug wegen seines beeindruckenden Schnurrbarts und in Anlehnung an die Asterix-Comics den Spitznamen "Chalanix".

In Aktion bei der EM 1984: Fernando Chalana (rechts) trug wegen seines beeindruckenden Schnurrbarts und in Anlehnung an die Asterix-Comics den Spitznamen "Chalanix".

(Foto: Ferdi Hartung/Imago)

Sein Fußball sah aus, als sei er einem Zeichentrickfilm entsprungen: Zum Tod von Fernando Chalana, der Muse der größten portugiesischen Dribbler der vergangenen Jahrzehnte.

Von Javier Cáceres

Vor ein paar Jahren wurde Fernando Chalana bei einer Feier von Benfica Lissabon ein Adler aus Gold überreicht, als Anerkennung für eine unvergleichliche Karriere. Diese bemaß sich nicht an Titeln. Oder genauer: nicht nur an Titeln. Und das konnte man an jenem Abend sehen. Denn nachdem Chalana auf die Bühne gekommen war, fiel ein eigens geladener Laudator, der sich vor allem als Held des Benfica-Rivalen FC Porto einen Namen gemacht hatte, vor ihm auf die Knie: Paulo Futre.

"Er ist mein ewiger Held", sagte Futre an diesem Mittwoch, als er davon erfahren hatte, dass Chalana verstorben war. Futre war wie alle Portugiesen Opfer eines "emotionalen Erdbebens" geworden, wie die Sportzeitung Récord am Donnerstag schrieb. Das ganze Land habe ihn geliebt: "Er zog ohne Gegenstimmen in den Himmel ein."

Chalana wurde auch Chalanix genannt, denn er trug einen Schnurrbart, der so aussah, als sei er ihm vom Asterix-Zeichner Albert Uderzo auf die Lippen gemalt worden. Und sein Fußball war genau das: wie einem Zeichentrickfilm entsprungen. Wäre Chalana später geboren worden, so wäre er vielleicht Chakira genannt worden, in Anlehnung an Shakira. Denn so wie die kolumbianische Sängerin schaffte er es, ganze Stadien mit Hüftwacklern aus einer anderen Welt zu verzaubern. Die Legende besagt, dass er es vermochte, Gegner auf den Boden zu setzen, ohne den Ball zu berühren - nur durch den Einsatz seines Beckens. Wobei seine Technik "jenseits jeder Vorstellungskraft" gewesen sei, wie Luís Figo sagte, auch ihm war Chalana Inspirationsquelle, obschon er seine Karriere bei Sporting Lissabon begonnen hatte. Wie Futre, den die Ordner schräg anschauten, wenn er im Stadion von Benfica vorbeischaute: "Was machst du hier, im Stadion des Feindes?" Chalana gucken, was sonst, antwortete Futre.

"Er wäre heute 200 Millionen Euro wert", sagte Bernardo Silva, der bei Manchester City spielt

Das "kleine Genie", wie sie Chalana in Portugal nannten, weil er nur 1,65 Meter groß war, holte sechs Meisterschaften und drei portugiesische Pokale mit Benfica; zudem eine französische Meisterschaft mit Girondins Bordeaux - an der Seite von Battiston, Tigana, Giresse, Dieter Müller - was für ein Team. Nach Bordeaux war er nach der Europameisterschaft 1984 in Frankreich gewechselt, die seine größte internationale Bühne war: Er war die zentrale Figur einer fantastischen portugiesischen Mannschaft, die erstmals nach der WM 1966 mit dem großen Eusébio wieder an einem großen Turnier teilnahm. "Er wäre heute 200 Millionen Euro wert", sagte Bernardo Silva, der bei Manchester City spielt und all die unglaublichen Geschichten von Chalana erzählt bekommen hat. Die unglaublichste von allen ist wohl jene, die sich zutrug, als Chalana bereits an Alzheimer erkrankt war und seinen 60. Geburtstag feierte.

Da nahm Chalana, der zumeist die Rückennummer 10 trug und nicht nur an einem 10. geboren wurde, sondern auch an einem 10. starb, in der 10. Minute eine Ovation auf der Ehrentribüne entgegen, als Benfica in der portugiesischen Liga CD Nacional antrat und mit 10:0 gewann. Das 10. Tor erzielte Jonas, der gerade eingewechselt worden war, auf seinem Rücken die Nummer 10, die zuletzt dem heutigen Wolfsburger Luca Waldschmidt gehörte - und vorerst nicht mehr vergeben werden soll. Weil niemand an die Magie Chalanas heranreicht, der im Alter von 63 Jahren gestorben ist.

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