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Brasiliens Trainer Scolari bei der Fußball-WM:Babykopf der Nation

World Cup 2014 - Brazil press conference

Wirkt seine Magie noch für zwei Wochen, hat Brasilien einen WM-Helden: Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari.

(Foto: dpa)

Prediger, Zeugwart, Vordenker: Luiz Felipe Scolari, der charismatische Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, spielt ungewöhnlich viele Rollen beim WM-Favoriten. Vor dem Achtelfinale gegen Chile muss er eine schwere Entscheidung treffen.

Wenn er so im Schein- werferlicht sitzt, nachdem seine Jungs eine Schlacht geschlagen haben: Im Trainingsdrillich, Ellbogen auf den Tisch gestützt und das rot gerubbelte Gesicht im massigen Handteller abgelegt, die Stirn zerfurcht und die wasserblauen Augen unter zusammengekniffenen Lidern, wenn er nach ein paar grummelnden Sätzen mit ungefährer Geste nach der Wasserflasche angelt und sich ruckelnd dem nächsten Fragesteller zuwendet - wenn er so inmitten dieser grüngelb ausgeleuchteten WM-Hochglanzbilderwelt sitzt, wirkt Luiz Felipe Scolari nicht wie Felipão, die Hoffnung der Nation.

Eher wie der Zeugwart der Seleção. Manchmal sogar wie Cabeca de Nene, Babykopf; sein Spitzname als Profi. Er bezog sich darauf, wie er den Kopf schüttelte, wenn ihm im Spiel ein Fehler unterlief.

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Zum Auftakt der K.o.-Runde fordern die Chilenen den Gastgeber - bekommen Neymar & Co. erstmals bei diesem Turnier Probleme? Warum ist von den Protesten gegen die WM kaum noch etwas zu hören? Und interessieren sich die Brasilianer für Public Viewing? Unser SZ-Experte antwortet auf Leserfragen.

Diese Unbeholfenheit ist nicht gespielt. Scolari, 65, hasst es, im Fokus der Medien zu stehen. Trotzdem täuscht der Eindruck. Felipão ist ein motivierender Redner und großer Selbstdarsteller - in der Kabine, bei seinen Spielern. Da ist nichts übrig vom Bauernsohn aus Rio Grande do Sul, dem tiefen Süden des Landes, wo die aus Norditalien eingewanderte Familie Scolari bis in die Fünfzigerjahre Felder bestellte und das Vieh zusammenhielt.

Dann ist er der Mann, der im Chaos dieses Wahljahres mit landesweiten Protesten, die nun ein kriegerisches Sicherheitsaufgebot in Schach hält, die WM gewinnen und die Schmach von 1950 tilgen muss. Der Mann, der sich beim WM-Finale in zwei Wochen ein Denkmal setzen will, als erster Trainer des modernen Fußballs, der zweimal Weltmeister wurde.

Der zum Vater der Nation aufsteigen will, auf Höhe Pelés, des größten Kickers im Lande. Dann ist Scolari der Prediger, dem die Spieler folgen wie ihrem Sektenführer; so, wie ihn seine Spieler fast immer verehrt haben. Und vor allem ist Scolari ein Chamäleon. Vielleicht macht ihn gerade das zur Idealbesetzung für diesen Job.

Wechselt ein Vater seine Söhne aus?

"Wir sind die Gastgeber", hat er vor WM-Beginn gesagt. "Das Mindeste, was wir tun müssen - das Mindeste! - , ist zu gewinnen." Er schafft es, fast jeden seiner Erwählten stark zu reden, er pflegt eine legendäre Loyalität und schirmt seine Auswahl wie ein Hofhund nach außen ab.

Auch wenn er am Samstag für das Achtelfinale gegen Chile wohl dem Druck der Fakten weichen und seinen Schlüsselspieler opfern muss, Paulinho. Was etwas aufgesetzt klingt für so einen Vorgang, der in anderen Teams ja zum Tagesgeschäft gehört, ist in Felipãos Wagenburg tatsächlich ein Opfergang. Ein Wechsel, das kommt fast nie vor. Wechselt ein Vater seine Söhne aus?

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Aber jetzt wird es sein müssen. Nicht, weil ihn die Medien im ganzen Land vor sich hertreiben, Scolari müsse Fernandinho für den ausgelaugten Stammspieler bringen. Sondern weil das auch seine Engsten signalisieren. Der Sportdirektor Carlos Alberto Parreira, der 1994 selbst mit der Seleção Weltmeister geworden ist. Flavio Teixeira, genannt Murtosa, sein technischer Arm und Gefährte seit 1983; klein, kugelig und stets im Schatten, ist er eine Art Sancho Panza des großen Felipe. Und Regina Brandão.

Der Sportpsychologin von der Universität São Paulo vertraut Scolari seit 15 Jahren, sie erstellt ihm die Persönlichkeitsprofile der Spieler. Und womöglich hat auch sie darauf eingewirkt, dass ein weiterer enger Wegbegleiter Scolaris nun erstmals als unzeitgemäß gilt und draußen bleiben muss: Pater Pedro Bauer.