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Boxen:Tyson Fury muss geschützt werden

Genug gelacht: Tyson Fury ist nicht länger der Box-Clown, der Wladimir Klitschko entthront hat. Er ist krank, und der Sport sollte endlich reagieren.

Kommentar von Saskia Aleythe

Gut möglich, dass in ein paar Stunden alles schon wieder ganz anders ausschaut. Tyson Fury gehört spätestens seit vergangenem Montag zu den Personen, deren Aussagen man lieber nicht auf T-Shirts drucken, in Zeitungen schreiben oder auch nur weitererzählen sollte. Um 13.55 Uhr verkündete der Schwergewichtsweltmeister seinen Rücktritt via Twitter, Boxen sei das traurigste, was ihm im Leben passiert sei. 28 000 Leuten gefiel das. Um 16.51 Uhr kam der Rücktritt vom Rücktritt, er werde weiterkämpfen. 9000 Likes dafür.

Tyson Fury ist manisch-depressiv. So sagt er es selber in einem Interview mit dem Magazin Rolling Stone. Es ist ein langes Interview, in dem der Brite diese Sätze sagt: "Ich hoffe jeden Tag, dass ich sterbe", "wenn meine Kinder nicht wären, wäre ich längst tot", "ich will nicht mehr leben". Fury hat damit genug gesagt. Es ist unerheblich, ob es jemals zu einem Rückkampf gegen Wladimir Klitschko kommen wird. Oder, was Fury als Nächstes in die Welt bläst. Es geht nur noch um eines: Hilfe für einen schwerkranken Menschen.

Der Boxer kokettiert gerne mit allem Möglichen und es fällt schwer, ihn ernst zu nehmen. Seit er als Herausforderer von Wladimir Klitschko feststand, geisterte er mit immer neuen Verrücktheiten durch die Welt. Mal im Batman-Kostüm auf der Pressekonferenz, mal mit üblen Aussagen über Homosexuelle und Frauen. Der Brite wurde Weltmeister im vergangenen November und blieb eine streitbare Person. Nun ist er jemand, den man vor sich selber schützen muss - egal welche Dementis er demnächst noch in die Welt hinausposaunen wird.

Klar, wandelnde Provokationen wie Fury reihen sich wunderbar ein in die Riege großer Spinner im Boxgeschäft: Floyd Mayweather postet noch heute Geldstapel auf seinem Couchtisch, Shannon Briggs wurde regelrecht zum Stalker von Wladimir Klitschko und verfolgte ihn sogar im Urlaub auf einem Motorboot. Dereck Chisora und David Haye prügelten sich auf einer Klitschko-Pressekonferenz. Hauptsache auffallen, Hauptsache Zuschauer gewinnen für den Boxkampf. So ist das Business.

Es geht auch um den Umgang mit psychischen Krankheiten

Dass im Fall Fury überhaupt noch die Möglichkeit eines Rückkampfes im Raum steht und seine Gürtel nicht längst vakant geworden sind, ist ein mieses Zeichen, das der Boxsport aussendet. Zwei Mal hat Fury einen vereinbarten Rückkampf abgesagt, zwei Mal stellte sich heraus, dass positive Dopingproben damit in Verbindung standen. Bereits im Frühjahr 2015 soll die britische Anti-Doping-Agentur (Ukad) das anabole Steroid Nandrolon entdeckt haben. Und ließ ihn Monate später gegen Klitschko boxen, der Fall ist bis heute nicht abgeschlossen.

Nun ein positiver Test auf Kokain: Weil Klitschko auf Trainingskontrollen drängte, schaute die freiwillige Anti-Doping-Administration (Vada) vorbei. Bei ihr gilt Kokain durchaus als verbotene Substanz, bei der Weltantidoping-Agentur ist sie in wettkampffreien Zeiten erlaubt. Fury findet, das sei ohnehin seine Privatsache. Er sei kokain- und alkoholabhängig, habe aber für das Boxen nie leistungssteigernde Mittel eingenommen.

"Kokain ist eine Kleinigkeit im Vergleich dazu, nicht mehr leben zu wollen", sagt Tyson Fury. Ein Satz, für den man ihn ernst nehmen muss, will man psychische Krankheiten ernst nehmen.

© SZ.de/schma

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