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Boxen:Ein Kampf wie die Wiedergeburt einer Sportart

  • Anthony Joshua und Waldimir Klitschko liefern sich im Wembley-Stadion einen spektakulären Kampf.
  • Die elf Runden waren das spannendste, was dem Schwergewichtsboxen in jüngster Zeit passiert ist.
  • Nach dem Sieg von Joshua behandeln sich beide Boxer mit Respekt.

Von Saskia Aleythe, London

Die Ringglocke schrillte, Anthony Joshua hätte den Blick abwenden und seine Ecke verschwinden können, doch er tat etwas anderes: Er schaute Wladimir Klitschko für einen Moment hinterher. Es war die fünfte Runde in diesem Schwergewichtskampf, Joshua, der Junge, hatte Klitschko, den Alten, auf den Ringbogen befördert. Doch der 41-Jährige stand auf, als hätte er nur einen Weckruf gebraucht und brachte plötzlich seinen Gegner in arge Schwierigkeiten. Es schrillte und Joshua guckte, sein Blick sagte: "Nicht schlecht, Respekt."

Aufstehen nach einem Niederschlag, es gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Boxen, Joshua weiß das natürlich. Ihm selber war das gelungen an diesem Abend, seinem Gegner Wladimir Klitschko auch, was ein Indiz für den spektakulären Kampf ist, den die beiden Boxer im Londoner Wembley-Stadion vorführten. "Ums Aufstehen geht es auch im Leben", sagte der Brite, als er zwei Stunden nach seinem Sieg gegen Klitschko zur Pressekonferenz erschien. Joshua lächelte, scherzte, war gelassen, lediglich ein paar geschwollene Augen trug er als Zeichen der Energieleistung im Gesicht. Vor ihm auf dem Tisch lagen die drei WM-Gürtel drapiert, die er in dieser Nacht mit nach Hause nehmen durfte. Doch, auch das sagte er: "Die Erfahrung heute Abend ist viel mehr wert als die Gürtel."

Die elf Runden, die sie sich duellierten, waren das Spannendste, was dem Schwergewichtsboxen seit Langem passiert ist. Zwei leidenschaftliche Kämpfer, vier Niederschläge - ein Duell dieser Intensität hatte es seit über einem Jahrzehnt im Schwergewicht nicht mehr gegeben, seit mit dem Ausscheiden von Boxerlegenden wie Mike Tyson auch die Schnelligkeit verschwand. "Ich bin froh, dass es ein toller Kampf geworden ist", sagte Joshua, "der Hype darum war enorm". Auch Klitschko, der sich nach den Niederschlägen wieder gesammelt hatte, meinte: "Ich denke, wir haben viel für den Sport getan, auch weil wir uns mit Respekt behandelt haben. Es war eine großartige Nacht fürs Boxen und das freut mich."

Wembley, das ist ein Stichwort für eine denkwürdige Kulisse, 90 000 Zuschauer, Sportgeschichte, Fangesänge und der Kampf verwob sich damit, als wäre er es der Menge schuldig. Klitschko, der in seiner elfjährigen Regentschaft bis zur Niederlage gegen Tyson Fury oft für seine defensive Linie und Klammern kritisiert wurde, zeigte sich plötzlich agil. Sowohl Joshua als auch Klitschko boxten aktiv und risikoreich, in der fünften Runde brachte Joshua Klitschko überfallartig mit einer rechten Geraden und mehreren Folgeschlägen zu Fall - das hatte der auch schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Klitschko am Boden, schnaufend, seitlich auf einem Arm aufgestützt, über dem Auge eine klaffende Wunde. Es war ein seltener Anblick.

Doch der 41-Jährige stand auf, boxte beherzter und haute seinen Gegner gleich in der folgenden Runde um. "Da hab ich nicht gedacht, dass er nochmal aufsteht", berichtete Klitschko später, der sich sogleich ärgerte, an diesem Punkt nachgelassen zu haben. Für den Briten war es der erste Niederschlag seiner erst 19 Kämpfe umfassenden Karriere - dass er auch einstecken kann, bewies sich nun genauso wie die Tatsache, dass er genügend Kondition mitbringt. Zwei Kämpfe über sieben Runden waren bisher seine größte Ausdauer-Herausforderung gewesen. In der sechsten Runde am Samstagabend waren beide Boxer schon enorm außer Puste, "da war ich wirklich müde, aber ich wusste, wenn ich mich erholen kann, kann ich ihn schlagen", sagte Joshua später - und das Bemerkenswerte ist, dass er sich tatsächlich eine Pause nehmen konnte, während er Klitschko am Einschlagen hinderte. "Er hat meinen linken Haken heute gut gesehen und blockiert", erkannte der Ukrainer an.

Zwei Runden lang betrieb Joshua aktive Regeneration, "ab der neunten Runde wurde er wieder lebendig", erklärte sein Trainer. Was in der elften Runde mit der finalen Packung für Klitschko endete: Ein rechter Aufwärtshaken war der Auftakt vieler schmerzhafter Einschläge, Klitschko fiel, Klitschko stand auf, musste noch mehr einstecken, fiel wieder, stand wieder auf. Als er nur noch in den Seilen hing, hatte der Ringrichter genug gesehen. "Ob es richtig war, dass der Kampf nicht länger ging, sei dahingestellt", meinte Klitschko, "aber ich respektiere die Entscheidung des Ringrichters". Ein Boxer will kämpfen, na klar. "Der Beste hat heute Nacht gewonnen", sagte Klitschko, das konnte er auf jeden Fall anerkennen, "er ist athletischer als alle Gegner, die ich bisher hatte. Er hat es geschafft und das war beeindruckend".

Um halb zwei Uhr nachts endete das Pflichtprogramm für Anthony Joshua, der Weltmeister stand auf vom Tisch mit den Gürteln, sagte laut "Danke" zur Zuhörerschaft, fragte noch höflich, ob er auch der Pressekonferenz von Klitschko beiwohnen sollte. Dann verschwand er demütig wie er gekommen war wieder vom Podium. Was er sich für die kommenden Tage vorgenommen hat, wurde er noch gefragt: "Bis mittags schlafen und die Familie sehen." Und, sagte Anthony Joshua: "Zurück ins normale Leben gehen." Was nach diesem Kampf schon die nächste Herausforderung sein dürfte.

© Sz.de/schm

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