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Bob-WM:"Ja, bist du wahnsinnig?"

Bob- und Skeleton Weltmeisterschaft 2017

Einer von acht Siegern im Viererbob: Johannes Lochner bei der WM am Königssee.

(Foto: dpa)

Acht Fahrer gewinnen zeitgleich Gold, eine Amerikanerin erlebt ein hollywoodreifes Comeback, und ein Ghanaer freut sich über 16 Sekunden Rückstand: die besten Momente der Bob-WM am Königssee.

Von Johannes Kirchmeier

Am Ende wurde es dann auch noch historisch auf der ältesten Kunsteisbahn der Welt am Königssee. Ein Steinpodest, gefüllt mit zwölf schwarz-rot-goldenen Bobfahrern, das gab es zuvor noch nie in der 93 Jahre währenden WM-Geschichte. Genauso wenig wie eben die Goldmedaille für acht Bobfahrer. Der Schönauer Johannes Lochner und der Sachse Francesco Friedrich steuerten ihre Schlitten zeitgleich ins Ziel, am Ende hüpften acht Männer in hautengen Anzügen und mit Helmen im Arm durch den Zielraum: "Ja, bist du wahnsinnig?", schrie Lochner.

Stellvertretend stand sein Erstaunen für das des gesamten Menschenrests im Zielraum. Auch der Drittplatzierte Nico Walther stand mit offenem Mund vor der Anzeigetafel. Auf dem Podest posierten dann beide Weltmeister-Piloten mit dem Wanderpokal, Friedrich hielt ihn mit der linken, Lochner mit der rechten Hand fest. Dieser historische Moment wird natürlich in Erinnerung bleiben von der Bob- und Skeleton-WM am Königssee, doch es gibt noch weitere Eindrücke, die es wert sind, nach dieser WM erzählt zu werden.

Hollywood auf der Kunsteisbahn

"Ich würde sie zu den schwersten Bahnen im Weltcup zählen", sagt der deutsche Skeleton-Bundestrainer Jens Müller über die Kunsteisbahn am Königssee. Dass da mal der ein oder andere Fahrer stürzt, kann vorkommen. Die Geschichte der US-amerikanerischen Bobfahrerin Elana Meyers Taylor ist dennoch außergewöhnlich: Vor zwei Jahren kam sie im Weltcup an die Bahn, am 16. Januar 2015 schoss sie in ihrem Zwei-Frau-Bob wie ein Torpedo in das Labyrinth - "schneller als je zuvor", kommentierte sie die Fahrt selbst in einer Kolumne bei espn.com: "Wir flogen." Es war zu schnell. Meyers Taylor stürzte, schlug heftig an der Rinne an, in der nächsten Kurve stellte sich das Gefährt wieder auf. Meyers Taylor ließ es ins Ziel gleiten und wurde sogar Sechste. Schnell stieg sie damals wieder in den Bob - scheinbar gesund.

Doch sie hatte sich eine Gehirnerschütterung beim heftigen Aufprall zugezogen. Als sie in der folgenden Saison, im Oktober 2015, wieder mit dem Training begann, merkte sie, dass ihre Reaktionen viel langsamer waren, die Trainingsläufe wacklig. Im November bekam sie wieder einen Schlag auf den Kopf, und die heftigen Kopfschmerzen kehrten zurück. "Ich dachte, meine Saison könnte vorbei sein - oder sogar die ganze Karriere." Ganz die Alte war sie erst vor einem Jahr wieder. Vor der WM passierte es dann erneut: Meyers Taylor stürzte schwer im Training am Königssee.

Doch wie in einem überzeichneten Hollywoodfilm ließ sie sich nicht beeindrucken und gewann sogar den Titel: "Es war eine enorme Herausforderung", sagte sie ins Stadionmikrofon. Und meinte dabei einerseits ihren Kampf mit der Zweiten Kaillie Humphries, 31, aus Kanada, die ihr stets sehr nahe war, aber sie nie erreichen konnte. Und andererseits den Sieg in dieser Bahn: "Hier zu gewinnen, fühlt sich großartig an."

Die Exoten tanzen und posieren

Alle Klischee-Erwartungen wurden enttäuscht: Ein jamaikanischer Bob war dieses Mal nicht dabei bei der WM. Allerdings vertrat ein Skeletoni den Inselstaat; Anthony Watson erreichte einen beachtlichen 38. Platz, er ließ sechs Kollegen hinter sich. Darunter war etwa Akwasi Frimpong aus Ghana, der nach drei Läufen knapp 16 Sekunden Rückstand auf den Sieger Martins Dukurs aus Lettland gesammelt hatte und trotzdem total glücklich und von den Fans begeistert angefeuert durch den Zielraum tanzte.

Für diese Woche hat er vermutlich einen Termin beim Orthopäden seines Vertrauens vereinbart, nach etwa 70 Bandenkontakten bei seinen drei Fahrten. Einst sprintete er für die Niederlande, in die er als Achtjähriger kam, später saß er im Holland-Bob. Nachdem ihn ein Trainer ermunterte, sich im Skeleton zu probieren, entschied er sich, für Ghana zu starten. Als zweiter Athlet nach dem Skifahrer Kwame Nkrumah-Acheampong will er das Land bei Olympischen Winterspielen vertreten, 2018 soll es so weit sein.

Dass es neben Frimpong allerdings auch unter den Exoten im Bob- und Skeletonsport fast keine Kleinen mehr gibt, wie einst im Fußball der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts zu sagen pflegte, unterstrich ein alter Bekannter an der Bobbahn am Königssee: Manuel Machata, aufgewachsen in Ramsau bei Berchtesgaden und 2011 Viererbob-Weltmeister in Schönau, trainiert nun die Chinesen. Ying Qing und Ma Yuanyuan erreichten am Ende bei der ersten WM-Teilnahme des Landes Rang 20 von 22 bei den Frauen.

Das Ziel: In fünf Jahren, bei den Olympischen Winterspielen in Peking soll eine Medaille her. "Warum denn nicht?", sagt Machata. Etwas Medientraining bekam sein Team schon einmal am Königssee: Immer wieder holte Machata seine Athleten vor die Kameras, posierte und plauderte. Werbung dahoam. China - das neue Cool Runnings? Nein, nein, meint Machata. Ähnlich wie die Südkoreaner, die ernsthafte Siegfahrer stellen, wollen sich auch die Chinesen vorne etablieren. Alles laufe "auf sehr professioneller Basis" ab. "Das soll Profisport werden, dafür wird alles getan."

Die Grippe vom Königssee

In der Ruhe und der Abgeschiedenheit des Königssees, zu dem sich so viele Menschen hingezogen fühlen, scheinen sich auch Viren ganz wohl zu fühlen. Viren, die deutsche Bobfahrer befallen. "Wir verbrachten fast die gesamte Trainingswoche auf dem Zimmer", sagte Friedrichs Anschieber Thorsten Margis. Er bezog sich auf den Weltcup in Schönau Ende Januar, an dem sich sein Team schwach präsentiert hatte. "Seit drei Wochen plage ich mich jetzt damit herum", sagte Johannes Lochner dann bei der Weltmeisterschaft. Wieder war ein Deutscher krank am Königssee, wo er sich die Grippe möglicherweise auch eingefangen hat.

Er dachte in der Zwischenzeit schon, er hätte seine Erkrankung überstanden, "doch dann bin ich in der Nacht aufgewacht und es ging wieder von vorne los". Sie hielt sich hartnäckig - und war das Thema der ersten Tage der WM. Würde Lochner fit werden und um den Titel im Zweier mitfahren können? Er galt auf seiner Hausbahn ja als Favorit, nur war er plötzlich fünf Kilogramm leichter und kam etwas ausgemergelt daher. Fit wurde er nicht, am Ende erreichte er die Bronzemedaille. Und hustete nach jeder Fahrt kräftig im Zielbereich ab, bevor er Interviews mit belegter Stimme gab. Erst in der zweiten WM-Woche erreichte er wieder Normalform und siegte im Viererbob. Weil ihn seine Mama daheim mit bayerischer Küche aufpäppelte. Nicht nur krank werden sie also am Königssee, sondern auch gesund. Manchmal ist sie also auch heilsam, die Ruhe.

Fehlt dem Nachwuchs der Nachwuchs?

Den meisten dürfte an einem Sonntagmorgen schon einmal bewusst geworden sein: Nach jeder Party folgt der Kater. Gilt das auch für die deutsche Medaillenparty? 22, 24, 25, 26, 26, 26 - das sind die Altersangaben der Einzelmedaillengewinner Jacqueline Lölling, Tina Hermann, Axel Jungk, Walther, Lochner und Friedrich. Eigentlich verheißt eine solche Zahlenreihe ja eine positive Zukunft in Sportarten, in denen viel Erfahrung und eine genaue Streckenkenntnis für den Erfolg vonnöten sind. Und die aktuelle Athletengeneration scheint sich durch ein gutes fahrerisches Gespür auszuzeichnen.

Die Trainer treibt jedoch schon eine andere Frage um: Was kommt nach den Siegern von heute? "Es ist nicht einfach, junge Leute dazu zu begeistern, unseren Sport zu betreiben", sagt Skeleton-Trainer Müller. "Wir sind eine Materialsport. Du brauchst ein Gerät, das ist kostenintensiver als ein Fußball und eine Turnhose." Nach der Saison will er mit den Heimtrainern verstärkt Talente heranführen. Im Bob geschieht das schon: Bennet Buchmüller im Vierer und Richard Oelsner im Zweier belegten am Königssee allerdings lediglich die Plätze 20 und 25.

© SZ vom 28.02.2017/chge

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