Blindenfußball:25 Tore in vier Spielen

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Weiß, wo das Tor steht: Jonathan Tönsing (links) versucht bei der EM im eigenen Land den italienischen Torwart Marco La Macchia zu überwinden.

(Foto: Michael Hundt/Matthias Koch/Imago)

Der Blindenfußballer Jonathan Tönsing ist Nationalspieler und will in dieser Saison Meister mit St. Pauli werden. Für seine Mannschaft ist er wichtiger als Robert Lewandowski für den FC Bayern.

Von Frederik Kastberg

Das Hamburger Millerntor-Stadion ist für viele Fußballfans in Deutschland ein Höhepunkt im jährlichen Kalender der Auswärtsfahrten. Das liegt nicht nur an der direkten Nähe zur Reeperbahn, sondern auch an der engen Bauweise und der besonderen Atmosphäre, die bei den Heimspielen des FC St. Pauli herrscht. Wenn aber Jonathan Tönsing von der Schönheit des Stadions schwärmt, ist das insofern bemerkenswert, als der 22-Jährige die Spielstätte des Zweitliga-Spitzenreiters noch nie gesehen hat, obwohl er sogar eine Dauerkarte besitzt.

Der Student spielt selbst für die erste Mannschaft des Vereins - allerdings nicht in der zweiten, sondern in der ersten Liga. Und auch nicht am Millerntor, sondern auf einem Kunstrasenplatz im Hamburger Stadtteil Winterhude. Tönsing ist Blindenfußballer, Bundesliga-Rekordtorschütze und Nationalspieler. Er kann seit seiner Geburt nicht sehen oder, wie er es nennt, ist "gebürtig blind".

Als Tönsing gerade einmal sechs Wochen auf der Welt war, entdeckten die Ärzte bei ihm Augenkrebs, beidseitig. Ein Auge wurde entfernt und wird seitdem durch eine gläserne Replik ersetzt, das andere ist mit einer verbliebenen Sehkraft im Promillebereich noch erhalten. Tönsings offizielle Klassifikation im Sport lautet deshalb: B1, vollblind.

Tönsing hatte die Wahl: HSV oder St. Pauli

Trotzdem ist er seit der Kindheit begeisterter Fußball- und vor allem St. Pauli-Fan. Sein Vater, ebenfalls bekennender Anhänger der Braun-Weißen, hat ihn schon früh mit zu den Spielen genommen und wollte seinem Sohn zumindest theoretisch die Möglichkeit geben, sich für einen der beiden Hamburger Vereine zu entscheiden: "Er hat mir beide Stadien gezeigt - sowohl das Millerntor als auch das Stadion im Vorort." Damit meint Tönsing die Arena des Stadtrivalen, die - wie auch anderswo üblich - etwas außerhalb der Hansestadt in der Nähe der A7 liegt.

Doch im Millerntor sei die Stimmung besser gewesen, die Leute seien netter, außerdem hätten die Paulianer, anders als der HSV, damals gewonnen. "Ich finde auch einfach, dass es das schönere Stadion ist", sagt Tönsing.

Blindenfußball: Seine fußballerische Heimat: Bei einer Mitgliederversammlung des FC St. Pauli wurde Jonathan Tönsing vor mehr als 700 Gästen von Vereinspräsident Oke Göttlich (rechts) und von der Aufsichtratsvorsitzenden Sandra Schwedle mit der Silbernen Leistungsnadel geehrt.

Seine fußballerische Heimat: Bei einer Mitgliederversammlung des FC St. Pauli wurde Jonathan Tönsing vor mehr als 700 Gästen von Vereinspräsident Oke Göttlich (rechts) und von der Aufsichtratsvorsitzenden Sandra Schwedle mit der Silbernen Leistungsnadel geehrt.

(Foto: FC St. Pauli)

Im Nachhinein eine glückliche Fügung, denn bei seinen Besuchen im Millerntor lernt er auch seinen späteren Trainer Wolf Schmidt kennen. Der macht bei St. Pauli die Audiodeskription für blinde Zuschauer, erklärt also detailliert, was gerade auf dem Platz passiert. Tönsing hört dann gespannt mit Kopfhörern zu: "Das ist wie im Radio, nur deutlich genauer", sagt er, "da wird im Detail beschrieben, was auf und neben dem Platz passiert." Irgendwann habe Schmidt ihn mal gefragt, ob er für ein Fotoshooting beim Training der Blindenfußballer vorbeikommen wolle. Tönsing wollte, kickte ein bisschen mit und blieb. "Plötzlich war ich dabei und in der Liga am Start." Mit 13 Jahren - ein Jahr früher als erlaubt - debütierte er dank einer Ausnahmegenehmigung in der Bundesliga und ist seitdem nicht mehr aus seinem Team wegzudenken.

Denn wenn in der Fußball-Bundesliga die Topstürmer Robert Lewandowski oder Erling Haaland oft den Beinamen "Lebensversicherung" erhalten, muss für Jonathan Tönsing ein passender Superlativ erst noch erfunden werden: 25 von 31 Saisontoren gehen auf sein Konto. Am vergangenen Spieltag Mitte September gelang dem Stürmer sogar Historisches. Beim 9:0-Sieg seiner Mannschaft gegen die SG Fortuna 95 Düsseldorf / 1. FC Düren erzielte er alle neun Treffer selbst - eine rekordverdächtige Leistung. "Da brauchte ich ein paar Minuten, um das zu begreifen: Das waren jetzt neun Tore. Und die waren alle von dir." Nebenbei pulverisierte er in dem Spiel mit seinen Saisontoren 17 bis 25 die bisherige Bestmarke von 20 Treffern - und das bereits nach vier Spielen. "Dieses Jahr treffe ich das Tor tatsächlich sehr gut", sagt Tönsing und lacht.

Am kommenden Wochenende steht der vierte von insgesamt fünf Spieltagen an, dieses Mal in Hamburg. Ein Heimspiel für Tönsing und sein Team: "Das ist nochmal etwas Besonderes, wenn Freunde und Verwandte vorbeikommen." Schließlich wolle er den Leuten auch zeigen, was er so draufhat. Und auch sportlich geht es um viel. Nach den bisherigen vier Siegen hat St. Pauli in diesem Jahr gute Chancen, nach 2017 zum zweiten Mal die Meisterschaft zu gewinnen.

Seit Beginn der Liga 2008 ging der Titel sonst immer nach Stuttgart (sieben) oder Marburg (fünf). Gegen beide Mannschaften spielen die Hamburger in den verbleibenden drei Partien noch. "Das sind die Spiele, wo es drauf ankommt und man auf den Punkt fit sein muss", sagt Tönsing. Am Wochenende spielt sein Team gegen Marburg (Samstag) und Hertha BSC Berlin (Sonntag), zum Saisonfinale am 30. Oktober dann noch gegen den Rekordmeister.

Die Dribbelkünste der brasilianischen Fußballer seien "atemberaubend", findet Tönsing

Angebote von anderen Mannschaften hat Tönsing, der seit 2016 auch Nationalspieler ist, bislang noch nicht bekommen. Das sei im Blindenfußball, den in Deutschland alle Spieler als Hobby betreiben, auch nicht üblich, erklärt er. "In Südamerika gibt es aber Spieler, die mit Blindenfußball Geld verdienen." Das liege zum einen daran, dass es den Sport und die damit verbundenen Verbandsstrukturen dort schon seit 50 Jahren gibt und zum anderen an der deutlich höheren Anzahl blinder Menschen in der Bevölkerung. Dadurch gebe es auch mehr aktive Spieler, die den Sport weiterentwickeln. "Wenn man sich die brasilianischen Blindenfußballer anguckt, wie die dribbeln können, das ist atemberaubend", schwärmt Tönsing.

Seitdem der Sport 2004 paralympisch wurde, haben die Brasilianer jedes Mal Gold geholt und kein einziges Spiel im Turnier verloren. Deutschland konnte sich bislang noch nie für die Spiele qualifizieren. "Wir haben hier mit dem Sport deutlich später angefangen als andere Nationen, aber sind jetzt dabei, den Abstand zu verkleinern." Das große Ziel sind die paralympischen Spiele 2024 in Paris. Um sich diesen Traum zu erfüllen, möchte Tönsing dem Team mit dem helfen, was er am besten kann: Tore schießen.

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