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Benfica-Niederlage im Europa-League-Finale:Verflucht sei Béla Guttmann

Wieder ein Finale verloren: Die Spieler von Benfica im Turiner Stadion.

(Foto: AP)

Im Elfmeterschießen verliert Benfica Lissabon das Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla - es ist die achte Finalniederlage in Serie. Doch die Verantwortung dafür, da sind sich alle einig, tragen nicht die Spieler, sondern Trainerlegende Béla Guttmann.

Von Lisa Sonnabend

Unheil kündigte sich an. Óscar Cardozo legte den Ball auf den Elfmeterpunkt und ging ein paar Meter zurück, um Anlauf zu nehmen. Der Stürmer aus Paraguay rannte los, machte drei Schritte, doch plötzlich zögerte er. Er wurde langsamer, stoppte ganz ab. Dann ging es weiter, Cardozo tappelte noch drei Schritte und schoss. Die Kugel kullerte in Richtung linkes Toreck, Sevillas Torwart Beto musste sich nur kurz strecken, um sie abzuwehren.

Cardozos Teamkollege Rodrigo schoss seinen Versuch daraufhin ebenso harmlos, so dass Beto auch diesen Ball hielt. Die Folge: Benfica Lissabon verlor im Turiner Stadion das Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla 2:4 nach Elfmeterschießen. Ein Endspiel, das so knapp ausgeht, hat immer einen unglücklichen Verlierer. Doch der Niederlage der Lissaboner haftete eine besondere Tragik an.

Der portugiesische Meister verlor sein achtes internationales Finale in Serie. Im vergangenen Jahr war Benfica nach Verlängerung am FC Chelsea gescheitert, in den sechziger und achtziger Jahren verloren die Portugiesen mal knapp gegen Inter, mal gegen AC Mailand, mal nach Verlängerung gegen Manchester United. Der letzte Sieg im Europapokal gelang 1962 - vor 52 Jahren.

Trainerlegende Béla Guttmann hatte damals Benfica zum Titel geführt - danach jedoch den Verein mit einem Fluch belastet, daran glauben fast alle Anhänger des Hauptstadtvereins. Da dem ungarischen Trainer nach dem Erfolg eine Gehaltserhöhung verwehrt blieb, kündigte Guttmann seinen Job und polterte: "Benfica wird die nächsten 100 Jahre keinen Europacup mehr gewinnen."

Mehr als ein halbes Jahrhundert ohne Titel ist mittlerweile vergangen. Wer die Fans am Mittwochabend in Turin gesehen hat, wie sie schmerzverzerrt dreinblickten, als der erste Elfmeter verschossen wurde, wie sie sich nach der Niederlage weinend in den Armen lagen, der wünscht diesem Verein, dass nicht tatsächlich noch 48 Jahre vergehen, ehe der Fluch des Béla Guttmann, der 1981 starb, endet.

"Der Fluch geht weiter"

"Cardozo verlängert die Misere", titelte die portugiesische Zeitung Record am nächsten Morgen. A Bola, die meistverkaufte Sportzeitung des Landes, schrieb: "Der Fluch geht weiter." Das spanische Sportblatt Marca taufte Torhüter Beto, der das Spiel für Sevilla entschied, kurzerhand um in "Beto Guttmann". Ausgerechnet ein Portugiese im Trikot der Spanier hat die für Benfica so schicksalhafte und historische Partie gewonnen.

Beto warf sich nach dem Spiel auf den Boden, er weinte hemmungslos vor Freude. Der unglückliche Elfmeterschütze Cardozo dagegen hatte Tränen der Trauer in den Augen. Benficas Verteidiger Ezequiel Garay sagte: "Es ist nicht einfach, wenn du verlierst, besonders wenn du alles gegeben hast." Der Argentinier musste sich während der Partie mehrmals von gegnerischen Spielern Krämpfe rausdrücken lassen, nach der Entscheidung kniete er nieder, hielt sich die Hände vors Gesicht. Garay hatte zwar einige gute Möglichkeiten während des Spiels, doch er vergab sie. Béla Guttmanns Fluch konnte eben auch er nicht brechen.

Das Europa-League-Finale 2014 war kein hochklassiges Spiel, aber trotz null Toren nach 120 Minuten kein langweiliges. In der zweiten Hälfte setzten beide Teams alles daran, einen Treffer zu erzielen. Immer wieder stießen sie in den gegnerischen Strafraum vor. Benfica war dabei das gefährlichere Team. Doch je länger das Spiel dauerte, desto fahriger und nervöser wurden die Portugiesen. So als würden die polternden Worte von Béla Guttmann von der Stadionregie immer wieder über Lautsprecher eingespielt: "Benfica wird die nächsten 100 Jahre keinen Europacup mehr gewinnen." Während die Spieler aus Sevilla vor dem Elferschießen einen Kreis bildeten und sich verschwörerisch abklatschten, schlich die Mannschaft von Benfica zum Mittelkreis. Die schlecht platzierten Elfmeter waren eine logische Folge.

Am Donnerstagmorgen brach Benfica in aller Früh auf zum Flughafen von Turin. Die Spieler blickten zu Boden, die Schultern hingen, die Rollkoffer zogen sie kraftlos hinterher, einige hinkten leicht nach den Strapazen der vergangenen Nacht. Doch Benfica wird auch im kommenden Jahr wieder versuchen, den Fluch des Béla Guttmann zu brechen.

Die letzten zehn Finalspiele von Benfica Lissabon im internationalen Pokal:

1960/61 Pokal der Landesmeister FC Barcelona 3:2

1961/62 Pokal der Landesmeister Real Madrid 5:3

1962/63 Pokal der Landesmeister AC Mailand 1:2

1964/65 Pokal der Landesmeister Inter Mailand 0:1

1967/68 Pokal der Landesmeister Manchester United 1:4 n.V.

1982/83 UEFA Cup RSC Anderlecht 0:1, 1:1 (Hin- und Rückspiel)

1987/88 Pokal der Landesmeister PSV Eindhoven 5:6 n.E.

1989/90 Pokal der Landesmeister AC Mailand 0:1

2012/13 Europa League FC Chelsea 1:2

2013/14 Europa League FC Sevilla 2:4 n.E.

© Süddeutsche.de/holz
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