Beachvolleyball:Bässe gegen die Misstöne

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Beachvolleyball: Siegeszug im Sand: Die WM-Dritten Cinja Tillmann und Svenja Müller sichern sich den Meistertitel.

Siegeszug im Sand: Die WM-Dritten Cinja Tillmann und Svenja Müller sichern sich den Meistertitel.

(Foto: Otto Kasch/Lobeca/Imago)

Die deutsche Beachvolleyball-Szene feiert sich selbst - zum 30. Mal am Timmendorfer Strand. Die jüngeren Unruhen im Verband wirken aber noch nach.

Von Saskia Aleythe, Timmendorfer Strand

Hin und wieder kreist eine Möwe über den Zuschauern und schaut sich das Spektakel von oben an. Die Seebrücke wird gerade neu gebaut, Pfähle lugen schon hervor aus den Wellen am Timmendorfer Strand. Davor steht das Stadion der Beachvolleyballer, am Sonntag wurden dort die deutschen Meisterinnen gefeiert: Svenja Müller und Cinja Tillmann, die sich im Finale gegen Isabel Schneider und Sandra Ittlinger in zwei Sätzen durchsetzen konnten (25:23, 21:16). Es ist ein erfolgreiches Jahr für die beiden: Bei der WM Anfang Juni hatte das Duo Bronze gewonnen.

Schwere Bässe beschallten nun die Lübecker Bucht vier Tage lang, bis in den Abend hinein. Das war Party, unterbrochen von Ballwechseln, die gute Laune hier sollte jeder mitbekommen. Doch wie so oft sieht es hinter der Feierfassade ein bisschen anders aus. Wer sich zuletzt mit Beachvolleyball beschäftigte, der kam an den Misstönen nicht vorbei, die durch die Szene gehen. "Ich bin angenervt von der Gesamtsituation", sagt auch Karla Borger am Timmendorfer Strand.

Es ist ein schwieriger Sommer mit vielen Querelen: Erst stellte der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) Sportdirektor Niclas Hildebrand vor der Heim-EM in München frei, dann folgte der Rücktritt des "Head of Beach", Jürgen Wagner, der Kira Walkenhorst und Laura Ludwig sowie Julius Brink und Jonas Reckermann zu Olympia-Siegern geformt hatte - sein Rückzug war eine Reaktion auf den Abschied des Sportdirektors. "Dass man es nicht schafft, alle an einen Tisch zu bringen, und nicht für den Sport denkt, finde ich ultra schade", sagt Borger, 33.

Lebensmittelvergiftungen setzen mehrere Spielerinnen außer Gefecht

Ihre Mutter Cordula hat hier schon gespielt an der Ostsee, Karla war da noch als Kind dabei. "Dieser Ort ist sehr magisch und für mich auch faszinierend, ich kenne hier jede Wurzel und jede Qualle", sagt sie. 2014 und 2019 ist sie selbst deutsche Meisterin geworden, mit ihrer Partnerin Julia Sude war sie dieses Jahr topgesetzt. Doch eine Lebensmittelvergiftung schaltete Sude nun kurz vor den nationalen Wettkämpfen aus, auch drei weitere Spielerinnen waren betroffen. "Es ist schon enttäuschend, nur zugucken zu können", sagt Borger, aber sie bekommt jetzt auch besonders viel mit. Seit letztem Oktober sowieso, als sie zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland gewählt wurde.

Die Europameisterschaft in München hatten die Deutschen so schlecht abgeschlossen wie seit Jahren keine EM mehr, da konnte ja der Eindruck entstehen, dass die Kämpfe der Verantwortlichen im Hintergrund auch die Sportler verunsichert hatten. "Auf meinen Sport hat es keinen Einfluss, weil ich von Stunde eins an mein Ding mache und für mich spiele und nicht für jemand anderen", sagt Borger, sie wurde gemeinsam mit Sude Fünfte. Die Teams sind meist kleine Inseln mit eigenen Trainern und Physiotherapeuten, müssen viel selbst finanzieren. Einen Verband, der nach außen stark auftritt, hätte man trotzdem gerne. Zumal davon auch abhängt, wie es in Zukunft weitergeht.

Die German Beach Tour, deren Höhepunkt die deutschen Meisterschaften am Timmendorfer Strand sind, stand in diesem Jahr auf wackligen Beinen. Die Vermarktungsagentur des DVV war insolvent gegangen, es drohte nach den harten Corona-Zeiten ein weiteres Jahr ohne reguläre Serie. Dann sprang Alexander Walkenhorst, deutscher Meister vom Vorjahr, mit seiner Agentur als Veranstalter und Retter ein. Er gilt als umstrittener Charakter. Auch im kommenden Jahr wird die Zusammenarbeit mit Walkenhorst fortgeführt, wurde am Rande der Meisterschaften klar.

"Nur auf die Topathleten zu setzen, wird uns nicht helfen"

"Es macht mich traurig, wo wir herkommen und wo wir jetzt sind", sagt Karla Borger, "wir haben in Europa die größte, coolste Tour überhaupt gehabt." Für die Spitzenspieler ist die German Beach Tour nicht die wichtigste Adresse, aber die jungen Sportler werden darüber aufgebaut, sagt Borger. "Nur auf die Topathleten zu setzen, wird uns nicht helfen." Es geht um den Nachwuchs, der nach zwei Jahren Pandemie fast ohne Sport noch da ist. "Es gibt ganz wenig Nachwuchs im Volleyball. Keiner tut sich Leistungssport mehr so an wie wir früher", sagt sie.

Stabilität würde allen gut tun, aber eigentlich kennen sie es auch gar nicht anders, sagt Borger: "Ich weiß nicht, ob es dann nicht zu langweilig wäre." Und so galt es an der Ostsee erst einmal, sich auf das zu konzentrieren, worum es sportlich ging: Rio-Olympiasiegerin Kira Walkenhorst wurde mit Anna-Lena Grüne Dritte; Clemens Wickler und Nils Ehlers aus Hamburg gewannen das Finale am Sonntag gegen die Brüder Benedikt und Jonas Sagstetter (21:17, 21:12). Die Atmosphäre taugte ihnen jedenfalls vorher schon. "Timmendorf ist wie nach Hause kommen", sagte Wickler, "es ist immer eine geile Stimmung hier." Misstöne im Verband hin oder her.

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